Wochenausblick Im Zeichen des Hexensabbats

Am kommenden Freitag ist großer Verfallstag für Termingeschäfte - landläufig bekannt als Hexensabbat. Zu solchen Gelegenheiten spielen die Aktienkurse oft verrückt. Diesmal könnten Porsches Optionen auf Volkswagen zum Tanzen kommen. Ansonsten sehen Börsenexperten das Prinzip Hoffnung an der Macht - doch wie lange noch?

Frankfurt am Main - Börsianer gehen mit gedämpftem Optimismus in die neue Handelswoche. Die Umsätze dürften bis zum Freitag, an dem der "Hexensabbat" für eine deutliche Belebung des Geschäfts sorgen wird, weiter gering bleiben. Die Agenda ist sowohl mit Unternehmens- als auch mit Konjunkturdaten relativ dünn besetzt, wie die Börsianer einhellig sagen.

"Weder von der mikro- noch der makroökonomischen Seite sind wesentliche Impulse zu erwarten - entsprechend dürfte sich der Markt voll und ganz auf den großen Verfall an den Terminmärkten am Freitag konzentrieren", blickt Stefan de Schutter von Alpha Wertpapierhandel in die Woche. Dabei sei zu erwarten, dass der Dax  vor dem Freitag nochmal deutlich anzieht, um dann ab der letzten vollen Juniwoche zu konsolidieren. Eine solche womöglich längere Konsolidierungsphase wäre nach dem schnellen Anstieg seit März durchaus gesund für den Markt.

Die Anleger dürften sich im Wochenverlauf auf den großen Verfall am Freitag vorbereiten, bestätigten auch andere Börsianer. Der Tag des Auslaufens von Terminkontrakten auf Aktien und Indizes wird an den Börsen als "Hexensabbat" bezeichnet. Vom großen Verfall sprechen Börsianer dann, wenn der letzte Handelstag aller vier Derivatetypen, also der Optionen und Futures auf Indizes und einzelne Aktien, auf den gleichen Tag fällt.

Insgesamt gibt es jährlich vier große Verfallstermine an den Derivatebörsen, und zwar jeweils am dritten Freitag der Monate März, Juni, September und Dezember. Zu diesen Terminen können Aktienkurse und auch Indizes ohne wesentliche Unternehmens- oder Konjunkturnachrichten kräftig hin- und herschwanken. Wegen der mitunter wilden Zuckungen an den Märkten wurde der Begriff "Hexensabbat" geprägt.

Porsche, Volkswagen und der Hexensabbat

Der Termin könnte eine Rolle im Machtkampf zwischen Porsche  und Volkswagen  spielen. Der Stuttgarter Sportwagenhersteller hat seine Übernahme des vielfach größeren Wolfsburger Autokonzerns mithilfe von Aktienoptionen eingefädelt. Porsche ist inzwischen mit rund 51 Prozent größter VW-Eigner, hält aber nach eigenen Angaben weitere Optionen. Deren Finanzierung bereitet dem mit netto neun Milliarden Euro verschuldeten Unternehmen Probleme, seit die Banken, Gegenparteien dieser Kontrakte, mit Anschlusskrediten zögern.

"Der Markt mutmaßt, dass am Freitag auch umfangreiche Optionsgeschäfte von Porsche mit VW-Aktien auslaufen. Da aber niemand Genaues weiß, ist die Unsicherheit sehr groß und es wird befürchtet, dass es bei der VW-Aktie wieder einmal zu großen Ausschlägen kommen könnte", sagt Marktanalyst Thomas Nagel von Equinet.

Auf der Agenda stünden ansonsten vor allem Hauptversammlungen, die nur wenige neue Impulse für die Einzelwerte bringen dürften, sagte de Schutter. Unter anderem treffen Bechtle , Q-Cells , Wirecard  und Kontron  aus dem TecDax  die eigenen Aktionäre, ansonsten berichten beispielsweise Deutsche Wohnen  und Krones  über den Geschäftsverlauf. Möglicherweise sorge der insolvente Handelskonzern Arcandor  mit seinen Quartalszahlen am Donnerstag, einen Tag bevor die Aktien aus dem MDax  herausfallen, nochmals für Aufsehen. Ansonsten lege noch Fraport  die Verkehrszahlen für Mai vor.

Makroökonomisch könnten im Wochenverlauf einige US-Daten wie die zum Häusermarkt und zur Industrieproduktion am Dienstag für etwas Bewegung sorgen. In Deutschland könnte der ZEW-Index für Juni die Gemüter der Börsianer in Wallung bringen.

Mit dem Blick in die weitere Zukunft zeigen sich Experten unterdessen verunsichert, nachdem sich der anfangs von vielen Marktteilnehmern als Strohfeuer belächelte Aufschwung an den Weltbörsen als unerwartet dauerhaft erweist. "Viele institutionelle Investoren sind noch nicht am Markt aktiv und geraten jetzt unter Zugzwang", erklärt Carsten Klude, Chefvolkswirt der Hamburger Privatbank M. M. Warburg, den anhaltenden Aufwärtsdruck. "Vor ein paar Monaten noch herrschte Weltuntergangsstimmung." Als es dann ab April erste Anzeichen einer Stabilisierung gegeben habe, seien diese vor allem von den institutionellen Anlegern nicht ernst genommen worden. Mit Blick auf die kommenden zwei bis drei Monate rechnet Klude mit einem weiteren Aufwärtstrend.

"Die aktuelle Rally basiert auf dem Prinzip Hoffnung"

Großes Aufwärtspotenzial für den Dax sehen die Experten nicht mehr, zumal der Leitindex inzwischen seit gut einem Monat nicht so richtig über die 5000 Punkte hinauskommt. Impulsgeber für eine größere Korrektur seien allerdings auch schwer auszumachen. "Steigende Staatsverschuldung, Probleme mit Fremdfinanzierungen, sinkende Unternehmensgewinne - die schlechten Nachrichten liegen eigentlich alle auf dem Tisch, aber die Börse ignoriert das jetzt schon einige Zeit", sagt LBBW-Stratege Marc-Gregor Czaja. Weiter würden Investoren jeden Rückschlag als Einstiegsgelegenheit wahrnehmen.

Getrieben von Konjunkturhoffnungen hat der Leitindex seit Anfang März rund 40 Prozent an Wert gewonnen. In der zurückliegenden Woche ging ihm allerdings die Luft aus: Am Freitag schloss der Leitindex 0,7 Prozent tiefer bei 5069 Punkten, auf Wochensicht verlor er 0,2 Prozent.

Tilmann Galler, Aktienexperte bei J. P. Morgan, sagt: "Die aktuelle Rally basiert auf dem Prinzip Hoffnung." Es gebe viel freie Liquidität, die nur darauf warte, investiert zu werden - und das könnte den Markt kurzfristig weiter nach oben treiben. "Einige Investoren fragen sich, ob ihnen der Markt nicht davonläuft, nachdem der Dax die 200-Tage-Marke überschritten hat." In den kommenden Monaten könne der Leitindex deshalb noch zulegen. Allerdings sähen die volkswirtschaftlichen Zahlen eher düster aus, gab Galler zu bedenken. "Mittelfristig gibt es deshalb auch Enttäuschungs- und Rückschlagpotenzial".

Skeptischer zeigt sich Christoph Berger, Fondsmanager bei der Cominvest. Er sieht die Stabilisierung am Markt eher "auf tönernen Füßen". Die Frühindikatoren stimmten positiv, nun müssten allerdings auch positive Aktivitätsindikatoren wie die Industrieproduktion nachziehen. "Mittelfristig erwarten wir eine Seitwärtsbewegung."

"Als Störfeuer für den aufgeflammten Konjunkturoptimismus könnte sich ein anhaltender Höhenflug der Rohstoffpreise herausstellen", prognostizieren die Experten der Landesbank Berlin. Der Ölpreis  ist mit zeitweise mehr als 72 Dollar je Fass auf den höchsten Stand seit Oktober gestiegen. Seit den Tiefs zu Jahresbeginn haben sich die Notierungen damit mehr als verdoppelt.

manager-magazin.de mit Material von dpa-afx und reuters

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