Zinsen Nur ein kleiner Schritt

Notenbankchef Alan Greenspan hat die US-Leitzinsen auf das tiefste Niveau seit 1958 gedrückt. Die Einschätzung der Fed zur Konjunkturentwicklung steht nun im Mittelpunkt.

Washington - Nach zweitägigen Beratungen hat die US-Notenbank die Leitzinsen am Mittwoch Abend um 0,25 Prozentpunkte auf 1,0 Prozent gesenkt. Auch der Diskontsatz wurde um 25 Basispunkte auf 2,0 Prozent zurückgenommen. Als einziges Mitglied des Offenmarktausschusses habe der Chef der Fed von San Francisco, Robert Parry, für eine deutlichere Zinssenkung um 50 Basispunkte gestimmt, erklärte die Fed.

Dow Jones  und Nasdaq Composite  reagierten zunächst mit Verlusten. Viele Marktteilnehmer hatten auf eine noch kräftigere Zinssenkung gesetzt. Bis Handelsschluss in den USA fiel der Dow Jones 1,1 Prozent und schloss bei 9011 Zählern auf Tagestief. Auch der Nasdaq Composite schloss 0,2 Prozent schwächer.

Dagegen zeigte sich der Dax am Donnerstag robust und kletterte mit Hilfe positiver US-Futures rasch aus der Verlustzone. Am Mittag notierte der Index 0,7 Prozent im Plus bei 3220 Zählern, da Investoren offenbar auch in den USA auf eine Kurserholung nach der Zinssenkung setzen.

Es gebe noch keine Anzeichen für ein nachhaltiges Wachstum, hielt der Offenmarktausschuss der Notenbank fest. Mit den niedrigeren Zinsen sei ein Aufschwung aber zu erwarten. Das Risiko eines weiteren "unwillkommenen" Rückgangs der Inflation sei höher einzuschätzen als die Gefahr eines Anziehens der Preise, hieß es weiter.

Die Notenbank sei entschlossen, einen weiteren Rückgang der Inflation zu verhindern. Die Bedingungen an den Finanzmärkten seien reif für eine wirtschaftliche Erholung. Die Bedingungen an den Arbeits- und Produktmärkten hätten sich stabilisiert und die Nachfrage festige sich.

Zu weiteren Zinsschritten bereit

Die Währungshüter signalisierten zugleich, dass sie zu einem weiteren Zinsschritt bereit sind, sollten sich die Risiken der rückläufigen Inflationsentwicklung weiter verschärfen. "Die US-Wirtschaft ist noch nicht auf einen nachhaltigen Wachstumspfad eingeschwenkt", erklärte die Fed nach ihren zweitägigen Beratungen in Washington. Jüngste Daten zeigten eine Beschleunigung der Konsumausgaben und eine Stabilisierung des Arbeitsmarktes an.

Die Notenbank hob zudem erneut die wachsenden Risiken eines weiteren Rückgangs der Inflation hervor und signalisierte damit die grundsätzliche Bereitschaft für eine erneute Lockerung der Geldpolitik. Mit dieser Warnung hatte die Notenbank bereits nach ihrer vergangenen Sitzung im Mai Sorgen vor einer Deflation in den USA genährt. Fed-Chef Alan Greenspan hatte anschließend aber wiederholt betont, dass er die Wahrscheinlichkeit einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen, zurückgehender Nachfrage und geringerer Wirtschaftsleistung für die USA als gering ansehe.

Deutliches Wachstum in USA möglich

Wachstum von 3,5 Prozent möglich

Die US-Wirtschaft ist im ersten Quartal auf das Jahr hochgerechnet um knapp zwei Prozent gewachsen, während das Potenzialwachstum der weltgrößten Volkswirtschaft auf 3,0 bis 3,5 Prozent geschätzt wird. Viele Experten rechnen jedoch damit, dass sich das Wachstum im zweiten Halbjahr auch dank der positven Effekte der Zinssenkungen bis auf 3,5 Prozent beschleunigen könnte.

Am Mittwoch Mittag hatten die jüngsten Konjunkturdaten für einen Dämpfer an den Märkten gesorgt. In den USA sind die Aufträge für langlebige Güter im Mai den zweiten Monat in Folge gesunken, obwohl Volkswirte einen leichten Anstieg erwartet hatten.

Seit Januar 2001 hat die US-Notenbank die Leitzinsen damit dreizehn Mal gesenkt. Gewinnt die Konjunktur im Herbst wie erhofft an Fahrt, könnte die Notenbank die Zinsen dann wieder schrittweise erhöhen.

Eine knappe Mehrheit der von Reuters befragten Händler hatte sogar damit gerechnet, dass die Fed die Zinsen um 50 Basispunkte auf 0,75 Prozent senken wird. Die USA hätten dann ebenso wie Japan und die Schweiz bei den Leitzinsen eine Null vor dem Komma. Aber auch nach der Zinssenkung um lediglich 0,25 auf 1,0 Prozent sind die Zinsen auf das tiefste Niveau seit 1958 gesunken.

Warum die Märkte wackeln

Nervosität am Markt sehr hoch

Die Marktteilnehmer haben trotz der Zinssenkung Grund zur Nervosität, denn der deutliche Aufschwung an den US-Börsen wurde zuletzt hauptsächlich von der hohen Liquidität und niedrigen Zinsen getrieben. Die Geldmenge M3 wächst in den Vereinigten Staaten seit Jahren deutlich schneller als das Bruttosozialprodukt.

Eine derart expansive Geldpolitik ist nicht ohne Risiko. Zins- und Steuersenkungen treiben zwar die Anleger zurück in den Markt, doch müssen nun auch bessere Unternehmens- und Konjunkturdaten folgen, um den Kursaufschwung zu untermauern.

EZB dürfte noch einmal nachziehen

Der Rendite-Abstand zur Euro-Zone - dort liegt der Leitzins nach der jüngsten Zinssenkung bei 2,0 Prozent - hat sich nach der jüngsten US-Zinssenkung wieder auf 1,0 Prozent vergrößert. Der Euro gab am Abend dennoch auf 1,1534 US-Dollar nach, da einige offenbar auf einen noch stärkere Zinssenkung der Notenbank gesetzt hatten.

Beobachter gehen davon aus, dass die EZB die Zinsen in Euroland noch einmal senken wird. Auch Eugenio Domingo Solans, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), hatte die Möglichkeit einer weiteren Zinssenkung bekräftigt.

Leitzinsen: EZB bereit für den nächsten Schritt US-Fed: Die Zinsschritte der Fed im Überblick Wall Street: "Steigende Zinsen größte Gefahr für die Märkte"

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