Banken verlangen Geld-Verwahrgebühr Darum sind Strafzinsen ein Segen für Sparer

Wegen ihrer Strafzinsen stehen Banken und Sparkassen in der Kritik. Warum eigentlich? Bankkunden, die sich aktuell über Verwahrgebühren ärgern, könnten langfristig froh über die "schöpferische Zerstörung" sein.
Junge Geldanlage: Sparerinnen und Sparer kaufen zunehmend Aktien per Smartphone, anstatt ihr Geld aufs Sparbuch zu legen

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Foto: Peter Gercke/ dpa

"Manchmal geschehen in der Politik auch Wunder durch bloßes Nichtstun", sagt Thorsten Schrieber. Deutschland werde zur "Rentnerrepublik", immer mehr Menschen befänden sich wegen des demografischen Wandels im Ruhestand. Aber bei der Altersvorsoge liege weiterhin vieles im Argen, so der Vertriebsvorstand des Vermögensverwalters DJE Kapital aus Pullach bei München. Die Strafzinsen, die Banken und Sparkassen seit geraumer Zeit zunehmend erheben - von den Instituten gern vornehm als "Verwahrentgelt" bezeichnet - kommen der Regierung in dieser Notlage nun ziemlich unverhofft zu Hilfe, sagt Schrieber: Denn dadurch wenden sich Menschen womöglich verstärkt von unrentablen Sparbüchern ab und dem Aktienmarkt, wo bessere Erträge zu erzielen sind, zu.

Negativzinsen als pädagogisches Mittel also, um Sparer zu einer rentableren Vermögensanlage zu bewegen? Angesichts der jahrelangen Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank steigt seit Monaten die Zahl der Institute, die für Einlagen keine Zinsen mehr bieten, sondern stattdessen Geld von ihren Kundinnen und Kunden verlangen.

Bargeld kostet Geld: Seit Januar hat sich die Zahl der Kreditinstitute, die Strafzinsen berechnen, einer Analyse des Vergleichsportals Verivox zufolge fast verdoppelt. 349 Banken und Sparkassen, die dieser Zinspolitik nachgehen, zählte das Portal Ende Juni bundesweit - 171 mehr als vor sechs Monaten. "Aktuell kommen nahezu täglich weitere Geldhäuser hinzu", so Verivox-Manager Oliver Maier. Zugleich verschärften viele Institute ihre Regelungen. Sprich: Die Geldhäuser senken die Zinssätze noch weiter ins Minus oder reduzieren die Freibeträge, bis zu denen das Guthaben auf dem Konto von Negativzinsen befreit bleibt. Zuletzt machte die Direktbank ING einen solchen Schritt publik, nachdem kurz zuvor Postbank und Commerzbank vorgelegt hatten.

In der Öffentlichkeit werden die Geldhäuser wegen dieser Zinspolitik häufig kritisiert. Investmentprofis wie DJE-Manager Schrieber erkennen aber auch Gutes daran. "Der Punkt ist erreicht, an dem sich Verbraucher vermehrt von Sparbuch, Termingeld und Sichteinlage trennen, um direkt in Aktien- und Aktienfonds zu investieren", sagt er.

Das beobachtet auch Markus Sievers, Geschäftsführender Gesellschafter des Anlageunternehmens Apano in Dortmund. "In der Tat kann man dem Zinsumfeld auch positive Seiten abgewinnen", sagt er. "Schließlich wird letztlich nur der bestraft, der nicht handelt und sich nicht entsprechend anpasst. Mit den Worten des Ökonomen Schumpeter und seiner schöpferischen Zerstörung ausgedrückt, könnte man argumentieren, dass jetzt der unproduktive Sparwahn der Deutschen zerstört wird, um eine Nation von Investoren zu werden."

Schöpferische Zerstörung des Sparwahns

Damit wären die Strafzinsen der Banken ein weiterer Mosaikstein in einem Gesamtbild, in dem viele Faktoren dazu führen, dass sich Anleger hierzulande mehr und mehr von ihrer traditionellen Aktienabstinenz verabschieden und der Börse zuwenden. Seit Monaten steigende Aktienkurse tragen zweifellos ebenfalls zu dieser Entwicklung bei. Rund um den Globus haben Börsianer die Corona-Krise - von einem anfänglichen Rückschlag abgesehen - weitgehend ausgeblendet. Besser gesagt: Sie haben "durch sie hindurchgeblickt", wie es im Fachjargon heißt. Und was sie bei diesem Durchblicken sahen, gefiel ihnen offenbar: Die Aussicht auf ein starkes Comeback der Weltwirtschaft nach der Corona-Delle hielt die Aktienkurse an vielen wichtigen Börsen auf Rekordniveau oder dicht darunter.

Aktien schwanken: Anleger, die ihre Bargeldbestände verringern und stattdessen in Aktien oder Anleihen investieren, erhöhen damit ihr Risiko. So gesehen werden Sparer durch die Nullzinspolitik der EZB und die daraus resultierenden Strafzinsen der Geschäftsbanken aktiv ins Risiko getrieben. Andererseits sind die Renditechancen am Aktienmarkt langfristig auch deutlich höher. Auch der Wirtschaftsstandort Deutschland profitiert davon, wenn der Staat und die privaten Sparer stärker in Unternehmen investieren, als Geld auf Nullzinskonten der Inflation preiszugeben. Um die Finanzierung junger Unternehmen zu erleichtern und Zukuntstechnologien zu fördern, hat der Bund zum Beispiel über die KfW einen "Zukunftsfonds" aufgelegt: Mit zehn Milliarden Euro, die durch privates Kapital gehebelt werden, sollen bis 2031 Wachstumsunternehmen in Deutschland gefördert und Arbeitsplätze gesichert werden. So wie private Investoren am Aktienmarkt in Zukunftstechnologien wie Biotech, Fintechs oder Digitalisierung investieren, investiert der Bund über den Zukunftsfonds in die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

Zudem sind die Kosten für den Aktienkauf und -verkauf in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Günstige Konditionen beispielsweise von Discount-Anbietern wie dem Berliner Onlinebroker Trade Republic locken Anleger zum Einstieg in den Aktienmarkt. Und auch Social-Media-Plattformen wie Reddit, auf denen sich Privatinvestoren über ihre Investmentideen austauschen und Anlagetipps teilen, tragen zur neuen Lust der Sparer am Aktienkauf bei.

Die Folge lässt sich in Zahlen ausdrücken: Wie das Deutsche Aktieninstitut (DAI) kürzlich mitteilte, ist die Zahl der Menschen in Deutschland, die über Aktien, Aktienfonds oder Aktien-ETFs an der Börse mitmischen, im vergangenen Jahr um 2,7 Millionen auf 12,4 Millionen gestiegen. "Das ist sensationell", sagt Christine Bortenlänger, Geschäftsführende Vorständin des DAI.

Nach Angaben des Instituts gab es im Corona-Jahr noch weitere Triebkräfte für die hiesige Aktienkultur: Geplatzte Urlaube, geschlossene Restaurants und weniger Einkaufsbummel haben dazu geführt, dass den Menschen mehr Zeit und Geld zur Verfügung standen, so das DAI. Diese Zeit haben sie nach Ansicht des Instituts auch dafür verwandt, sich mit ihren Finanzen zu beschäftigen und Geld in Aktien, Fonds oder ETFs anzulegen. Vor allem im März und April 2020 nutzten demnach viele die niedrigen Börsenkurse als Chance für den Einstieg in den Aktienmarkt.

Bemerkenswert: Besonders die Gruppe der unter 30-Jährigen war im vergangenen Jahr an der Börse sehr aktiv. Fast 600.000 junge Erwachsene wagten sich auf das Börsenparkett, so das Ergebnis der DAI-Analyse. Das sei im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von fast 70 Prozent und damit der mit Abstand stärkste Anstieg aller in der Studie untersuchten Altersgruppen.

Viele Neuaktionäre dürften dabei auch durch die Strafzinsen der Banken und Sparkassen zum Gang an die Börse inspiriert worden sein. Unter Fachleuten gilt ohnehin der Grundsatz, dass Aktien eine feste Größe in jeder vernünftigen Geldanlage- und Vermögensplanung sein sollten. Denn die Renditen, die an der Börse bei richtiger Risikostreuung auf lange Sicht erzielt werden können, liegen schon in normalen Zeiten deutlich über dem, was Banken und Sparkassen an Zinsen zu bieten haben. Das gilt in Zeiten der Nullzinslinie von Zentralbanken umso mehr. Schließlich muss in der Renditeberechnung auch die zuletzt wieder anziehende Inflation berücksichtigt werden - dadurch machen Sparer mit Festzinsangeboten zurzeit in vielen Fällen erst recht ein Verlustgeschäft.

Grundregeln der Aktienanlage

Ein unnötiges Verlustgeschäft wohlgemerkt, wie Apano-Chef Sievers betont. "Niemand muss die Entwertung des Geldes durch Strafzinsen, aber im Grunde auch durch Inflation einfach hinnehmen", sagt er. "Aktien sind grundsätzlich eine demokratische Anlageform und jeder kann investieren." Auch DJE-Vorstand Schrieber meint: "Insbesondere Investments mit nachhaltiger Dividendenorientierung versprechen einen guten Inflationsschutz sowie Absicherung gegenüber inflationsbereinigter Geldvernichtung auf negativ verzinsten Bankkonten."

Ob es allerdings eine gute Idee ist, sich von Maßnahmen wie jüngst von der ING Bank, der Postbank oder der Commerzbank aufschrecken zu lassen, und ausgerechnet beim aktuell vergleichsweise hohen Kursniveau am Aktienmarkt mit einem größeren Betrag auf einen Schlag einzusteigen, erscheint fraglich. DAI-Chefin Bortenlänger hat einen anderen Rat: Am besten fährt, wer auf die bewährten Grundregeln der Aktienanlage vertraut, meint sie. "Langfristiges, kontinuierliches und breit gestreutes Sparen führt bei beherrschbaren Risiken zu hohen Erträgen. So kann man getrost auch ein zwischenzeitliches Börsentief aussitzen."

cr
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