Börsengänge deutscher Tech-Unternehmen Nicht nur Mytheresa strebt mit Macht an die Börse

Der deutsche Online-Händler Mytheresa treibt seinen im November angekündigten Börsengang in den USA voran. Inzwischen sind die nötigen Unterlagen bei der SEC eingegangen. Doch Mytheresa ist nicht allein - zahlreiche deutsche Tech-Unternehmen drängen an die Börse.
Mytheresa: Der Münchener Online-Modehändler bereitet den Börsengang in USA vor. Zahlreiche weitere deutsche Techfirmen wie etwa Auto1 und Parship stehen ebenfalls in den Startlöchern

Mytheresa: Der Münchener Online-Modehändler bereitet den Börsengang in USA vor. Zahlreiche weitere deutsche Techfirmen wie etwa Auto1 und Parship stehen ebenfalls in den Startlöchern

Foto: PR

Der Münchener Damenmode-Händler Mytheresa hat den Börsengang bei der US-Börsenaufsicht SEC beantragt, teilte die Behörde am Montagabend mit. Mytheresa selbst hatte im November angekündigt, die Unterlagen für den Börsengang eingereicht zu haben. Viele Details zum geplanten Börsengang gehen aus dem veröffentlichten Antrag an die SEC nicht hervor. Im November hatte Bloomberg unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen berichtet, die Mytheresa-Mutter MYT Netherlands plane für das auf Damenmode spezialisierte Unternehmen eine Bewertung zwischen 1 und 1,5 Milliarden Dollar (0,82 bis 1,23 Mrd Euro).

In diesem Jahr konnten Europas Internet- und Technologie-Firmen nur neidvoll über den großen Teich blicken. Dort rissen Anleger Unternehmen mit zukunftsträchtigen Geschäftsmodellen wie Online-Handel oder Heimlieferdiensten regelrecht die Aktien aus den Händen. Die Papiere des Delivery-Hero-Konkurrenten DoorDash schossen an ihrem ersten Handelstag an der Börse um 70 Prozent nach oben, die von AirBnB sogar um 115 Prozent. Während Börsenneulinge in den USA mit 81 Milliarden Dollar so viel Geld einsammelten wie noch nie, war das Emissionsvolumen in Europa mit 19 Milliarden Dollar so niedrig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. In Deutschland brachten sieben Unternehmen zusammen gerade 1,06 Milliarden Euro ein - der tiefste Stand seit der Finanzkrise.

Das soll sich im kommenden Jahr fundamental ändern. Ein auf Börsengänge spezialisierter Banker, der nicht namentlich genannt werden wollte, hat nach eigenen Angaben bereits rund 50 Mandate in ganz Europa, davon 60 Prozent mit Technologie-Bezug. "Es gibt eine beträchtliche Zahl von Wachstumsunternehmen in dem Sektor, für die ein Börsengang eine realistische Perspektive ist", sagt Claire Keast-Butler von der Anwaltskanzlei Cooley. Nadja Picard, die sich für die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC um die Kapitalmärkte kümmert, erwartet zehn bis 15 Neuemissionen allein in Deutschland. "Mindestens ein halbes Dutzend Unternehmen steht bereits in den Startlöchern. Zwei oder sogar drei Erst-Listings könnten wir bereits im ersten Quartal 2021 erleben." JPMorgan-Investmentbanker Stefan Weiner hält es sogar für möglich, dass Deutschland mit zehn bis zwölf Börsengängen mit einem Volumen von zusammen mehr als zehn Milliarden Euro den Rekord von 2018 übertreffen könnte.

Auto1, AboutYou, Check24, Parship: Bis zu zwölf Börsengänge deutscher Firmen 2021 erwartet

Viele Firmen hatten ihre Börsenpläne in diesem Jahr wegen der starken Schwankungen an den Aktienmärkten aufgeschoben. Der britische Lieferdienst Deliveroo und die Cyber-Sicherheits-Firma DarkTrace, aber auch der schwedische Online-Bezahldienst Klarna  ("Sofort") werden als aussichtsreiche Kandidaten genannt. Laut Insidern könnte Deliveroo mit mehr als drei Milliarden Pfund bewertet werden, Klarna kommt seit der letzten Finanzierungsrunde im September auf 10,65 Milliarden Dollar. Das Emissionsvolumen dürfte aber jeweils deutlich darunter liegen, schließlich werden beim Börsengang kaum je 100 Prozent der Aktien platziert.

Die Pipeline in Deutschland ist besonders prall gefüllt: Die Gebrauchtwagen-Plattform Auto1 ("wirkaufendeinauto.de") hat die Investmentbanken Goldman Sachs, Citi und BNP Paribas schon mit den Vorbereitungen eines Börsengangs mandatiert und könnte eine der ersten Emissionen 2021 werden, wie es in Finanzkreisen heißt. Die Bewertung: bis zu fünf Milliarden Euro. Früh dran sei auch About You, der Online-Modehändler von Otto, der von der Corona-Pandemie profitiert hat und mit rund drei Milliarden Euro bewertet werden könnte. Ambitionen haben das Finanz- und Versicherungs-Vergleichsportal Check24 und die Dating-Portale um Parship ("eHarmony", "Elite Partner"), die mehrheitlich ProSiebenSat.1 gehören - doch ob sie schon 2021 so weit sind, ist unsicher. 2022 dürfte es auch beim Flixbus-Betreiber Flixmobility werden, nachdem das Geschäft mit Fernbussen in der Pandemie weitgehend brachlag.

Amerikanische Spacs buhlen um europäische Unternehmen

Ob sie alle letztlich an einer europäischen Börse landen, ist unsicher. Auch Finanzinvestoren buhlen mit tiefen Taschen zunehmend um Tech-Unternehmen. Und die Bewertungen an den US-Börsen sind deutlich höher. Was es London und Frankfurt im Kampf um die Börsenneulinge zusätzlich schwer macht, ist der Boom von Börsengängen leerer Firmenmäntel, sogenannter SPACs (Special Purpose Acquisition Companies) in den USA. Sie gehen erst nach der Erstnotiz auf die Suche nach Unternehmen, die sie übernehmen und damit praktisch durch die Hintertür an die Börse bringen. JP-Morgan-Banker Weiner glaubt, dass sie zunehmend auch in Europa auf die Pirsch gehen. Dass der SPAC-Trend selbst nach Europa und nach Deutschland überschwappt, halten Experten aber für fraglich. "In Deutschland hinterließen die bisherigen drei Börsengänge solcher Investmentgesellschaften vor gut zehn Jahren wenig Freude bei den Anlegern", erinnert sich Berater Carsten Stäcker von PwC. 

la/reuters
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