Ölpreis auf Neunjahreshoch Warum der Ölpreis nahe 120 Dollar steigt

Rohöl aus der Nordsee ist so teuer wie seit neun Jahren nicht mehr. US-Rohöl hat bereits ein 14-Jahres-Hoch erreicht – obwohl mehrere Staaten, darunter auch Deutschland, einen Teil ihrer Ölreserven jetzt freigeben wollen. Vor allem vier Faktoren treiben den Preis jetzt in die Höhe: Ein Überblick.
Rekordpreise an der Tankstelle: Der Anstieg der Rohölpreise trifft Autofahrer. Benzin und Diesel sind laut ADAC so teuer wie nie.

Rekordpreise an der Tankstelle: Der Anstieg der Rohölpreise trifft Autofahrer. Benzin und Diesel sind laut ADAC so teuer wie nie.

Foto: Henning Kaiser / dpa

Öl und Benzin werden immer teurer: Die Ölpreise sind angesichts des Kriegs in der Ukraine am Donnerstag auf mehrjährige Höchststände geklettert. Ein Fass (159 Liter) der Erdölsorte Brent kostete zwischenzeitlich mehr als 119 US-Dollar, so viel wie zuletzt im Jahr 2012. Rund 115 Dollar mussten für das Barrel der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) gezahlt werden. Höher war der Preis zuletzt im Jahr 2008. Im Laufe des Tages gingen die Preise jedoch wieder etwas zurück.

Doch seit Beginn des Jahres, als Brent noch für 80 Dollar gehandelt wurde, hat sich der Rohölpreis etwa um 50 Prozent erhöht. Zu Jahresbeginn waren die Preise noch vor allem aus dem Grund angestiegen, dass die globale Nachfrage nach Öl sich schneller von der Covid-19-Pandemie erholte als das Angebot. Auch die hohen Erdgaspreise trugen zum Preisanstieg bei, da Öl für Kraftwerke oder Raffinerien eine Alternative zum Gas darstellt. Zuletzt wurde diese Entwicklung zusätzlich von der Eskalation des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine befeuert. Russland ist einer der weltgrößten Förderer und Exporteure von Öl. Für die jüngsten Entwicklungen der Ölpreis-Rally sind vor allem vier Faktoren ausschlaggebend.

Welche Rolle spielt die OPEC?

Die 23 Förderländer im Verbund Opec+, die von Saudi-Arabien und Russland dominiert wird, profitieren von den steigenden Preisen. Entsprechend lassen sie sich mit einer Angebotsausweitung Zeit. Am Mittwochabend gab die Gruppe nach einer kurzen Online-Sitzung bekannt, seinen Kurs einer "schrittweisen und moderaten Ausweitung des Rohölangebots" fortzusetzen. Im April will der Verbund seine tägliche Fördermenge lediglich wie bereits geplant um 400.000 Barrel erhöhen.

Aus Sicht der Allianz seien die derzeitigen Preisbewegungen nicht auf eine Veränderung von Nachfrage oder Angebot zurückzuführen, "sondern von den derzeitigen geopolitischen Entwicklungen verursacht worden". Saudi-Arabien, einer der größten Ölproduzenten der Welt, hält sich bislang zurück und signalisierte nicht, dass das Land im Falle eines russischen Lieferstopps einspringen könnte, um die Ausfälle zu kompensieren. Damit profitieren die Ölländer in starkem Maße von der aktuellen Situation und haben es nicht eilig, zur Entspannung beizutragen.

Welchen Effekt hat die Freigabe der Ölreserven durch die Internationale Energieagentur?

Um die Preise zu stabilisieren und Angebotsengpässe abzumildern, haben die 31 Mitgliedsländer der Internationalen Energieagentur (IEA) beschlossen, in einer gemeinsamen Aktion einen Teil ihrer Ölreserven auf den Markt zu werfen. Insgesamt würden sie 60 Millionen Barrel Rohöl freigeben, teilte die IEA am Dienstag in Paris mit. Auch Deutschland gehört zu den Mitgliedsländern der IEA.

Deutschland stellt nun 434.000 Tonnen eingelagertes Öl vorwiegend aus Kavernen in Norddeutschland zur Verfügung. Das entspricht dem deutschen Anteil am Erdölverbrauch der IEA-Länder in Höhe von 5,4 Prozent. Die Menge deckt den Ölverbrauch der Bundesrepublik für drei Tage. Die restlichen Reserven reichen für 90 Tage. Die erhoffte Wirkung hatte die Freigabe bislang nicht. Trotz der Ankündigungen legten die Ölpreise weiter zu, am Donnerstag sogar um jeweils rund vier Dollar gegenüber dem Vortag. Offenbar gehen die Marktteilnehmer davon aus, dass die IEA in den kommenden Tagen und Wochen noch weitere Schritte unternehmen muss. Das Anzapfen der Reserven erhöht zwar kurzfristig das Angebot, ist aber gleichzeitig auch ein Alarmsignal in einem ohnehin angespannten Markt.

Abschied vom russischen Erdöl?

Auf dem Ölmarkt sorgt zudem der Angriff Russlands auf die Ukraine für große Besorgnis. Russland ist Deutschlands größter Lieferant von Rohöl. Die Möglichkeit eines kompletten Lieferausfall Russlands, entweder aufgrund von Einfuhrverboten anderer Länder oder eines Ausfuhrstopps Russlands, beunruhigen den Markt. Obwohl Russland derzeit noch Öl und Gas an die Bundesrepublik liefert, ist es inzwischen durchaus vorstellbar, dass bei einer weiteren Eskalation der Lage der Energie-Import aus Russland unterbrochen wird. Die Folge wäre eine deutliche Verknappung des Angebots. Auch dies treibt aktuell den Preis.

Erste Auswirkungen der Sanktionen

Einige Ölhändler scheuen bereits jetzt das russische Angebot und suchen Alternativen zum russischen Erdöl. Grund dafür ist die Angst vor Sanktionen großer Volkswirtschaften wie den USA. Wer mit Russland noch Geschäfte macht, könnte deswegen von internationalen Strafmaßnahmen getroffen werden, so das Kalkül. Inzwischen haben auch die Ölriesen Exxon, Shell und BP ihre Aktivitäten in Russland eingestellt. Auch die aktuell beschlossenen Sanktionen des Westens tragen laut Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch zu dem jüngsten Preisanstieg bei. Aufgrund der neuen US-Sanktionen dürfe an Raffinerien in Russland keine Technologie mehr geliefert werden. Damit werde es für Raffinerien, in denen Rohöl unter anderem zu Mineralölprodukten weiterverarbeitet wird, schwierig, Modernisierungen vorzunehmen.

dri/afx/dpa/reuters