Wertlose Hrywnja Ukrainische Flüchtlinge können kein Bargeld tauschen - EU sucht nach Lösung

Flüchtlinge aus der Ukraine können weiterhin ihre mitgebrachten Ersparnisse nicht in Euro umtauschen. Die EU-Kommission sucht seit mehr als einer Woche mit der EZB nach einer Lösung. Doch die ist nicht einfach.
Menschen aus der Ukraine holen kurz vor ihrer Flucht in die EU Ersparnisse von Bankautomaten ab. Doch ihre Landeswährung Hrywnja können sie derzeit nicht umtauschen

Menschen aus der Ukraine holen kurz vor ihrer Flucht in die EU Ersparnisse von Bankautomaten ab. Doch ihre Landeswährung Hrywnja können sie derzeit nicht umtauschen

Foto: SOPA Images/LightRocket via Getty Images

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine sind rund 3,5 Millionen Menschen in die EU geflohen. Viele von ihnen haben vor ihrer Flucht noch den Großteil ihrer Ersparnisse in Bargeld abgehoben, um dieses in Europa zu tauschen und sich erst einmal im neuen Land versorgen zu können. Stundenlang standen sie dafür vor dem Bankautomaten ihrer Heimatstädte in langen Schlangen an, teils noch, als bereits die ersten Bomben ihre Städte trafen.

Doch das Bargeld, das sie mitgebracht haben, ist seit mehr als einer Woche nutzlos. In der EU können ukrainische Geflüchtete die aus ihrer Heimat mitgebrachten Scheine nämlich nicht verwenden. Der Grund: Hrywnja, die ukrainische Landeswährung, wird von Banken nicht mehr in Euro getauscht. Banken und Wechselstuben nehmen die Währung nicht an, da sie kaum wissen, wie viel sie wert ist. Selbst wenn Wechselkurse zustande kommen, dann nur mit großen Abschlägen gegenüber dem Vorkriegsniveau oder gegen horrende Gebühren.

Nach Angaben der ukrainischen Nationalbank sind viele Geflüchtete gezwungen, solche inoffiziellen Wechselkurse zu akzeptieren. Die Zentralbank forderte die Ausreisenden daher auf, Bargeld bei den ukrainischen Banken zu hinterlegen und lieber Zahlungskarten zu verwenden, um im Ausland zu bezahlen. Aktuell ist ein Hrywnja nur noch rund drei Cent wert, weil die Ukraine den Großteil des Devisenhandels ausgesetzt und den offiziellen Wechselkurs für die Hrywnja auf dem Vorkriegsniveau eingefroren hat. Außerdem hat sie ein Moratorium für Devisenzahlungen verhängt, mit Ausnahme derjenigen, die die Kriegsanstrengungen des Landes unterstützen.

Wer demnach vor der Flucht russischer Bombenangriffe sein Konto leer geräumt hat, um im Ausland versorgt zu sein, muss nun feststellen, dass die Reserven nichts nützen. Foren zur Flüchtlingshilfe sind voll von entsprechenden Berichten. Bankenvertreter forderten daher seit Beginn der Flüchtlingswelle für das finanzielle Desaster eine europäische Lösung.

Ohne Geld sind die Menschen auf noch mehr Hilfe angewiesen, als ohnehin schon. Sie können weder Lebensmittel noch Kleidung oder Unterkunft bezahlen. Vielen ist das unangenehm, wie es in den Austauschforen zu lesen ist.

EU berät seit Tagen über einen Ausweg aus der Bargeld-Klemme

Auch nach einer Woche hat sich nichts an der aktuellen Situation verändert. Maßnahmen scheinen nicht so schnell zu finden zu sein. Noch berät die EU mit ihren Mitgliedstaaten nach einer Möglichkeit, die es ukrainischen Flüchtlingen ermöglicht, ihre Ersparnisse in Euro oder andere europäische Währungen umzutauschen und ihre Not zu lindern.

So befindet sich die Europäische Kommission seit nun mehr als einer Woche in Gesprächen mit der Europäischen Zentralbank über die Einrichtung einer Kreditmöglichkeit, die es ermöglichen soll, einen bestimmten Betrag von Ersparnissen in der ukrainischen Währung in Euro umzutauschen, wie die Financial Times berichtet . Ein Problem: Das System erfordert Garantien der EU-Mitgliedstaaten, um potenzielle Wertverluste der ukrainischen Währung zu decken. Und diese Sicherheiten können nicht gegeben werden.

Offiziell heißt es, dass die EU-Hauptstädte zwar bereit sind, die benötigte Absicherung zu gewähren, die sich auf mehrere Milliarden Euro belaufen könnten, die rasche Umsetzung sich jedoch als komplexe rechtliche und technische Herausforderung erweist.

"Komplexe rechtliche und technische Herausforderung"

Die EZB hat bisher beschlossen, dass sie Hrywnja nicht ohne eine staatliche Garantie in Euro umtauschen kann, da dies als monetäre Finanzierung von Regierungen angesehen werden könnte, was nach dem EU-Vertrag verboten ist. Die Sorge der EZB besteht darin, dass sie eine große Menge Hrywnja halten muss, die einen großen Teil ihres Wertes verlieren könnte und nicht bei der ukrainischen Zentralbank in Euro zurückgetauscht werden kann – zumindest bis der Krieg vorbei ist.

Christine Lagarde (66), Präsidentin der EZB, sagte, die Zentralbank habe das vergangene Wochenende damit verbracht, eine Lösung zu finden, die es ihr erlaube, die Hrywnja der Flüchtlinge in Euro umzutauschen. "Es ist kompliziert", sagte sie. "Wir brauchen eine Garantie für den Umtausch. Manchmal zeigen unsere rechtlichen Rahmenbedingungen in Krisenzeiten ihre Grenzen."

Die EZB übermittelte der Kommission einen Vorschlag, wie ein System zur Umrechnung von Hrywnja in Euro funktionieren könnte, bei dem eine EU-Garantie zur Deckung des Risikos von Wechselkursverlusten bei der Zentralbank eingesetzt wird. Wie jedoch die langfristige Lösung aussehen soll, kann sie noch nicht verraten. "Wir sind uns der Ernsthaftigkeit dieses Problems bewusst, und auf europäischer Ebene werden Lösungen geprüft, um ukrainischen Flüchtlingen beim Umtausch ihrer Währung zu helfen", heißt es von einer Sprecherin der EZB am Freitag gegenüber dem manager magazin.

Keine Lösung in der gesamten EU

In der gesamten EU ist derzeit die Nachfrage nach Bargeld hoch. In Litauen verdoppelte sich die Zahl der Bargeldabhebungen nach dem Einmarsch in die Ukraine, was dazu führte, dass einige Geldautomaten leer liefen. Die Zentralbanken von Estland, Lettland, Finnland, der Slowakei und Ungarn meldeten ebenfalls eine höhere Nachfrage nach Bargeld. Auch das älteste Kreditinstitut Schwedens, die Swedbank, meldete einen Rekordwert an Bargeldabhebungen seit drei Jahren.

In Polen, wo derzeit mehr als 2,1 Millionen Menschen aus der Ukraine Schutz suchen, ist das Problem besonders akut. Nach Aussagen der polnischen Zentralbank sei der Bargeldumlauf um elf Prozent gestiegen, weil es in der ersten Woche nach dem Krieg zu massiv vielen Abhebungen gekommen sei, die "Probleme mit der Verfügbarkeit von Bargeld in Geldautomaten" verursacht hätten.

Polnische Zentralbank geht eigenen Weg

Die polnische Zentralbank habe zudem als ersten Lösungsansatz mit ihrem ukrainischen Pendant ein Abkommen unterzeichnet, das es erwachsenen Flüchtlingen ermöglicht, bis zu 10.000 Hrywnja pro Person zu einem "gerundeten, offiziellen" Kurs umzutauschen.

Die Kommission muss demnach dringend einen Mechanismus einrichten, mit dem die EU-Mitgliedstaaten die Garantie finanzieren können, da die EU in ihrem Haushalt nicht über die erforderlichen Mittel verfügt. Aus einem internen Vermerk der Kommission, den die Financial Times einsehen konnte, geht hervor, dass die Garantie zwischen einer und drei Milliarden Euro betragen könnte, wobei eine Obergrenze von 300 Euro pro Flüchtling angenommen wird. Ob das reicht, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.