"Unmittelbar vor Zahlungsausfall" Ratingagentur stuft Russland weiter herab

Die Bonität Russlands erodiert durch die westlichen Sanktionen weiter, laut Ratingagentur Fitch könnte das Land "unmittelbar vor Zahlungsausfall" stehen. Die Zentralbank schränkt den Devisenhandel nun drastisch ein.
Blick auf Moskau: Auf den Finanzmärkten längst im Ramschbereich

Blick auf Moskau: Auf den Finanzmärkten längst im Ramschbereich

Foto: AP / dpa

Auf den internationalen Finanzmärkten hat es Russland durch die westlichen Sanktionen schwer. Doch was den Druck auf Präsident Wladimir Putin wegen seines Angriffskriegs in der Ukraine erhöhen und den Kreml durch die Isolierung der russischen Wirtschaft zum Einlenken bringen soll, birgt für Investoren unangenehme Nebenwirkungen: Experten sehen Russlands Schuldendienst akut in Gefahr. Nach 1998 könnte es erneut zu einer Staatspleite kommen – trotz voller Staatskasse.

Die Ratingagentur Fitch hat nun Russlands Bonitätsnote erneut gesenkt. Das Unternehmen stufte die Kreditwürdigkeit am Dienstag von B auf C noch tiefer in den sogenannten Ramschbereich ab, der hochriskante Anlagen kennzeichnen soll. Die Agentur bewertete das Risiko, dass Russland seine Staatsschulden nicht mehr zurückzahlen könnte als "unmittelbar bevorstehend". Ein Zahlungsausfall dürfte unmittelbar bevorstehen, teilte Fitch mit. Die Bonitätswächter begründeten die Einschätzung mit gestiegenen Zweifeln an Russlands Zahlungsbereitschaft.

Durch die Sanktionen wegen Russlands Angriffskriegs gegen die Ukraine seien die Möglichkeiten, Schulden bei internationalen Gläubigern zu bezahlen, ohnehin eingeschränkt. Auch die zwei anderen großen Ratingagenturen S&P und Moody's hatten Russlands Bonität zuletzt noch tiefer in den Ramschbereich gesenkt. Eigentlich ist Russlands Staatskasse gut gefüllt. Als kritisch gilt jedoch besonders der durch die Sanktionen stark begrenzte Zugriff auf Währungsreserven.

Milliarden-Staatsanleihe läuft aus

Sie werden angesichts des Verfalls des Rubels für das Land immer wichtiger, doch Russland kommt schwerer an ausländische Währungen heran. Auch weil die hohen Reserven der russischen Zentralbank von mehr als 600 Milliarden Dollar faktisch blockiert sind. Der Aktienhandel an der Moskauer Börse ist wegen der Sanktionen bereits seit mehr als einer Woche ausgesetzt.

Die russische Zentralbank hat nun auch noch drastische Einschränkungen für den Devisenhandel verhängt. So werden russische Banken – zunächst bis zum 9. September – kein ausländisches Bargeld mehr an Bürger verkaufen können, wie die Zentralbank in der Nacht mitteilte. Putin hatte bereits eine Obergrenze für die Ausfuhr an ausländischem Bargeld von 10.000 Dollar pro Person verhängt.

Nun kann man von einem Devisenkonto Bargeld in ausländischer Währung auch nur noch bis zu einem Betrag von 10.000 Dollar – und auch nur noch Dollar – abheben. Bei höheren Beträgen wird der Rest in Rubel zum Tageskurs ausgezahlt. Auch Länder, die auf Russlands Liste "unfreundlicher Staaten" stehen, werden nur noch in Rubel bezahlt. Für den Umtausch ausländischer Währungen in Rubel gibt es hingegen keine Einschränkungen.

Bündel mit Rubel-Scheinen: Höhere Beträge werden nur noch in Landeswährung zum Tageskurs ausgezahlt

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Zuletzt hatte es lange Schlangen an Geldautomaten gegeben. Die Zentralbank verwies jedoch darauf, dass auf 90 Prozent der bei russischen Banken geführten Konten in ausländischen Währungen weniger als 10.000 Dollar lägen.

Angesichts dieser Lage hält der Präsident des Berliner DIW-Instituts, Marcel Fratzscher, eine Staatsschuldenpleite Russlands in den kommenden Monaten für sehr wahrscheinlich. Aufgrund der westlichen Sanktionen bestehe ein hohes Risiko, dass Russland seine Schulden bei internationalen Gläubigern nicht bediene, sagte Fratzscher. Unter einem Zahlungsausfall würden auch einige deutsche Investoren leiden. Zudem könne es zu Verwerfungen auf den Finanzmärkten kommen.

Dem Finanznachrichtendienst Bloomberg zufolge hat Russland 49 Milliarden Dollar an Staatsanleihen in Dollar und Euro offen. Am 16. März stehen Zinszahlungen über mehr als 100 Millionen Dollar an. Am 4. April läuft eine Anleihe über zwei Milliarden Dollar aus.

"Wir sehen einen Zahlungsausfall als wahrscheinlichstes Szenario", schrieb die US-Investmentbank Morgan Stanley am Montag an Klienten. "Ich wäre schockiert – absolut schockiert – wenn sie sich die Mühe machen, ihren Zahlungen später in diesem Monat nachzukommen", sagte der Ex-Hedgefondsmanager Jay Newman jüngst in einem Bloomberg-Interview.

apr/dpa
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