Steigende Gewinne, billiges Geld Wann platzt die Tech-Blase?

Steigende Gewinne, steigende Kurse: Die Mehrzahl der Unternehmen hat im dritten Quartal besser verdient als erwartet, trotz Corona, Chipmangels und gestörten Lieferketten. Dennoch deutet sich an den Börsen ein Favoritenwechsel an, denn die turmhohe Bewertung der Tech-Titel ist nicht nur von Gewinnen getrieben.
Alles auf Tech: 90 Prozent der Technologieunternehmen haben im dritten Quartal mehr verdient als erwartet. Zudem nutzen viele Unternehmen das billige Geld für Aktienrückkäufe

Alles auf Tech: 90 Prozent der Technologieunternehmen haben im dritten Quartal mehr verdient als erwartet. Zudem nutzen viele Unternehmen das billige Geld für Aktienrückkäufe

Foto: Reuters / REUTERS

Die globalen Champions zeigen Stärke: Trotz Corona-Blues, Teilemangel und weltweit gestörten Lieferketten hat die Mehrzahl der börsennotierten Unternehmen in USA und Europa im dritten Quartal die Erwartungen übertroffen. Rund drei Viertel der im US-Index S&P 500 notierten Unternehmen haben bereits berichtet, und die große Mehrheit überraschte positiv. 83 Prozent haben ihre Gewinnschätzungen übertroffen, und 67 Prozent erzielten mehr Umsatz als erwartet. Damit marschieren US-Unternehmen wieder einmal voran.

In Europa sieht es etwas bescheidener aus: Rund zwei Drittel der Stoxx600 Firmen haben bereits berichtet, und von diesen konnten immerhin rund 60 Prozent mehr Gewinn melden als erwartet. 63 Prozent übertrafen dabei die Umsatzschätzungen. "Die Q3-Ergebnisse geben Anlass zu Optimismus", sagt Salman Baig, Fondsmanager beim Schweizer Vermögensverwalter Unigestion. Zumal steigende Gewinne und Umsätze breit gestreut sind und sich quer durch alle Branchen zeigen: Bei den US-Techunternehmen haben 90 Prozent aller Firmen höhere Gewinne gemeldet als erwartet, doch auch im Versorgersektor waren es immerhin noch 60 Prozent.

Zahlreiche Unternehmen dies- und jenseits des Atlantiks haben daraufhin ihre Gewinn- und Umsatzprognosen für 2021 erhöht. Die Kursrallye an den Aktienmärkten nahm daraufhin noch einmal Fahrt auf: Insbesondere im Technologiesektor, schon vorher Liebling der Aktionäre, sind die Bewertungen noch einmal deutlich gestiegen.

Chipmangel, gestörte Lieferketten – na und?

Themen wie Arbeitskräftemangel, Chipknappheit oder Störungen der weltweiten Lieferkette konnten die Aktienrallye der vergangenen Wochen nicht bremsen – obwohl zahlreiche Unternehmen in ihren Quartalsberichten darauf hingewiesen haben. Tech-Darling Apple zum Beispiel schätzt, dass Lieferengpässe im dritten Quartal den iPhone Hersteller rund 6 Milliarden Dollar gekostet haben und sich das Problem im vierten Quartal verschärfen wird. Amazon erwartet für das vierte Quartal rund 4 Milliarden Dollar Kosten, die durch fehlende Arbeitskräfte und gestörte Lieferketten entstehen. Der Sportartikelhersteller Nike senkte aus diesen Gründen seine Prognose für 2021, und der US-Chipriese Intel wagt nur auf einen sehr vorsichtigen Ausblick auf das Jahr 2022. Auch die deutschen Autohersteller wie Volkswagen und Daimler haben nach einem fulminanten ersten Halbjahr ihre Umsatzprognosen für 2021 wegen des Chipmangels wieder zurückgefahren.

"Nur wenige Unternehmen konnten sich diesem Gegenwind entziehen", sagt Unigestion-Fondsmanager Baig. "Viele erwarten, dass diese Probleme auch im vierten Quartal und in einigen Fällen auch im nächsten Jahr bestehen werden."

Viele Firmen nutzen Geldflut – für Aktienrückkäufe

Dass die Bewertungen am Aktienmarkt trotz dieser offenkundigen Probleme weiter steigen, hat nicht nur mit den soliden Gewinnen vieler Firmen, sondern auch mit der Geldflut der Notenbanken weltweit zu tun. Firmen in USA und Europa wurden unmittelbar nach Beginn der Coronavirus-Krise von Fed und EZB mit Bargeld überschwemmt, und auch knapp zwei Jahre nach Beginn der Pandemie halten die Notenbanken die Geldschleusen offen, Geld ist weiterhin extrem billig.

Unternehmen haben begonnen, ihr Kapital zu nutzen: Im Idealfall sind es verstärkte Investitionen wie im Energie-, Öl und Gassektor, die von den Notenbanken dringend erwünscht sind, weil sie für Wachstum sorgen. Doch viele Unternehmen nutzen das billige Geld schlicht zur Kurspflege, indem sie eigene Aktien zurückkaufen. Nach Recherchen von Unigestion haben die Aktienrückkäufe im S&P 500 im dritten Quartal um 13 Prozent zugenommen, im Vergleich zum Vorjahr beträgt der Anstieg knapp 70 Prozent. Mehr als 80 Prozent der Aktienrückkäufe wurde mit Bargeld finanziert: In diesem Jahr wurden bereits Aktienrückkäufe im Wert von 730 Milliarden Dollar angekündigt.

730 Milliarden Dollar zur Kurspflege: Das ist bereits mehr als im gesamten Vorcorona-Jahr 2019. Solange Geld so billig ist wie derzeit, sind Aktienrückkäufe ein beliebtes Mittel, um den Kurs und damit die Bewertung des eigenen Unternehmens weiter in die Höhe zu treiben.

Steigende Zinsen dürften für Favoritenwechsel sorgen

Dieses Mittel funktioniert, solange Geld billig bleibt. Doch die US-Notenbank hat in der vergangenen Woche damit begonnen, behutsam umzusteuern. Die Zentralbank reduziert das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe. Steigende Zinsen im zweiten Halbjahr 2022 sind wahrscheinlich.

Während die hoch bewerteten Technologietitel unter steigenden Zinsen leiden dürften, hoffen Unternehmen aus der Finanzbranche auf Entspannung. Und auch die steigenden Energiepreise haben in den vergangenen Wochen für einen Favoritenwechsel gesorgt: Unternehmen aus der für lange Zeit gemiedenen Öl-, Gas- und Energiebranche legten ebenso zu wie Aktien großer Konsumgüterhersteller, die mit ihrer Preissetzungsmacht höhere Preise an Konsumenten weitergeben  und damit der Inflation trotzen können.

Sogar Unternehmen aus der Reise- und Touristikbranche wie Lufthansa, Tui, Carnival oder Norwegian Cruise könnten zu den neuen Favoriten zählen: Die Ankündigung des Pharmakonzerns Pfizer, die Zulassung für ein Corona-Medikament beantragt zu haben, das bei Infizierten schwere Krankheitsverläufe deutlich abmildern könnte, hat die Branche bereits in der vergangenen Woche gestärkt. Zudem erlauben jetzt auch die USA wieder die Einreise von geimpften Reisenden aus der EU.

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Alles auf Tech – viel Kapital steckt im US-Technologiesektor

Dagegen gerieten Tech-Aktien wie Netflix oder Zoom, die als "Bleib-Zuhause-Aktien" zu den größten Corona-Gewinnern gehört hatten, bereits kräftig unter Druck. Auch der aktuelle Kursrutsch von Tesla zeigt: Nach der fulminanten Tech-Rallye weltweit steigt bei vielen Anlegern die Bereitschaft, Gewinne in Sicherheit zu bringen und das Portfolio breiter aufzustellen.

Apple zum Beispiel wird trotz der oben genannten Schwierigkeiten noch mit dem 27-fachen des erwarteten Gewinns bewertet. Bei Google-Mutter Alphabet, dessen Bewertung am Montag über die Marke von 2 Billionen Dollar stieg, liegt das Kurs/Gewinnverhältnis aktuell sogar leicht über 27 (Die Alphabet-Aktie  erreichte am Montag mit 3010 US-Dollar zeitweise ein Rekordhoch). Alphabet hat seit Jahresbeginn mehr als 70 Prozent zugelegt. Zudem konzentriert sich weiterhin sehr viel Kapital im Tech-Sektor: Allein die drei Tech-Riesen Microsoft, Apple und Amazon machen derzeit 15 Prozent des Börsenwertes im S&P 500 aus – also einem Index mit 500 Unternehmen. Auch das ist ein Grund, über einen Favoritenwechsel nachzudenken.

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