Märkte Warum der Euro weiter steigt

Mit ihrer kräftigen Zinssenkung will die EZB die Konjunktur ankurbeln. Welche Gefahren im zweiten Quartal lauern, warum der Euro trotz Zinssenkung stark bleiben dürfte und was vom Dax im Sommer zu erwarten ist, erläutern die Aktienstrategen Rolf Elgeti und Johannes J. Reich im Interview.

mm.de:

Anleger setzen darauf, dass eine Zinssenkung der EZB den Euro-Anstieg bremst und die europäischen Aktienmärkte beflügelt - zu Recht?

Reich: Die Zinsentscheidung dürfte die Märkte zunächst nur kurzfristig bewegen. In der Vergangenheit hat die EZB eher von "sinkenden Inflationsrisiken" als von steigender Deflationsgefahr gesprochen: Eine kräftige Zinssenkung um 50 Basispunkte oder mehr könnte den Verdacht nähren, dass das Deflationsrisiko in Europa bereits größer sei als bislang angenommen.

Auf dem aktuellen Kursniveau ist eine Zinssenkung um 50 Basispunkte eingepreist - einen nachhaltigen Schub wird die EZB-Entscheidung den Märkten jedoch kaum verleihen. Für die Aktienmärkte ist die Gewinnentwicklung der Unternehmen in Europa entscheidend - hier kann die Zinspolitik lediglich unterstützen, aber nicht die Weichen stellen.

Elgeti: Der Einfluss der EZB wird von den Börsenbullen häufig überschätzt. Die EZB hat wenig Möglichkeiten, einen Anstieg des Euro langfristig zu bremsen. Zwar stützen die Zinsunterschiede zwischen Europa und den USA seit Monaten den Euro, weil Investoren wegen der höheren Zinsen in Euroland Geld von USA nach Europa umschichten. Aber selbst wenn die Europäische Zentralbank das Zinsniveau deutlich senken und den Aufschlag gegenüber den US-Zinsen verringern sollte: Europäische Anleihen bleiben damit für Anleger attraktiver als amerikanische, weil in Euroland das Risiko einer Inflation viel niedriger ist als in den USA.

US-Regierung und Fed haben sehr viel Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Auf Grund dieser riesigen fiskalischen und monetären Expansion laufen Besitzer langfristiger US-Staatsanleihen Gefahr, dass ihre Rendite durch Inflation aufgezehrt wird. Dieses Risiko ist in Europa deutlich geringer und damit bleiben auch die langlaufenden europäischen Staatsanleihen vergleichsweise attraktiv. Auch ein großer Zinsschritt der EZB dürfte daher den Euro nicht so stark bremsen, wie sich das einige Anleger erhoffen.

Starker Euro: Warum aus China Gefahr droht und ein schwacher Dollar auch Europa nützt

mm.de: Europa hat lange über den schwachen Euro gejammert - ist die Klage über den nun starken Euro nicht etwas übertrieben?

Elgeti: Der starke Euro wird für den europäischen und speziell für den deutschen Aktienmarkt eine Bremse bleiben. Man muss bedenken, dass auch der chinesische Yuan an den Dollar gekoppelt ist. China kann mit seiner unterbewerteten Währung seine Produkte günstig im Ausland verkaufen und damit die deflationären Tendenzen in Euroland verstärken. Je stärker der Euro aufwertet, desto vorsichtiger muss man auch mit den Gewinnschätzungen der europäischen Unternehmen sein: Ich denke, dass wir zum Ende des zweiten Quartals da noch einige negative Überraschungen erleben werden.

Reich: Ich bin da etwas optimistischer - ich glaube, die Unternehmen gehen inzwischen viel gelassener mit dem starken Euro um. Wir dürfen nicht vergessen: Noch vor wenigen Wochen haben die Märkte über einen möglichen Ölpreisanstieg über die Marke von 40 Dollar diskutiert, und jetzt haben wir deutlich niedrigere Ölpreise und einen schwächeren Dollar. Natürlich müssen exportorientierte Unternehmen ihre Produktivität weiter steigern, um die negativen Effekte eines starken Euro auszugleichen. Doch ein fester Euro muss die europäischen Märkte nicht zwangsläufig ausbremsen - vorausgesetzt, die Währung wertet nicht zu schnell und rapide auf.

Die europäischen Märkte hängen außerdem stark von den US-Börsen ab. Ein schwächerer Dollar hilft den USA, ihr Doppeldefizit zu mindern und ihren Haushalt zu stabilisieren. Und solange die USA weltweiter Wachstumsmotor ist, gilt: Was für die USA gut ist, nützt langfristig auch den europäischen Märkten.

Börsensommer: Wohin treibt der Dax?

mm.de: Während der Sommermonate geht es an den Märkten eher ruhig zu. Wie groß ist die Chance, dass die europäischen Märkte bis Jahresende weiter klettern?

Elgeti: Für den deutschen Aktienmarkt sehe ich derzeit nicht mehr viel Potenzial nach oben. Wir rechnen für die nächsten Monate eher mit einer Seitwärtsbewegung, die weiterhin von Schwankungen geprägt ist.

Die bisherige Erholung war eher technisch motiviert; Investoren haben seit März ihre Absicherungspositionen geschlossen und technische Signale wie das Überschreiten der 200-Tage-Linie im Dax haben die Aufwärtstendenz unterstützt.

Doch woher soll die weitere Erholung kommen? Derzeit fließt kaum frisches Geld in den Markt. Versicherer haben ihre Aktienquote in einem schmerzhaften Prozess reduziert und haben derzeit keine grosse Chance, in den Aktienmarkt zurückzukehren. Außerdem bleibt die Unsicherheit groß, wie auch die hohe Volatilität zeigt.

Der Druck auf Anleihenbesitzer, ihre Anleihen zu verkaufen und wieder in den Aktienmarkt zu wechseln, ist auch gar nicht so groß wie uns viele Börsenbullen glauben machen wollen. Die deflationären Tendenzen in Euroland erhöhen die Attraktivität von Anleihen: Wenn mein Geld auf Grund von Deflation morgen mehr wert ist als heute, kann ich auch mit vergleichsweise geringen Zinsen zufrieden sein. Eine hohe Anleihenrendite nützt dagegen wenig, wenn sie durch Inflation gemindert wird. Vor diesem Hintergrund kann ein Anleihenbesitzer in Europa durchaus mit attraktiven realen Renditen rechnen - was am Aktienmarkt nur mit mehr Risiko zu haben ist.

Reich: Die Chancen für eine Stabilisierung an den Aktienmärkten sind nach drei Jahren Baisse gegeben. Erstens haben viele Unternehmen ihre Kosten drastisch gesenkt, sie sind schlanker geworden und können wieder steigende Gewinne präsentieren. Zweitens werden Aktien immer noch mit einem deutlichen Risikoabschlag gegenüber den Rentenmärkten gehandelt - dies erhöht die Attraktivität von Aktien. Die konjunkturellen Frühindikatoren aus den USA stimmen optimistisch. Solange weitere externe Schocks wie Terroranschläge, SARS oder Bilanzskandale ausbleiben, ist ein vernünftiges Maß an Optimismus angebracht.

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