Drei Notenbanker gefeuert Erdoğan schickt Lira auf Rekordtief

Recep Tayyip Erdoğan betrachtet die türkische Zentralbank offenbar als sein persönliches Spielzeug. Drei Notenbankchefs hat er in 30 Monaten gefeuert. Jetzt setzt er gleich drei Top-Notenbanker vor die Tür. Die Lira stürzt auf ein historisches Tief.
Recep Tayyip Erdoğan: Der türkische Präsident tauscht das Personal der türkischen Zentralbank nach Belieben aus und steuert somit die Geldpolitik

Recep Tayyip Erdoğan: Der türkische Präsident tauscht das Personal der türkischen Zentralbank nach Belieben aus und steuert somit die Geldpolitik

Foto: ADEM ALTAN/ AFP

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan (67) hat sich erneut in die Personalpolitik der Notenbank eingemischt und damit den Weg für neue Zinssenkungen geebnet. Er entließ die beiden stellvertretenden Zentralbankchefs Semih Tumen und Ugur Namik Kücük sowie mit Abdullah Yavas das erfahrenste Mitglied des geldpolitischen Ausschusses, meldete das türkische Amtsblatt am Donnerstag. Kücük und Yavas hatten den selbst ernannten "Zinsfeind" Erdoğan zuletzt verärgert, weil sie sich gegen die im vergangenen Monat beschlossene Zinssenkung gestemmt hatten.

Taha Cakmak wurde als stellvertretender Notenbankchef bestellt, Yusuf Tuna als neues Mitglied im geldpolitischen Ausschuss - beide gelten bei Zentralbankern und Ökonomen als unbeschriebene Blätter.

Die Finanzmärkte zeigten sich wenig angetan, zumal Erdoğan binnen zweieinhalb Jahren bereits drei Notenbankchefs den Laufpass gegeben hatte. Der Kurs der Landeswährung Lira sank zeitweise auf ein Rekordtief von 9,1900 zum Dollar. Sie hat allein in diesem Jahr rund 19 Prozent an Wert verloren, in den vergangenen drei Jahren mehr als die Hälfte.

Schuld daran hat Beobachtern zufolge auch die ständige Einmischung Erdoğans in Zentralbank-Angelegenheiten, die das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Währungshüter und in die Lira untergrabe. "Die Lira hat in den vergangenen Jahren ihren institutionellen Rückhalt verloren", sagte Ökonom Arda Tunca, vom Finanzdienstleister Eko Faktoring. Die erneute Personalrochade deute "stark darauf hin, dass die Zentralbank nicht mehr in der Lage ist, die Geldpolitik der Türkei zu steuern".

Die Inflation galoppiert davon

Das Präsidialamt erklärte, Erdoğan habe sich mit Zentralbankchef Sahap Kavcioglu (54) getroffen und veröffentlichte ein gemeinsames Foto. Vor einer Woche hatte Reuters von mit der Sache vertrauten Personen erfahren, dass der Präsident das Vertrauen in den Zentralbankchef verloren habe. Grund sei, dass Kavcioglu nicht rasch genug den Leitzins gesenkt habe.

Vergangenen Monat hatte die Zentralbank den Leitzins von 19 Prozent auf 18 Prozent gesenkt, trotz einer Inflation von rund 20 Prozent. Beobachter sehen dahinter den Einfluss Erdoğans, der ein erklärter Gegner hoher Zinsen ist. Die Inflationsrate liegt weit entfernt vom offiziellen Ziel, das nur bei fünf Prozent liegt. Die Abwertung der Lira birgt ein Inflationsrisiko, da das rohstoffarme Land auf hohe Importe angewiesen ist, die meist in Devisen bezahlt werden müssen. Bei einer hohen Inflation müsste die Zentralbank nach Expertenmeinung eigentlich ihre Zinsen erhöhen. Das könnte den Kurs der Landeswährung Lira stützen, die dann für Anleger attraktiver würde.

"Türkei ist Kandidat für Zahlungsausfall"

"Die Inflation mit niedrigen Zinsen zu bekämpfen, wird nicht funktionieren", sagte unlängst Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank im Gespräch mit dem manager magazin. "Vor allem aber sind höhere Zinsen in der Türkei dringend nötig, um eine weitere Abwertung der Lira zu verhindern, die die fremdverschuldeten Unternehmen andernfalls in große Schwierigkeiten bringen wird."

Laut Gitzel ist den wenigsten Anlegern klar, wie plötzlich der Ernstfall eintreten kann. "Es muss nur eine Bank ihre Kreditlinie streichen, dann werden andere sofort nachziehen", sagt er. "Das kann von heute auf morgen passieren." Nach Einschätzung des Ökonomen ist am Ende einer solchen Verkettung selbst eine Staatspleite nicht ausgeschlossen. "Sollte es dem Land nicht gelingen, nachhaltiges Vertrauen in seine Geldpolitik zu schaffen, so ist die Türkei ein Kandidat für einen Zahlungsausfall", so Gitzel.

rei/cr/Reuters