Börse Die Dubai-Angst geht um

Sorgen um die Finanzkraft des Emirats Dubai haben den deutschen Aktienmarkt geschockt. Der Dax sackte um 3,3 Prozent ab und erlitt damit die heftigsten Kursverluste seit Wochen. Besonders unter Druck geraten Finanzwerte und Aktien von Unternehmen mit einem arabischen Ankeraktionär wie Porsche, Volkswagen oder Daimler.

Frankfurt am Main/Dubai - Die Geldnöte des einstigen Boom-Emirats Dubai haben Ängste vor einer neuen Welle der Finanzkrise ausgelöst. An den Märkten in Europa und Asien kamen am Donnerstag Zweifel an der Zahlungsfähigkeit anderer Golf-Staaten auf. Besonders unter Druck gerieten Finanzwerte und Aktien von Unternehmen mit einem arabischen Ankeraktionär, wie Porsche , Volkswagen  und Daimler .

Zum Handelsschluss hatte der Leitindex Dax  3,3 Prozent verloren. Neben dem Dax mussten auch die anderen Indizes am Donnerstag kräftig Federn lassen: Der MDax  fiel um 3,7 Prozent auf 7062 Punkte, der TecDax  verlor 2,9 Prozent auf 769 Zähler. Da die US-Börsen wegen des Feiertags "Thanksgiving" geschlossen blieben und auch keine Konjunkturdaten auf der Agenda standen, war der Handel aber ruhig.

In Frankfurt fielen die Aktien der Deutschen Bank  um 6,4 Prozent und waren damit Dax-Schlusslicht. Einer mit der Angelegenheit vertrauten Person zufolge ist das Institut allerdings bei dem in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Unternehmen Dubai World nicht engagiert. Commerzbank-Aktien , die bereits am Mittwoch zu den schwächsten Dax-Werten gezählt hatten, gaben 3,9 Prozent nach. Auch die Aktien britischer Großbanken kamen unter die Räder: Barclays , HSBC  und Royal Bank of Scotland  stürzten bis zu 8 Prozent ab.

In Zürich verloren die Papiere der UBS , bei denen sich ein bislang geheim gehaltener Investor aus dem arabischen Raum eingekauft hatte, 4,7 Prozent. Die Papiere des Konkurrenten Credit Suisse verloren 5,4 Prozent. An Credit Suisse ist das Emirat Katar beteiligt, das allerdings nicht zu den VAE gehört.

Unter Druck standen auch die Papiere von deutschen Autobauern mit arabischen Anteilseignern. Besonders hart traf es die Vorzugsaktien von Porsche : Sie brachen 5 Prozent ein. Katar hält 10 Prozent der Stammaktien des Zuffenhausener Sportwagenbauers. Außerdem ist das Emirat mit rund 7 Prozent an der künftigen Porsche-Mutter Volkswagen  beteiligt. Dieser Anteil soll auf bis zu 17 Prozent ausgebaut werden. Die Stämme und die Vorzüge des Wolfsburger Konzerns rutschten jeweils mehr als 6 Prozent ab.

Die Papiere von Daimler  verbuchten ein Minus 4,5 Prozent. Der vom VAE-Emirat Abu Dhabi kontrollierte Fonds Aabar und das eigenständige Emirat Kuwait halten insgesamt 17 Prozent an dem Autobauer. BMW  wurden 2,7 Prozent mit nach unten gezogen. Auch Bauwerte standen unter Druck, da Verzögerungen von Bauprojekte am Golf befürchtet werden. In Mailand sanken die Titel des größten italienischen Baukonzerns Impregilo um 4,7 Prozent. Im MDax  verloren Bilfinger Berger und Hochtief  bis zu 5,2 Prozent.

"Alles, was in arabischer Hand ist, wird im Moment verkauft", beschrieb ein Händler in Frankfurt die Stimmung am Markt. Wie vor gut einem Jahr nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers flüchteten die Anleger massenhaft in die als sicher geltenden Staatsanleihen, was deren Kurse nach oben trieb.

Das Emirat, das anders als die Nachbarländer auf keine größeren Ölvorräte zurückgreifen kann, versuchte zu beruhigen. Die Schuldenprobleme des staatseigenen Konglomerats Dubai World, das die berühmte Insel in Palmenform im Meer entwickelt und gebaut hat, hätte keine Auswirkungen auf andere Staatsunternehmen. In Dubai liegen nach jahrelangem Immobilienboom alle prestigeträchtigen Bauprojekte auf Eis, da die Krise die Finanzierungsquellen versiegen ließ. Aus Mangel an Öl setzte die Regierung des Emirats auf andere Einnahmequellen und fand diese im Tourismus und in der Bankenbranche.

Schulden von fast 60 Milliarden Dollar

Nun bat die Regierung die Gläubiger von Dubai World bis Mitte nächsten Jahres um Zahlungsaufschub für Milliardenschulden. Anleger reagierten geschockt, weil sie bei dem Emirat keine Zahlungsprobleme erwartet hatten. Dubai World hat Schulden von fast 60 Milliarden Dollar, das entspricht drei Viertel der Verbindlichkeiten des Emirats.

Großbanken, die die Finanzkrise allmählich hinter sich lassen, und auch Versicherer waren bemüht, die Sorgen vor neuen Milliardenbelastungen zu vertreiben. Die Schweizer Credit Suisse  sei hier weder über Kredite noch über Bonds substanziell engagiert, sagte ein Sprecher. In Finanzkreisen war ähnliches über die Deutsche Bank , die Commerzbank , die HVB und einige Landesbanken wie die Helaba zu hören.

Mit Kursverlusten von rund 5 Prozent sackten die Finanzwerte dennoch auf den niedrigsten Stand seit einem halben Jahr ab. Auch die ebenfalls unter Verkaufsdruck geratenen Versicherer Münchener Rück , Allianz  und Hannover Rück  sprachen von keinen beziehungsweise "vernachlässigbaren" Belastungen. Nach Daten der Bundesbank und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ist das Engagement der deutschen Finanzbranche in den Vereinigten Arabischen Emiraten insgesamt mit rund 7,5 Milliarden Euro vergleichsweise gering.

Die britischen Banken äußerten sich zunächst nicht, obwohl sie Finanzkreisen zufolge teils besonders stark betroffen sein dürften. Daher sackte auch der Kurs des britischen Pfunds ab. Lediglich die größte Privatkundenbank des Landes, Lloyds , teilte mit, ihr Engagement bei Dubai World halte sich in Grenzen. Gleichzeitig beschloss Lloyds eine Kapitalerhöhung über 15 Milliarden Euro.

Anleger fürchten Ansteckungsgefahr

Auf dem Börsenparkett machte das Wort "Ansteckungsgefahr" die Runde. Anleger befürchten, andere Golfstaaten könnten zum Verkauf großer Aktienbestände gezwungen sein, um Löcher zu stopfen. In der Region tätige Banker sprachen von einem erheblichen Imageschaden für die Golfstaaten. "Das wird nicht ohne Folgen für Investitionen in den Emiraten bleiben", sagte ein Top-Banker.

Die Kosten für eine Absicherung der Schulden Dubais und anderer Golfländer gegen einen Ausfall stiegen deutlich an. Die Preise für diese so genannten CDS-Papiere signalisieren, wie stark am Markt mit ernsten Zahlungsproblemen gerechnet wird. In der Finanzkrise waren sie insbesondere bei Banken nach oben geschnellt, was deren Refinanzierung empfindlich verteuerte.

Experten warnten aber vor voreiligen Schlüssen. "Dubai hat viel stärkere Schuldenprobleme als die Nachbarn, in Abu Dhabi und Katar steckt echtes Geld dahinter", betonte Youssef Affany, Golf-Experte von der Citigroup . Die anderen ölreicheren Emirate sind weniger stark von Krediten und ausländischem Kapital abhängig und haben Milliardeneinnahmen aus dem Ölgeschäft für Kapitalspritzen etwa bei Volkswagen, Daimler oder Porsche verwendet. Eine Ansteckung sei daher unwahrscheinlich, sagte Affany. "Die anderen Emirate und Saudi-Arabien werden eine gewisse Form der Solidarität zeigen."

Auch Helene Rang, geschäftsführender Vorstand des Nah- und Mittelostvereins, zeigte sich überzeugt, dass die Vereinigten Arabischen Emirate im Rahmen ihres Finanzausgleichs eine Lösung finden dürften.

Die Regierung in Dubai wollte mit ihrer überraschenden Ankündigung offenkundig die Auswirkungen auf die Finanzmärkte so gering wie möglich halten. Bis zum 6. Dezember sind im arabischen Raum wegen des Opferfestes fast alle Geschäfte geschlossen. "Einige hoffen, dass sich bis dahin die Lage wieder beruhigt hat - möglicherweise vergebens", sagte ein Händler.

manager-magazin.de mit Material von reuters, ap und dpa-afx

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