Rekordplus auch an Wall Street Dow gewinnt mehr als 900 Punkte

Die staatlichen Milliardenhilfen für Banken lösen weltweit Euphorie aus. Nach den Rekordgewinnen beim Dax und anderen europäischen Börsen schließt der Dow Jones um 936 Punkte höher - das höchste Tagesplus bisher. Der Börsenwert von Morgan Stanley hat sich innerhalb des Tages fast verdoppelt. Aber wie nachhaltig ist die Erholung?

Frankfurt am Main - Die staatlichen Rettungspläne für die kriselnde Finanzbranche führen an der Wall Street zu wahren Kursexplosionen. Händler sprechen von einem regelrechten Aufatmen unter Börsianern. Die von zahlreichen Regierungen und Notenbanken beschlossenen Hilfsmaßnahmen würden das gegenseitige Vertrauen im Bankensektor wieder herstellen.

Der Dow Jones  und S&P 500 gehen mit den höchsten Punktzuwächsen ihrer Geschichte aus dem Handel, der Nasdaq legte wie seit 2001 nicht mehr zu. Der Dow schließt mit einem Plus von gut 11 Prozent bei 9388 Punkten. Der Rekordpunktgewinn: 936,42 Zähler.

Vor allem Finanzwerte zählten zu den Gewinnern. Die Aktien von Morgan Stanley  schossen zeitweise um rund 96 Prozent in die Höhe und schlossen mit 87 Prozent im Plus. Der Börsenwert der Bank hat sich damit binnen eines Tages beinahe verdoppelt.

Die japanische Großbank Mitsubishi UFJ Holdings (MUFG) hat den Einstieg bei der US-Investmentbank abgeschlossen. Wegen des Kursverfalls der Morgan-Stanley-Papiere in den vergangenen Tagen erhielten die Japaner jetzt bessere Konditionen, teilte MUFG mit. Für insgesamt neun Milliarden Dollar sichert sich die japanische Bank rund 21 Prozent an Morgan Stanley. Citigroup  legten um 11,62 Prozent auf 15,75 Dollar zu. Für Papiere der Bank of America  ging es um 9,20 Prozent auf 22,79 Dollar nach oben.

Wachovia  profitierten von der Erlaubnis der US-Notenbank für den Konkurrenten Wells Fargo , das Institut zu übernehmen. Sie stiegen um 13,59 Prozent auf 5,85 Dollar. Wells Fargo will Wachovia per Aktientausch im Wert von rund 15 Milliarden Dollar übernehmen und damit in die Spitze des US- Privatkundengeschäfts aufrücken. Wachovia hatte sich in der Finanzkrise massiv verspekuliert und steht vor weiteren hohen Milliardenverlusten. Wells Fargo schlossen mit plus 7,38 Prozent bei 30,40 Dollar.

Auch die Aktien von Autobauern gehörten zu den Gewinnern. Ford  verteuerten sich nach einer positiv aufgenommenen Personalentscheidung um 20,10 Prozent auf 2,39 Dollar. Zum 1. November übernimmt der bisherige Europa-Chef Lewis Booth den Posten von Ford-Veteran Don Leclair.

General Motors  schlossen sogar 33,13 Prozent höher bei 6,51 Dollar und beendeten damit die rasante Talfahrt der vergangenen Tage. Der größte amerikanische Autokonzern erwägt laut US-Medienberichten einen Kauf des Konkurrenten Chrysler. Bei einem Zusammengehen des Opel-Mutterkonzerns GM mit der ehemaligen Daimler-Tochter würde der mit Abstand weltgrößte Autokonzern und ein mächtiger Spieler auf dem schwächelnden US-Markt entstehen.

Ob das Geschäft zustande kommt, ist laut Informationen aus Verhandlungskreisen aber noch offen. Zudem teilte GM mit, wegen der schwächelnden Nachfrage für Geländewagen (SUV) ein US-Werk zum Jahresende schließen zu wollen und damit früher als ursprünglich geplant.

Rekord-Tagesgewinn für den Dax

Mit einem Kursfeuerwerk hatten zuvor bereits die Börsen in Europa auf den Beschluss des gigantischen Banken-Rettungspaketes der Bundesregierung und anderer europäischer Länder reagiert. Der Dax  schloss mit dem höchsten prozentual Tagesanstieg seiner Geschichte und stieg wieder über die Marke von 5000 Punkten. Nach der bisher wohl schwärzesten Woche, in der der Dax um 22 Prozent geschmolzen war, stieg er bis Handelsende um 11,4 Prozent auf 5062,45 Punkte. Der MDax  legte 11,96 Prozent auf 5962,49 Zähler zu. Der TecDax  stieg um 13,14 Prozent auf 584,64 Punkte.

Auch an anderen Handelsplätzen in Europa gab es saftige Gewinne. In London schloss der FTSE 100  mit 8,3 Prozent im Plus, dem zweithöchsten Tagesgewinn bisher. In Wien und Zürich gab es wie in Frankfurt Rekordzuwächse.

Am Freitag war der Dax nach einem panikartigen Ausverkauf mit Abschlägen von 7 Prozent auf 4544 Punkten aus dem Handel gegangen. Im Tagesverlauf hatte der Index auch seinen tiefsten Wert seit Mai 2005 erreicht. Grund für den heutigen Aufschwung war die Hoffnung der Anleger darauf, dass die Finanzkrise mit den von der Politik europaweit am Wochenende und heute in Gang gesetzten Maßnahmen in den Griff zu bekommen ist. Die Bundesregierung stellte ihr Rettungspaket für die Finanzbranche mit einem Volumen von bis zu 500 Milliarden Euro vor.

Es geht um 400 Milliarden für Bürgschaften des Bundes für kurzfristige Kredite der Banken untereinander. Für den Aufkauf fauler Kreditpapiere und Kapitalspritzen sind 70 Milliarden Euro vorgesehen, unter bestimmten Bedingungen auch 10 Milliarden mehr. Hinzu kommt ein weiterer Kreditrahmen von nochmals 20 Milliarden Euro.

Doch die Investoren bleiben trotz zweistelliger Kursanstiege bei einzelnen Aktien vorsichtig. "Wie nachhaltig diese Erholungsbewegung ist, muss sich erst noch zeigen. Sie ist mit Sicherheit auf einem sehr dünnen Fundament gebaut", warnte Händler Stefan de Schutter von der Wertpapierhandelsbank Alpha.

Finanztitel haussieren

In Frankfurt waren es die zuletzt arg gebeutelten Finanzaktien, die die Aufwärtsbewegung anführten. Papiere des in den vergangenen Wochen zweimal vor dem Zusammenbruch geretteten Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE)  schossen mit einem Kursplus von 39,95 Prozent auf 5,78 Euro am stärksten nach oben. Die Aktie hatte angesichts des Überlebenskampfs der HRE seit Ende September 69 Prozent an Wert verloren.

Aktien der Commerzbank  gewannen am Montag 14,79 Prozent auf 11,14 Euro, Papiere der Deutsche Bank  stiegen um 12,09 Prozent auf 35 Euro. Das Kursplus von 4,86 Prozent auf 23,72 Euro bei der Postbank  sah dagegen fast schon bescheiden aus. Im MDax legten Aareal Bank  um 36,12 Prozent auf 7,99 Euro zu.

Das größte Finanzrettungspaket der Nachkriegsgeschichte soll noch in dieser Woche in einem beschleunigten Gesetzgebungsverfahren beschlossen werden und bis Ende 2009 befristet sein. Ziel ist, das Finanzsystem wieder in Gang zu bringen: Die Banken leihen sich seit Wochen kaum noch Geld, weil sie Angst haben, es nicht mehr wiederzusehen.

Technische Reaktion bei Infineon

Auch für Infineon  ging es mit plus 14,39 Prozent auf 3,14 Euro kräftig nach oben. Ein Händler verwies auf eine technische Gegenreaktion nach den massiven Verlusten der vergangenen Woche. Die Nachrichten zur Tochter Qimonda  wertete er unterdessen als "sehr schlechte Neuigkeiten".

Der vom Markt lang erwartete Verkauf der Tochter verzögert sich wegen der Finanzkrise oder droht zu scheitern. Unterdessen verkauft Qimonda ihre 35,6-prozentige Beteiligung am taiwanischen Chiphersteller Inotera an den US-Konkurrenten Micron . Dem Börsianer zufolge pickt sich Micron mit der Inotera-Beteiligung die Rosinen heraus - das spreche gegen einen Komplettkauf von Qimonda.

Aktien der Merck KGaA  landeten mit einem vergleichsweise mageren Plus von 4,80 Prozent auf 64,66 Euro auf einem der hinteren Plätze im Dax. Händler verwiesen auf eine Abstufung durch Goldman Sachs . Die Analysten hatten die Titel von ihrer "Conviction Buy List" entfernt und auf "Neutral" abgestuft. Andere Titel des Sektors eröffneten ein höheres Potenzial, hieß es zur Begründung. Die Experten senkten zudem ihre Schätzungen für den Umsatz mit Flüssigkristallen weiter.

Tui deutlich im Plus nach Hapag-Verkauf

Im MDax stiegen Tui  um 22,08 Prozent auf 10,70 Euro. Der Tui-Konzern will nach dem Verkauf der Reederei Hapag-Lloyd massiv Schulden abbauen. Der Tui-Aufsichtsrat hatte am Sonntag den Verkauf von Hapag-Lloyd an das Hamburger Bieterkonsortium "Albert Ballin" zu einem Unternehmenswert von 4,45 Milliarden Euro beschlossen.

Börsianer werteten positiv, dass endlich eine Lösung gefunden worden sei. Davon profitierten auch HHLA  mit plus 10,67 Prozent auf 31,23 Euro. "Damit bleibt der Reeder in Hamburg. Zuvor wurde befürchtet, dass der Hafen bei einem Verkauf an die Neptune Orient Lines  aus Singapur den wichtigen Kunden Hapag-Lloyd verliert", sagte ein Händler.

Aktien von ProSiebenSat1 , Arcandor  und der gesamte Immobiliensektor profitierten Händlern zufolge indirekt vom Rettungspaket der Bundesregierung. Ein Börsianer sagte: "Bei diesen Titeln war die angespannte Kreditsituation eine große Belastung in der jüngsten Vergangenheit - das hat sich mit dem Rettungspaket deutlich verbessert". Die Refinanzierung dürfte nun wieder einfacher werden. ProSieben kletterten um 11,19 Prozent auf 3,08 Euro, Arcandor gewannen 29,22 Prozent auf 1,99 Euro. Für Aktien von IVG Immobilien  ging es um 22 Prozent auf 5,60 Euro nach oben, IKB  schossen im SDax  um 54,69 Prozent auf 1,98 Euro hoch.

Zweistellige Kursgewinne im TecDax

Im TecDax schnellten Conergy  um 34,60 Prozent auf 4,24 Euro an die Index-Spitze. Roth & Rau , Drägerwerk , Manz Automation , Singulus , Centrotherm , Aixtron , Solon  und Versatel  verbuchten Kursgewinne von jeweils mehr als 20 Prozent

In London stieg der FTSE 100  bis Handelsschluss um 8,3 Prozent. Es war der zweitgrößte Tagesgewinn in der Geschichte. Die britische Regierung bestätigte am Morgen offiziell ein Rettungspaket für führende Banken des Landes. Die Royal Bank of Scotland  braucht insgesamt 20 Milliarden Pfund an frischem Kapital und will sich dabei auch an dem von der Regierung bereitgestellten Geld bedienen. Die Regierung zeichnet nach eigenen Angaben Vorzugsaktien im Wert von über fünf Milliarden Pfund. Zudem sichere das Finanzministerium die geplante Ausgabe von Stammaktien über 15 Milliarden Pfund ab, falls sich keine anderen Investoren fänden, hieß es. Die RBS-Aktien verloren zuletzt mehr als 23 Prozent.

Die britische Regierung beteiligt sich zudem wie erwartet an den ins Straucheln geratenen und kurz vor der Fusion stehenden Banken HBOS  und Lloyds TSB . Beide Banken brauchen den Angaben vom Montag zufolge frisches Kapital in Höhe von 17 Milliarden Pfund. Die Papiere von HBOS verloren am Morgen 16 Prozent, die Aktien von Lloyds sprangen dagegen um gut 8 Prozent nach oben. Barclays , die eine Kapitalerhöhung von privaten Aktionären anstrebt, ohne auf das öffentliche Geld zurückzugreifen, verzeichnete einen Kurssprung um 12 Prozent.

manager-magazin.de mit Material von ddp, dpa-afx, reuters und ap

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