Altersvorsorge Aus eigener Kraft

Wer im Ruhestand keine erheblichen finanziellen Einbußen hinnehmen will, muss privat vorsorgen. Doch wer bietet verlässliche Beratung? Auf die Hilfe der Geldbranche ist wenig Verlass. Eine Anleitung.
Von Patricia Döhle, Jonas Hetzer, Dietmar Palan und Ulric Papendick

Klein, aber fein ist sie, die Waitzstraße im Hamburger Elbvorort Othmarschen. Shoppen kann man dort ebenso exklusiv wie auf den Flaniermeilen Jungfernstieg oder Neuer Wall im Herzen der City. Und die Bankendichte reicht locker an die der Züricher Bahnhofstraße heran: fünf Geldhäuser auf knapp 500 Metern.

Gleich am Anfang auf der rechten Seite steht die Hamburger Sparkasse (Haspa) der gut verdienenden Klientel zu Diensten, natürlich auch in puncto Altersvorsorge, wie ein junger Banker eifrig versichert.

Im Eiltempo legt er los. Aktienfonds kämen nicht in Frage, weil die Erträge voll versteuert werden müssten. Versicherungen seien hingegen zu empfehlen, weil komplett steuerfrei. Als er bei den Vorteilen eines Bausparvertrags für die Altersvorsorge ankommt, stehen ihm Schweißperlen auf der Oberlippe.

Kein Wunder. Der Berater ist mit der Situation total überfordert. Sein Gegenüber lässt er verwirrt und, schlimmer noch, mit gleich mehreren Falschinformationen zurück.

Solche oder ähnliche Erfahrungen machen selbst betuchte Kunden nicht nur bei Sparkassen, sondern auch bei Banken, Versicherungen und anderen Finanzdienstleistern immer wieder. Dabei suchen gerade jetzt viele händeringend nach kompetenter Beratung zum Thema Absicherung im Alter.

Vor allem die Generation der Mittdreißiger bis Endvierziger ist verunsichert. Die staatliche Rente sinkt von heute 70 Prozent des Nettogehaltes auf etwa 64 Prozent im Jahr 2030 - für Durchschnittsverdiener. Angestellte mit höherem Einkommen werden nicht einmal die Hälfte ihrer bisherigen Nettobezüge erhalten. Weitere Kürzungen sind wahrscheinlich.

Wie sollen die Babyboomer nun handeln? Was bringt ihnen die staatliche Riester-Förderung für private Vorsorgeprodukte?

Sind Aktien trotz Börsencrash noch zu empfehlen? Oder sollen Anleger - trotz sinkender Gewinnbeteiligungen - doch lieber auf die klassische Lebensversicherung zurückgreifen?

Und: Können sich Manager mit hohem Einkommen und entsprechend komplexem Beratungsbedarf überhaupt darauf verlassen, am Bankschalter oder beim Versicherungsmakler gut bedient zu werden?

Je eher, desto besser
Wie viel Sie monatlich sparen müssen, um ab dem 65. Lebensjahr über 1000 Euro Monatsrente zu verfügen.
heutiges Alter Sparrate (in Euro)
30 247
35 338
40 473
45 685
50 1055
55 1816
60 4149
Annahmen: Inflationsrate 2,5%,
Rendite in der Ansparphase: 7,5%,
Sparrate wird jährlich um 2,5% gesteigert,
Rendite im Ruhestand: 5%,
Kapitalverzehr bis Endalter 100.
Quelle: IQF, Hannover
manager magazin hat in Zusammenarbeit mit Jörg Richter, Leiter des Hannoveraner Instituts für Qualitätssicherung und Prüfung von Finanzdienstleistungen (IQF), zwei Fallbeispiele entworfen, die typisch für die Situation vieler Nachwuchs-Führungskräfte sein dürften.

Für beide Fälle - einen gut verdienenden, angestellten Single und eine selbstständig tätige, verheiratete Frau mit Kind - haben Banken, Versicherungen und freie Finanzberater Musterlösungen entwickelt (siehe "Szenario 1: Single, Ende 30" und "Szenario 2: Freiberuflerin mit Kind"). Zugleich testeten mm-Redakteure inkognito, wie die Beratung vor Ort aussieht. In einer abschließenden Analyse bewerten die IQF-Prüfer die Vorschläge der Finanzhäuser.

Die Ergebnisse zeigen: Anleger, die zwischen Mitte und Ende 30 mit der Vorsorge beginnen, sind in einer komfortablen Position. Über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren bringt allein der Zinseszinseffekt so viel, dass schon geringe monatliche Sparraten zu einer ansehnlichen Rente führen (siehe Tabelle).

Der Rat der vermeintlichen Experten in den Filialen erwies sich hingegen im mm-Test häufig als lückenhaft, manchmal als schlichtweg falsch.

Den Kunden bleibt nur eines: sich gut vorzubereiten und von den Finanzberatern systematisch einzufordern, was zum Aufbau einer Vorsorgestrategie nötig ist. Es empfiehlt sich, schrittweise vorzugehen.

Beratungsgespräch vorbereiten

Beratungsgespräch vorbereiten

Viele Anbieter nennen sich Vorsorgespezialisten - Banken, Sparkassen, Versicherungen, Finanzvertriebe.

Die mm-Recherchen belegen: Fast immer verhindern Interessenkonflikte eine optimale Beratung. Die meisten Helfer sind eben doch vor allem Verkäufer - und bieten die hauseigenen Produkte feil.

Freie Finanzvertriebe wie der AWD aus Hannover oder das Heidelberger Unternehmen MLP versuchen zudem, die Kunden mit langfristigen oder komplizierten Lösungsvorschlägen an sich zu binden.

Der AWD riet einem der mm-Tester, seine 1500 Euro hohe monatliche Vorsorgerate in sage und schreibe neun verschiedene Produkte zu stecken. Wer einmal in eine derart unübersichtliche Anlagestruktur einsteigt, kommt am Ende wahrhaftig nicht mehr ohne Berater klar. Es ist aber nicht nur der Verkaufsdruck der Berater, der für Frust beim Kunden sorgt. Häufig verhindert schlicht mangelnde Qualifikation eine kompetente Betreuung.

So behauptete etwa der Betreuer der Haspa, die Erträge aus Aktienfonds würden voll besteuert (falsch). Der Axa-Mann versäumte es, auf eine fehlende Berufsunfähigkeitsversicherung aufmerksam zu machen (fahrlässig). Die Vereins- und Westbank und MLP verzichteten im Beratungsgespräch darauf, ihre potenziellen Kunden sofort auf Möglichkeiten der betrieblichen Altersvorsorge hinzuweisen (inkompetent).

Viele vergaßen, bei der Berechnung des für eine Alterssicherung anzusparenden Kapitals die Inflation zu berücksichtigen. Ein peinlicher Lapsus. Schließlich muss die Rendite des Altersvorsorgepakets reichen, um die Geldentwertung in den Jahren bis zum Ruhestand auszugleichen.

Von Beratern, die ihren Kunden mit ähnlichen Anfängerfehlern gegenübertreten, sollten sich Anleger besser schon nach dem ersten Gespräch verabschieden. Wie aber feststellen, ob der Rentenexperte wirklich etwas von seinem Handwerk versteht? Das lässt sich nur herausfinden, wenn man sich zunächst Klarheit über die eigenen Ziele und Möglichkeiten verschafft. Drei Fragen sollten Sie in diesem Zusammenhang beantworten können: Wann will ich aufhören zu arbeiten? Was benötige ich dann an Einkommen? Und: Was kann ich heute realistischerweise beiseite legen?

Außerdem ist es ratsam, im Beratungsgespräch eine Reihe von Grundsätzen im Kopf zu haben - und den Berater nötigenfalls an deren Einhaltung zu erinnern.

Risiken absichern

Risiken absichern

Noch vor der Planung der Altersvorsorge sollten Arbeitnehmer und Selbstständige ihr größtes Risiko bedenken: den Ausfall der eigenen Arbeitskraft. Die staatlichen Leistungen für diesen Fall sind minimal.

Eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit (BU) ist daher für Gutverdiener ebenso unerlässlich wie die Vereinbarung eines ausreichenden Krankentagegelds, um vor Einkommensausfällen bei längerer Krankheit geschützt zu sein. Wer Familie hat, muss zudem für den Todesfall vorsorgen und eine Risikolebensversicherung abschließen.

Wichtig: Der Schutz vor Risiken sollte vom Vermögensaufbau getrennt werden. Der Vorschlag vieler Finanzberater, die BU-Versicherung oder auch den Todesfallschutz mit einer hohen Renten- oder Lebenspolice zu kombinieren, birgt Gefahren: Wer später die Versicherungssumme reduzieren muss - etwa wegen Arbeitslosigkeit - mindert auch seine Risikoabsicherung.

Arbeitgeber einbeziehen

Ab 2002 haben Arbeitnehmer einen Anspruch auf die Umwandlung von Gehaltsteilen in eine Betriebsrente.

Der Weg über die Firma macht fast immer Sinn, da sich der Arbeitgeber oft an den Beiträgen für die Altersvorsorge beteiligt. Insofern sind betriebliche Sparformen meist rentabler als Angebote privater Anbieter.

Von der Direktversicherung über die Unterstützungskasse und den Pensionsfonds bis hin zur Direktzusage gibt es verschiedene Formen der "Rente vom Chef". Der Staat fördert die betriebliche Vorsorge mit Steuervergünstigungen.

Versicherungen als Basis

Versicherungen als Basis

Die klassische Rentenversicherung, bei der bis zum Ruhestand regelmäßig Beiträge eingezahlt werden, um dann eine lebenslange monatliche Rente zu erhalten, bietet sich als Basis für eine private Vorsorgestrategie an.

Auch eine Kapitallebensversicherung - im Unterschied zur Rentenversicherung erhält der Anleger hier sein Geld bei Rentenbeginn nicht in monatlichen Raten, sondern auf einen Schlag - kann Sinn machen, weil sie bei manchen Anbietern günstiger kalkuliert ist als die Rentenvariante. Beide Produkte eignen sich, um den Grundbedarf im Alter zu sichern - und das fast steuerfrei.

In Mode - das zeigt der mm-Test - sind derzeit allerdings nicht die klassischen Versicherungen, sondern so genannte fondsgebundene Policen. Hinter dem Begriff verbergen sich Modelle, bei denen die Beiträge ganz oder teilweise in Investmentfonds fließen. Hauptargument der Verkäufer dieser Produkte: Sie erlaubten es dem Anleger, auf rentable Fonds zu setzen und böten steuerfreie Erträge.

Das Argument der Steuerfreiheit zieht indes nur bedingt. Denn Aktienfonds erzielen ohnehin weitgehend steuerfreie Kursgewinne. Auch bei Rentenfonds, die in festverzinsliche Papiere investieren, damit also hohe steuerpflichtige Zinserträge erwirtschaften, gibt es mittlerweile steueroptimierte Modelle. Kombipolicen bringen deshalb oft kaum etwas.

Und mit der angeblich hohen Rentabilität der fondsgebundenen Angebote ist es vielfach ebenfalls nicht weit her: In den Policen sind teilweise horrende Gebühren versteckt.

Diese hohen Kosten machen den Renditevorteil der Fondsanlage oft zunichte. Um nicht auf solche Produkte hereinzufallen, sollten sich Anleger unbedingt einen Vergleich von klassischer Versicherung und Fondspolice erstellen lassen.

Wertpapierfonds für die Flexibilität

Sowohl betriebliche Vorsorgeformen als auch Versicherungen können während ihrer Laufzeit nur zu sehr ungünstigen Bedingungen - wenn überhaupt - gekündigt werden. Um flexibel zu bleiben, gehören zu einer ausgewogenen Vorsorgestrategie daher immer auch Wertpapierfonds.

Aktienfonds sind, auf lange Sicht, am ertragreichsten und auch steuergünstig. Mit zunehmendem Alter empfiehlt es sich, teilweise in Rentenfonds umzuschichten, um sich für den Fall abzusichern, dass mit Beginn des Ruhestands die Börsen einbrechen.

Anleger, die auf Versicherungen gänzlich verzichten wollen, aus welchen Gründen auch immer, sollten ihrem Fondsdepot von Anfang an Produkte mit festverzinslichen Papieren beimischen.

Riester-Rente nur Beimischung

Riester-Rente nur Beimischung

Da bislang kaum Riester-Produkte von der zuständigen Bundesbehörde zertifiziert, also für den Vertrieb freigegeben wurden, ist unklar, ob diese neuen Anlagemodelle für Besserverdienende überhaupt Sinn machen.

Sie bringen zwar steuerliche Vorteile, sind vom Gesetzgeber allerdings mit zahlreichen für den Anleger teuren Sonderbedingungen belastet.

So kostet die Anforderung, den Erhalt des Kapitals zu garantieren, bei Aktienfonds nach Schätzungen der Anbieter rund 2 Prozentpunkte Rendite pro Jahr. Gut möglich also, dass es besser ist, auf die staatliche Förderung zu verzichten und in rentablere Produkte zu investieren.

Selbst wenn sich die Riester-Modelle als ein sinnvoller Baustein herausstellen, werden sie für die Vorsorgeplanung von Besserverdienenden immer eine untergeordnete Rolle spielen - der maximale Sparbetrag inklusive staatlicher Zulagen beträgt ab kommendem Jahr knapp 44 Euro pro Monat und wird bis zum Jahr 2008 auf gerade mal 175 Euro steigen.

Was keinen Sinn macht

Banksparpläne sind auf lange Sicht, also gerade für Zwecke der Altersvorsorge, unrentabel. Das Gleiche gilt für offene Immobilienfonds, deren Renditen - auch nach Steuern - unter denen guter Rentenfonds liegen.

Ebenso ungeeignet als Altersvorsorge für Besserverdienende ist das Bausparen. Wer es auf eine eigene Immobilie für den Ruhestand abgesehen hat, sollte in höher rentierliche Anlageformen investieren.

Auch für Anleger, die eine vermietete Immobilie anvisieren, um damit steuerlich wirksame Verluste zu erzielen, kommt ein Bausparvertrag nicht in Frage. Denn die Verluste entstehen vor allem durch hohe Zinszahlungen. Also finanziert man eine Steuerspar-Immobilie am besten über einen normalen Kredit mit geringer Tilgung, um lange hohe Zinsen zu zahlen - und nicht über ein Bauspardarlehen, das meist niedrig verzinst und schnell getilgt wird.

Der Haspa-Experte aus der Waitzstraße pries dennoch die Vorteile des Bausparens - und entließ seinen Kunden mit den Worten: "Sie sehen, Altersvorsorge ist eine schwierige Sache." Mal ehrlich: So schwierig ist das Thema nun auch wieder nicht.

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