Lira-Talfahrt bringt Schuldenproblem "Türkei ist Kandidat für Zahlungsausfall"

Mit dem Austausch der Notenbankspitze schickt der türkische Präsident Erdoğan die heimische Lira wieder auf Talfahrt. Niedrige Zinsen drohen die Inflation in der Türkei nun neu anzuheizen - und ein noch größeres Problem zu verschärfen.
Grüße aus dem Währungstal: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan vergangene Woche bei einer Videokonferenz

Grüße aus dem Währungstal: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan vergangene Woche bei einer Videokonferenz

Foto: POOL / REUTERS

Da hat der türkische Präsident die Kapitalmärkte auf dem falschen Fuß erwischt: Nachdem Recep Tayyip Erdoğan (67) am Wochenende überraschend den Chef der türkischen Notenbank ausgetauscht hat, gerieten zu Wochenbeginn die Finanzmärkte des Schwellenlandes in heftige Turbulenzen. An der Börse in Istanbul brachen die Aktienkurse ebenso ein wie die türkischen Staatsanleihen. Die Landeswährung Lira verlor am Montag zeitweise mehr als 15 Prozent an Wert, machte allerdings später einen Teil der Verluste wieder wett.

Die Anlegerflucht verwundert nicht. Der bisherige Notenbankchef Naci Ağbal (53) war erst seit wenigen Monaten im Amt und hatte in der Zeit mit Zinserhöhungen das Vertrauen internationaler Investoren in die Türkei zumindest zum Teil wiedergewonnen. Als Ağbal im November 2020 an die Notenbankspitze rückte, betrug der Leitzins des Instituts etwas mehr als 10 Prozent. Zu wenig, wie Anleger aus aller Welt offenbar fanden - sie zogen seit Jahren Kapital aus dem Land ab, brachten türkische Unternehmen so in Schwierigkeiten und schickten die Lira auf Talfahrt. War eine Lira zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts noch mehr als 0,4 Euro wert gewesen, so waren es zu Ağbals Amtsantritt nur noch rund 0,1 Euro.

Gleich in der ersten Sitzung unter Leitung Ağbals beschloss die Notenbank dann jedoch eine Anhebung des Leitzinses auf 15 Prozent. Die Finanzmärkte reagierten wie erhofft, die Entwicklung der Lira änderte ihre Richtung. Begleitet von weiterem Zinsanstieg legte die Währung in den vergangenen Monaten stetig zu und kostete in der Spitze immerhin wieder rund 0,12 Euro.

Vergangene Woche erhöhte die Notenbank unter Ağbal den Leitzins erneut, diesmal um 2 Prozentpunkte auf 19 Prozent. Das war für Präsident Erdoğan, einen erklärten Gegner höherer Zinsen, offenbar der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Er schasste Ağbal und ersetzte ihn durch Şahap Kavcıoğlu (54), einen Professor für Bankwirtschaftslehre und treuen Unterstützer der Linie des Präsidenten. Die Folge: Anleger an den türkischen Finanzmärkten nahmen wieder Reißaus.

Inflation wird normalerweise mit Zinserhöhung bekämpft

Ein höherer Leitzins werde in der Türkei dringend benötigt, um der ausufernden Preisentwicklung im Lande Herr zu werden, lautet dabei die Argumentation vieler Volkswirte. Zuletzt betrug die Inflationsrate in der Türkei 15 Prozent. Und ein Blick ins volkswirtschaftliche Lehrbuch genügt um zu wissen: Zinsanhebungen gelten als probates Mittel, um eine solche Geldentwertung zu bekämpfen. Zum einen steigern höhere Zinsen die Sparquote und dämpfen den Konsum. Zum anderen wird die Ausweitung der Geldmenge gebremst, was ebenfalls gegen die Überhitzung an der Preisfront wirkt.

Präsident Erdoğan hält jedoch dagegen: Er glaubt - anders als die meisten Ökonomen -, die Inflation auch mit niedrigen Zinsen in den Griff zu bekommen. Dabei hofft der Präsident vor allem darauf, dass Unternehmen in einem solchen Umfeld investieren und Arbeitsplätze schaffen.

Das eigentliche Problem sind die Schulden

Als brächte die Inflation nicht schon genug Schwierigkeiten für die Türkei mit sich, kommt beim Thema Zins und Lira-Kurs noch ein weiteres, womöglich fataleres Problem hinzu: Die Türkei und insbesondere die Unternehmen dort sitzen auf einem riesigen Berg an Auslandsschulden. Je schwächer die Lira gegenüber anderen Währungen wie vor allem dem Dollar notiert, desto schwerer fallen die in diesen Währungen lautenden Schulden ins Gewicht. Zins und Tilgung werden für türkische Firmen also beim Verfall der Lira immer teurer - bis sie womöglich nicht mehr bedient werden können. Dann droht der Kollaps: Ausländische Banken könnten den Geldhahn zudrehen.

Insgesamt belaufen sich die Auslandsschulden der Türkei nach Angaben der dortigen Notenbank auf rund 435 Milliarden Dollar. Etwa ein Drittel der Summe entfällt auf Unternehmen und private Haushalte, der Rest auf Finanzinstitute, die Notenbank selbst sowie die öffentliche Hand. Laut Notenbank lauten rund 57 Prozent dieser Schulden auf US-Dollar. Weitere 30 Prozent sind in Euro notiert.

Nach Ansicht von Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank mit besonderem Faible für die Schwellenländer, machen die Zahlen deutlich, in welcher Gefahr die Türkei und ihre Unternehmen schweben. "Die Inflation mit niedrigen Zinsen zu bekämpfen, wird nicht funktionieren", sagt Gitzel im Gespräch mit dem manager magazin. "Vor allem aber sind höhere Zinsen in der Türkei dringend nötig, um eine weitere Abwertung der Lira zu verhindern, die die fremdverschuldeten Unternehmen andernfalls in große Schwierigkeiten bringen wird."

Laut Gitzel ist den wenigsten Anlegern klar, wie plötzlich der Ernstfall eintreten kann. "Es muss nur eine Bank ihre Kreditlinie streichen, dann werden andere sofort nachziehen", sagt er. "Das kann von heute auf morgen passieren." Nach Einschätzung des Ökonomen ist am Ende einer solchen Verkettung selbst eine Staatspleite nicht ausgeschlossen. "Sollte es dem Land nicht gelingen, nachhaltiges Vertrauen in seine Geldpolitik zu schaffen, so ist die Türkei ein Kandidat für einen Zahlungsausfall", so Gitzel.

Mit der Sorge steht er kaum allein da. Auch Ratingagenturen wie Standard & Poor's, Moody's oder Fitch, haben die Türkei längst aus dem Kreis der sicheren Schuldner verstoßen. Sie sehen das Land nur noch am unteren Ende der Bonitätsskala - kurz vor hochriskant.

cr
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