Mittwoch, 21. August 2019

Boom am Neuen Markt Fonds in der Klemme

Die Rallye am Wachstumsmarkt bricht alle Rekorde. Manche Fondsmanager bleiben jedoch skeptisch. Der Aufschwung sei übertrieben und nur von wenigen Werten getragen. Sie setzen auf "Qualität", doch der Performancedruck steigt.

Börsianer und Anleger freuen sich über die horrenden Kurszuwächse am Neuen Markt. Manche Fonds beurteilen den Aufschwung des Wachstumssegments aber mit Skepsis.
[M];DPA.mm.de
Börsianer und Anleger freuen sich über die horrenden Kurszuwächse am Neuen Markt. Manche Fonds beurteilen den Aufschwung des Wachstumssegments aber mit Skepsis.

Frankfurt - Der Auswahlindex Nemax 50 am Neuen Markt hat seit seinen Tiefständen am 21. September mehr als 100 Prozent zugelegt. In der deutschen Börsengeschichte ist das bislang einmalig. Zum Aufschwung vor allem in den vergangenen Wochen haben zweifelsohne Investmentfonds einen großen Teil beigetragen. Viele von ihnen sind nach eigener Auskunft mittlerweile wieder voll investiert. Andere trauen der Rallye nicht und halten sich bewusst zurück.

Nemax-Rallye hat historische Ausmaße

Wer das aktuelle Fonds-Ranking etwa auf der Internetseite von Standard & Poors studiert, stellt fest: Nicht ein Neuer-Markt-Fonds hat auch nur annähernd die jüngste Performance des Neuen Marktes erreicht. Vermutlich haben einige Fondsmanger den Einstieg einfach verpasst. Andere waren offenbar auch mit Blick auf die Qualität ihres Portfolios nicht bereit, die Rallye mitzugehen. "Wenn Schrott läuft, will man unbedingt nicht dabei sein", erklärt etwa Wassili Papas, Fondsmanger bei Union Investment.

Viele Marktbeobachter trauen der Rallye ohnehin nicht. "Aus fundamentaler Sicht ist sie schwer nachzuvollziehen", erklärt Franz Kaim, Händler bei Lang & Schwarz im Gespräch mit manager-magazin.de. Wie schon die Abwärtsbewegung nach den Anschlägen am 11. September hält Kaim auch die seit Wochen anhaltende Aufwärtsbewegung für übertrieben. Rückschläge schließt der Händler nicht aus, glaubt aber nicht, dass die Nemax-Indizes alte Tiefstände noch einmal testen werden. Kaim: "Wir haben die Bodenbildung gesehen."

"Fondsmanager laufen der Rallye nicht hinterher"

Der Händler von Lang & Schwarz bestätigt zwar, dass Fonds einen Teil ihrer hohen Cashbestände abgebaut und in Neuen Markt investiert hätten. Doch glaubt er nicht, dass Fondsmanger sich verspekuliert hätten und nun der Rallye hinterherlaufen würden, wie dies in der vergangenen Woche mehrfach konstatiert wurde. Auch andere institutionelle Anleger hätten mit spekulativen Käufen den Markt in die Höhe getrieben. Nicht zuletzt engagierten sich mutige Privatanleger wieder in dem Wachstumssegment.

Während Fondsmanager vor allem die großen und soliden Werte gekauft hätten, griffen Privatanleger eher bei den Werten der zweiten und dritten Reihe zu, erklärt Marc Schädler, Fondsmanager bei Nordinvest. Dabei hätten die Manager auch unter Druck gestanden, schnell Liquidität abzubauen und zu investieren, räumt Schädler ein. "Manager, die jetzt noch große Kassenbestände halten, machen sich bei ihren Anlegern nicht sonderlich beliebt."

Internet-, Online-Broker- und Biotech-Werte gefragt

Stefan Müller, Fondsmanager für den Neuen Markt bei der Münchener Activest, hat nach eigenen Angaben sein Budget für den Neuen Markt seit November wieder zu 100 Prozent investiert. Nach den Tiefständen am 21. September hätten Anleger durch die allgemeine Verunsicherung zunächst Wert auf defensive Titel etwa in den Sektoren Medizintechnik oder Industrial Services gelegt.

"Seit Mitte Oktober haben wir aber unser Portfolio wieder etwas zyklischer ausgerichtet", sagt der Münchener Fondsmanager. Titel aus den Branchen Internet, Online-Broker und Biotechnologie seien stark nachgefragt worden.

Waren die Experten zu vorsichtig?

HSBC-Aktienstratege Borghoff sieht nach eigenen Angaben jedoch eine zu vorsichtige Haltung der Fondsmanager."Ich habe den Eindruck, dass eine ganze Reihe von Fondsmanagern den Aufschwung am Neuen Markt einfach verpasst hat", sagt er. Sie seien zu lange vorsichtig und pessimistisch gewesen.

T-Online Börsen-Chart zeigen oder Broadvision Börsen-Chart zeigen konnten sich seit ihren Tiefständen mehr als verdreifachen. Sie gehören zu den Unternehmen, die immer noch Verluste machen oder die Gewinnzone noch nicht sicher erreicht haben. Auf Grund ihrer vorsichtigen Anlagephilosophie hatten viele Fondsmanager gerade diese Papiere gescheut. Marc Schädler von Nordinvest: "Nur weil die gut gelaufen sind, trenne ich mich doch nicht einfach von Qualitätstiteln. Das wird kein Investor wirklich wollen."

DWS: "Unser Timing hätte etwas besser sein können"

"Wir haben auf Solidität gesetzt", sagt auch Jochen Mathee, Manger von der Anlagegesellschaft Invesco. Deren Fonds "Invesco Neue Märkte" ist um sieben Prozent hinter dem Nemax-All-Share zurückgeblieben. "Der Anstieg hat aber keine breite Basis und wurde wesentlich von einigen Werten wie zum Beispiel T-Online getragen", so Mathee. Von diesem Papier sei man aber bei Invesco nicht voll überzeugt, weshalb man der Aktie innerhalb der Fonds auch nicht viel Gewicht eingeräumt habe. Dies drücke nun verständlicherweise auf die Performance.

Ähnlich ist es bei der Anlagegesellschaft DWS. "Unser Timing hätte zwar etwas besser sein können", sagt Manager Tim Albrecht. "Aber wir waren eben vorsichtig."

"Wir müssen nach Anweisung investieren"

Andreas Gartner von der SEB weist darauf hin, dass der Neue Markt für die Institutionellen, also unter anderem Versicherungen und Banken, zu einem schwierigen Pflaster geworden sei. "Da will keiner mehr in ein fallendes Messer greifen", sagt er. Die Fondsmanager müssten aber gemäß der Anweisungen dieser Großanleger investieren und daher am Neuen Markt Zurückhaltung üben. Trotzdem seien Ende Oktober die Neuer-Markt-Fonds der SEB fast vollständig investiert gewesen.

Laut Gartner sind viele Anleger auch wegen der Illiquidität vieler Neuer-Markt-Titel vorsichtig. "Bei einer Infineon-Aktie kann ich mir sicher sein, dass ich trotz der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit immer wieder raus komme, am Neuen Markt aber nicht."

Lutz Reiche (mit Agenturen)

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