Spekulationssteuer "Stümperhafte Diskussion"

Börsenexperte Wolfgang Gerke warnt vor den Folgen der laufenden Steuerdebatte. Die Pläne würden Investoren verunsichern.

Frankfurt/Nürnberg - Die Debatte um die Spekulationssteuer schadet nach Ansicht des Börsenexperten Wolfgang Gerke dem Finanzplatz Deutschland. "Die stümperhafte Diskussion und das Hüh und Hott um die Spekulationssteuer sind Gift für die Börse", sagte Gerke der Nachrichtenagentur dpa-AFX.

"Mit der Steuer kann man leben, aber der Eindruck hat sich festgesetzt, dass wir schon bald wieder eine neue Diskussion über noch viel größere Belastungen kriegen." Viele Investoren würden deshalb schon jetzt einen Bogen um Deutschland machen.

Wirklich schädlich für den Finanzplatz Deutschland sei nicht die von der Bundesregierung geplante Pauschalsteuer auf alle Aktiengewinne von 15 Prozent, sondern die entstandene Verunsicherung der Anleger, betonte Gerke. Das verloren gegangene Vertrauen der Anleger könne nur durch mehr Verlässlichkeit in der Finanz- und Steuerpolitik zurückgewonnen werden.

Politische Fehler und die Skandale im Neuen Markt hätten das Vertrauen von Millionen Kleinanlegern in die Börse für viele Jahre erschüttert. "Es wird noch mindestens ein bis zwei Jahre dauern, bis der Markt überhaupt wieder in Bewegung kommt", sagte der Börsenfachmann. Gerke setzt auf belebende Impulse aus den USA: "Die Wall Street hat sich in solchen Phasen schon oft als Zugpferd bewährt."

Trotz der von der Deutschen Börse bereits angekündigten Auflösung des Neuen Marktes hofft der Experte, dass dessen Funktion für den deutschen Kapitalmarkt auch bei seinem Nachfolger TechDAX erhalten bleibt. "Deutschland braucht einen Platz, an dem sich junge Unternehmen und frisches Kapital treffen können. Sonst fallen wir um Jahrzehnte zurück", sagte der Börsenexperte.

Denn nicht nur die Anleger blieben der Börse fern: Die gedrückte Stimmung an den weltweiten Finanzmärkten verhindert nach Beobachtung Gerkes, dass junge Firmen überhaupt an den Markt gehen und sich mit neuem Geld versorgen können.

"Wir brauchen im Interesse vieler Unternehmen, die längst gerne an die Börse gegangen wären, eine neue Aufbruchstimmung", sagte Gerke. Selbst Großkonzernen wie der Deutsche Telekom  gelinge es nicht mehr, ihre Töchter - wie etwa die Mobilfunksparte T-Mobile - an den Markt zu bringen.

Die Zahl der abgesagten Börsengänge steige Monat für Monat. Bis Ende November wagten dagegen in diesem Jahr lediglich acht Unternehmen den Gang auf das Börsenparkett und konnten auf dem Kapitalmarkt rund 250 Millionen Euro erlösen. So niedrig war die Zahl der Börsengänge zuletzt 1994. Noch 2001, dem ersten Jahr nach Ende des Börsenbooms, hatten 21 Firmen den Sprung auf das Parkett gewagt. Das Emissionsvolumen betrug damals noch 3,2 Milliarden Euro.

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