Kurssturz Präsident Erdoğan schwört seine Landleute auf die Lira ein

Angesichts hoher Inflation und Kursverfall halten die Türken etwa die Hälfte ihrer Ersparnisse in Fremdwährungen und Gold. Präsident Recep Tayyip Erdoğan fordert sie auf, sich davon zu trennen - der türkischen Lira hilft das kaum.
"Die türkische Lira ... ist es, mit dem wir vorwärtsgehen werden", beschwört Recep Tayyip Erdoğan seine Landsleute, doch ...

"Die türkische Lira ... ist es, mit dem wir vorwärtsgehen werden", beschwört Recep Tayyip Erdoğan seine Landsleute, doch ...

Foto: Adem Altan / AFP

Vor dem Hintergrund der Lira-Krise hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die gängige ökonomische Lehre zu Zinsen als "kapitalistische Logik des Westens" kritisiert und seine Niedrigzinspolitik verteidigt. Selbst Menschen, die ihm nahe stehen, glaubten, dass hohe Zinsen eine hohe Inflation bekämpfen könnten. "Aber solange ich lebe, behaupte ich fest: Leitzinsen sind der Grund und Inflation die Folge", sagte Erdoğan am Freitag.

... viele Türken haben genug von 20 Prozent Inflationsrate und gingen auch kurz vor Weihnachten gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung auf die Straßen

... viele Türken haben genug von 20 Prozent Inflationsrate und gingen auch kurz vor Weihnachten gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung auf die Straßen

Foto: DILARA SENKAYA / REUTERS

Erdoğan bemühte erneut den Koran, um seine Niedrigzinspolitik zu verteidigen. Der Islam verbietet sehr hohe Zinssätze oder Spargewinne und Wucher. Gelehrte sind allerdings gespalten in der Frage, wie ein angemessener Gewinn formuliert werden kann.

Euro/Türkische Lira

Erdoğan rief die Bevölkerung dazu auf, an ihren Ersparnissen in türkischer Lira festzuhalten. "Ich möchte, dass alle meine Bürger ihre Ersparnisse in unserer eigenen Währung aufbewahren und alle ihre Geschäfte in unserer eigenen Währung abwickeln", sagte er bei einer Rede in Istanbul. "Vergessen wir nicht: Solange wir nicht unser eigenes Geld als Maßstab nehmen, sind wir zum Untergang verurteilt. Die türkische Lira, unser Geld, das ist es, mit dem wir vorwärtsgehen werden. Nicht mit dieser oder jener Fremdwährung."

"Ich möchte, dass alle meine Bürger ihre Ersparnisse in unserer eigenen Währung aufbewahren und alle ihre Geschäfte in unserer eigenen Währung abwickeln"

Präsident Recep Tayyip Erdoğan

Zugleich forderte der Präsident, gehortetes Gold ins türkische Bankensystem einzuspeisen. "Je mehr von den 5000 Tonnen, die unter den Kissen aufbewahrt werden, in die Wirtschaft eingebracht wird, umso mehr erstarken wir als Land und als Volk." Nach offiziellen Daten halten die Bürger der Türkei etwa die Hälfte ihrer Ersparnisse in Fremdwährungen und Gold. Hintergrund ist ein Vertrauensverlust in die heimische Lira, die in diesem Jahr massiv an Wert verloren hat. Sie hat 40 Prozent eingebüßt und erlebte damit ihr schwärzestes Jahr seit 20 Jahren.

Auch türkische Firmen, die nicht mit Fremdwährungen handeln, sollten kein anderes Finanzinstrument als die Lira verwenden, sagte Erdoğan. Mit Blick auf die hohe Fluktuation bei Wechselkursen und die Preisschwankungen im Land sagte er, er erwarte eine "rapide Normalisierung".

Erholung der Lira währte nur kurz

Die türkische Zentralbank hat im laufenden Monat fünfmal am Kapitalmarkt interveniert. Angaben der Zentralbank vom Freitag zufolge wurden bei den ersten drei Malen mehr als zwei Milliarden Dollar aufgebracht. Die türkische Lira hatte Anfang vergangener Woche ihre Verluste gegenüber Dollar und Euro eingrenzen können, nachdem Erdoğan angekündigt hatte, zum Schutz der Sparer künftig die Differenz zwischen Lira-Anlagen und vergleichbaren Dollar-Anlagen aus der Staatskasse begleichen zu wollen. Mit welchem Geld die Regierung die Differenzen dauerhaft ausgleichen wolle, blieb laut Analysten aber unklar. Nach Weihnachten verlor die Lira wieder an Wert: Kostete ein Dollar zwischenzeitlich 10,7 Lira, mussten Türken zuletzt 13,5 Lira und mehr für einen Dollar bezahlen.

Die türkische Zentralbank folgt seit Spätsommer ungeachtet einer hohen Inflation von zuletzt gut 21 Prozent einem strikten Kurs niedrigerer Zinsen. Allerdings wird durch die Kursverluste der Lira die Teuerung noch weiter angefacht. Präsident Erdoğan übt fortlaufend Druck auf die Notenbank aus, um die Zinsen weiter zu senken. Er hat bereits mehrfach ranghohe Notenbanker entlassen, die sich seinem Kurs widersetzt haben.

rei/dpa-afx/Reuters