Märkte Bankpleiten-Angst zieht Dow nach unten

Wachsende Furcht vor neuen Bankpleiten und Zweifel an der Erholung der Konjunktur haben die Wall Street schwer belastet. Börsianern zufolge streuten Hedgefonds Gerüchte, dass eine Bank vor der Zahlungsunfähigkeit stehe. Im Sog der US-Börse hatte auch der Dax seine Talfahrt beschleunigt.

New York - Die wichtigsten US-Aktienindizes sind am Dienstag belastet von Sorgen um den Zustand der heimischen Finanzindustrie mit deutlichen Verlusten aus dem Handel gegangen. Der Dow Jones  verlor 2 Prozent auf 9.310 Zähler. Der marktbreite S&P-500-Index gab um 2,2 Prozent auf 998 Punkte nach. An der Technologiebörse Nasdaq fiel der Composite-Index  um 2 Prozent auf 1.969 Zähler. Für den Auswahlindex Nasdaq 100  ging es um 1,8 Prozent auf 1.596 Punkte nach unten. In Frankfurt schloss der Dax  bei 5327 Punkten 2,5 Prozent schwächer. Der KBW-Index der Bankenwerte verlor 4,3 Prozent.

Auch Bedenken über die Stichhaltigkeit der Börsenrally seit März mit Kursgewinnen von fast 50 Prozent hätten Händlern zufolge zur schlechten Stimmung beigetragen. Zudem äußerten Börsianer trotz kräftiger Konjunkturdaten die Furcht, dass die jüngsten Kursgewinne noch lange nicht durch die wirtschaftliche Realität gedeckt seien. "Die Rally hat bereits einen Großteil dieses erwarteten Wirtschaftswachstums vorweggenommen", erläuterte Alan Lancz von Alan B. Lancz & Associates in Ohio. Seit Anfang März hat der S&P-500-Index um 50 Prozent zugelegt.

Im Dow Jones konnten lediglich Wal-Mart  den Tag mit einem positiven Vorzeichen abschließen. Die Titel des Einzelhändlers legten um 0,2 Prozent auf 50,97 Dollar zu. Andere ebenfalls als defensiv eingestufte Aktien verloren nur unterdurchschnittlich. So rutschten Coca-Cola  um 0,49 Prozent auf 48,53 Dollar ab. Johnson & Johnson  gaben 0,83 Prozent auf 59,94 Dollar ab.

Bankaktien gehörten an der Wall Street zu den Verlierern des Tages. Ein Ende der Probleme bei Finanzunternehmen sei noch nicht absehbar, sagte Börsenexperte Keith Springer von Capital Financial Advisory Services. Sie seien lediglich eine Zeit lang durch die Stimulierungsmaßnahmen der Regierung verdeckt worden.

Unter den Schwergewichten gaben etwa die Titel der Citigroup  5,5 Prozent nach. Die Aktien des krisengeschüttelten Mittelstandsfinanzierers CIT stürzten gar um 14 Prozent ab, weil die Bank die Zahlung von Zinsen auf ihre Schulden verschieben musste. Die Papiere der Bank of America  büßten mehr als 4 Prozent ein, obwohl das "Wall Street Journal" berichtet hatte, dass das Geldhaus mit der Rückzahlung von Staatshilfen beginnen wolle. American Express verloren 5,44 Prozent auf 31,98 Dollar. JPMorgan  rutschten um 4,12 Prozent auf 41,67 Dollar ab.

Neue Belege für eine konjunkturelle Wende konnten nur im frühen Handel kurzzeitig Zuversicht verbreiten. Der an den Finanzmärkten viel beachtete Konjunkturindex der US-Einkaufsmanager stieg überraschend deutlich auf 52,9 von 48,9 Punkten im Vormonat und signalisierte damit erstmals seit Anfang vergangenen Jahres wieder Geschäftszuwächse in der Industrie.

Die Anleger honorierten dies zunächst mit Kursgewinnen im frühen Handel, bevor die Talfahrt einsetzte. Unter den Einzelwerten gaben die Aktien von Boeing  über 1 Prozent nach. Der Chef der Verkehrsflugzeugsparte, Scott Carson, kündigte mitten im Desaster um das Prestigeobjekt 787 an, Ende des Jahres in Rente zu gehen.

Aktien von Ebay  gaben nach einem sehr festen Start schließlich um 2,08 Prozent auf 21,68 Dollar nach. Die Internet-Verkaufsplattform verkauft die Mehrheit an ihrer Onlinekommunikations-Tochter Skype für 1,9 Milliarden Dollar an Finanzinvestoren. Ebay bleibt mit 35 Prozent an der Tochter beteiligt, deren Unternehmenswert mit 2,75 Milliarden Dollar angegeben wurde.

Yahoo  rutschten um 2,94 Prozent auf 14,18 Dollar ab. Laut einer Pflichtmitteilung vom Montagabend hat der bekannte Investor Carl Icahn durch den Verkauf von rund 13 Millionen Aktien seine Beteiligung an dem Internetkonzern von 5,45 auf 4,48 Prozent gesenkt. Langfristig sieht der streitbare Milliardär die Perspektiven des Unternehmens aber weiter positiv. Als Verkaufsgrund nannte er eine bessere "Ausbalancierung" seines Technologiewerte-Portfolios.

Außerdem hat die US-Beteiligungsgesellschaft Cerberus Marktgerüchte zu Problemen bei einigen ihrer Hedge Fonds zurückgewiesen. Die Spekulationen entbehrten jeder Wahrheit, erklärte am Dienstag Cerberus-Direktor Tim Price. An den Börsen in Frankfurt und London machten Gerüchte die Runde, dass ein großer Hedge Fonds vor der Zahlungsunfähigkeit stehe. Viele Händler erwähnten in diesem Zusammenhang Cerberus, weil die Firma schwer unter Fehlinvestitionen in Chrysler und GMAC zu leiden hat.

Angesichts hoher Verluste wollten Investoren zuletzt 4,77 Milliarden Dollar aus zwei Cerberus-Hedge-Fonds abziehen. Dies entspricht knapp einem Fünftel des gesamten von Cerberus verwalteten Vermögens.

Dax geht in die Knie

Der deutsche Aktienmarkt hat am Dienstag schwach geschlossen. Belastet von Gewinnmitnahmen büßte der Leitindex Dax  2,5 Prozent auf 5.327 Zähler ein. Er schloss damit erstmal seit dem 20. August unter 5.400 Punkten. Größter Dax-Verlierer waren die Volkswagen-Aktien  mit einem Abschlag von 8,2 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Tief von 124 Euro.

Der MDax  fiel um 1,8 Prozent auf 6.601 Zähler. Der TecDax  (Kurswerte anzeigen)sank um 2,9 Prozent auf 680 Punkte. Einige Händler verwiesen auf Gewinnmitnahmen nach dem Kursanstieg im abgelaufenen Monat. Im August war der Dax um rund 2,5 Prozent gestiegen.

Fondsmanager Thilo Müller von MB Fund Advisory sprach von einer "Verschnaufpause" des Dax. "Wir sind ja kaum noch ein Minus auf der Kurstafel gewohnt", sagte er. Nach Veröffentlichung positiver US-Daten habe der Leitindex am Nachmittag aber "eindrucksvoll demonstriert", wie schnell er wieder steigen könne. Nach überraschend positiven Konjunkturdaten aus den USA hatte der Dax seine Verluste kurzfristig deutlich eingedämmt.

"Seit März ist der Dax von unter 3.600 Punkten im Tief bis auf 5.500 Punkte in der Spitze gestiegen - bei diesem Kraftakt muss man ihm auch mal zugestehen, dass er sich setzt und zwei Tage in Folge ein oder zwei Prozent verliert", sagte Müller. Am 24. August war der Dax zwischenzeitlich bis auf 5.531 Zähler gestiegen und hatte damit auf den höchste Stand seit Anfang Oktober 2008 erklommen, als die Aktienmärkte, von der Finanzmarktkrise erschüttert, panikartig eingebrochen waren.

Gestützt auf den Optimismus von Vorstandschef Martin Blessing stiegen die Aktien der Commerzbank  mit plus 3,57 Prozent auf 6,67 Euro an die Dax-Spitze. Blessing will sein Institut möglicherweise schon früher als angekündigt wieder in die Gewinnzone zurückführen. Spekulationen über ein Interesse chinesischer Investoren an BASF  gaben der Aktie des Chemieunternehmens den Tag über Auftrieb. Zudem hob der weltgrößte Chemiekonzern wegen steigender Rohstoffkosten erneut Preise an. Die Aktien hielten sich fast den gesamten Handelstag im Plus, schlossen dann aber doch mit minus 0,71 Prozent auf 36,13 Euro. Trotz dieses Abschlags waren sie immer noch der viertstärkste Wert im Dax.

Die Sorge vor zunehmendem Wettbewerb zwang die Titel von Fresenius  ins Minus: Die Aktien litten darunter, dass das US-Pharmaunternehmens Hospira das Monopol des deutschen Gesundheitskonzerns bei Heparin auf dem US-Dialysemarkt geknackt hat. Die Gesundheitsbehörde FDA ließ sechs neue Darreichungsformen von Heparin zu. Analysten fürchten nun, dass den Deutschen viel Geschäft verloren geht. Die Fresenius-Aktie fiel um 4,55 Prozent auf 37,55 Euro.

Aktien von Volkswagen  schlossen mit minus 8,18 Prozent auf 124,00 Euro als schwächster Dax-Wert. Händler verwiesen darauf, dass die Aktie sich weiter ihrem fairen Wert nähere. "Bis das Emirat Katar alle Optionen ausgeübt hat, bleibt der Kursverlauf eine Blackbox", sagte ein Händler. Zudem verwies er auf die weiteren Hausdurchsuchung in der Porsche-Affäre. "Der weiter Imageverlust bei Porsche  bedeutet eine erschwerte Integration in den VW-Konzern und ist insgesamt nicht gut für VW".

Im MDax stiegen die Vossloh-Aktien  um 0,84 Prozent auf 82,90 Euro. Händler sprachen von der Hoffnung auf neue Aufträge, die das Papier des Verkehrstechnik-Konzerns antrieben. Dem "Handelsblatt" zufolge profitiert auch die Bahnindustrie von großen Infrastrukturaufträgen aus den weltweit verabschiedeten Konjunkturprogrammen.

Arcandor  rückte mit der Eröffnung eines der größten Insolvenzverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte einmal mehr ins Interesse der Öffentlichkeit. Bei den wichtigsten Gesellschaften des Handels- und Touristikriesen übernahm der Kölner Sanierungsexperte Klaus Hubert Görg als Insolvenzverwalter das Ruder übernommen. Görg hatte schon zuvor eine Zerschlagung des Konzerns in Aussicht gestellt und den 38.000 Mitarbeitern der Handelstöchter Karstadt und Primondo schmerzhafte Einschnitte angekündigt. Vorstandschef Karl-Gerhard Eick und fast der gesamte Vorstand verlassen das Unternehmen. Die Aktie schloss 5,77 Prozent im Plus bei 0,24 Euro.

Europaweit Gewinnmitnahmen

Auch die wichtigsten europäischen Aktienindizes haben am Dienstag schwach geschlossen. "Die Leute nehmen im Moment ganz einfach Gewinne mit", sagte Francois Chevallier, Stratege bei Banque Leonardo. Der EuroStoxx 50  büßte 2,14 Prozent auf 2.715,74 Punkte ein. Der Pariser CAC 40  verlor 1,92 Prozent auf 3.583,44 Zähler. In London, wo die Börse am Montag wegen eines Feiertags geschlossen geblieben war, gab der FTSE 100  um 1,82 Prozent auf 4.819,70 Zähler nach.

Vivendi  waren mit einem Aufschlag von 1,11 Prozent auf 20,09 Euro nicht nur der beste Wert im EuroStoxx 50, sondern auch der einzige Titel mit einem positiven Vorzeichen im Index. Der französische Medienkonzern hatte auch im zweiten Quartal der Wirtschaftskrise getrotzt. Firmenchef Jean-Bernard Levy bestätigte zudem das Jahresziel, den operativen Gewinn deutlich zu steigern. Das Analysehaus CMC-CIC Securities lobte, dank des Mobilfunkanbieters SFR und des Fernsehsenders Canal Plus habe das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen auf immaterielle Vermögenswerte (EBITA) über den Erwartungen gelegen.

Eine negative Studie ließ Nokia-Titel  um 2,37 Prozent auf 9,470 Euro zurückfallen. Credit Suisse  hatte das Votum für die Papiere des finnischen Mobiltelefonherstellers von "Outperform" auf "Underperform" gesenkt, sie von der "Focus List" genommen und auch das Kursziel von 12,00 auf 8,50 Euro nach unten geschraubt. Es sei wahrscheinlich, dass die Finnen 2010 ihren Marktanteil bei Smartphones, die im laufenden Jahr für mehr als die Hälfte des Bruttogewinns sorgen dürften, trotz anstehender neuer Produkte nicht halten könnten, hieß es zur Begründung. Daher senkten die Analysten auch ihre Gewinnschätzung je Aktie für 2010 um 28 Prozent.

In London verteuerten sich Anteilsscheine von AstraZeneca um 0,56 Prozent auf 2.856 Britische Pence und waren damit einer der wenigen Werte im positiven Bereich. Der britisch-schwedische Pharmakonzern hatte schon am Sonntag auf dem Fachkongress "European Society of Cardiology" (ESC) in Barcelona Ergebnisse einer Phase III-Studie vorgestellt. Dieser zufolge zeigte das Medikament "Brilinta" gegen Herzanfälle eine größere Effizienz bei einer geringeren Blutungsneigung als das Konkurrenzprodukt Plavix von Sanofi-Aventis .

Minenwerte gehörten angesichts kräftig sinkender Kupferpreise zu den größten Verlierern in der britischen Hauptstadt. So verloren Eurasian Natural als schwächster Wert im FTSE 100 6,94 Prozent auf 805 Pence. Vedanta gaben davor 5,25 Prozent auf 1.698 Pence ab. Anglo American  verloren 4,90 Prozent auf 2.010,25 Pence.

manager-magazin.de mit Material von dpa und reuters

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.