Börsen Zahlensturm hält Anleger in Atem

Ein Ende der Zitterbörse ist nicht in Sicht. Investoren warten auf die Reaktionen der Notenbanken in den USA und Euro-Land. Zudem legen zahlreiche Unternehmen Zahlen vor. Nach der Gewinnwarnung von BMW stehen Allianz, Adidas, Commerzbank und Telekom im Mittelpunkt.

Frankfurt - Ein Ende der Zitterpartie für die deutschen Aktienanleger ist nach Einschätzung von Börsianern vorerst nicht in Sicht. Die Unsicherheit über die Aussichten für die Weltkonjunktur und die Unternehmensgewinne werde wohl auch in der neuen Woche für größere Kursausschläge beim Dax  sorgen. Entsprechend gespannt warteten die Investoren auf eventuelle Reaktionen der Notenbanken in den USA und der Euro-Zone.

"Berichtssaison und Konjunktursorgen werden gegeneinander antreten müssen", sagt Kapitalmarktanalyst Hans-Jörg Naumer von Allianz Global Investors. "Deshalb gehe ich eher davon aus, dass der Markt schwächelt und volatil bleibt. Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem die Bullen aus dem Gatter kommen." Die Bullen symbolisieren an der Börse die Optimisten.

Aktienstratege Thomas Grüner von der Landesbank Berlin urteilt ähnlich. "Wir sind skeptisch, ob die Rally der vergangenen Wochen die Trendwende bedeutet und rechnen damit, dass sich der Dax in den kommenden Wochen wieder in Richtung 6000 Punkte bewegt." Der Leitindex hatte nach dem Fall auf ein Zwei-Jahres-Tief Mitte Juli binnen weniger Tage knapp 600 Zähler zugelegt. Am Freitag allerdings ging er mit 6396 Zählern aus dem Handel, das bedeutet einen Verlust auf Wochensicht von 0,6 Prozent.

Auguren gefragt - Fed und EZB mit Ratssitzungen

In der neuen Woche haben wieder Auguren Hochkonjunktur, die glauben auf Basis der Aussagen der Notenbanker die künftige Geldpolitik vorhersagen zu können. Denn mit Drehungen an der Zinsschraube rechnen die Experten weder bei der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) noch bei der Europäischen Zentralbank (EZB). "Die Frage bei der Fed ist, wie viele Stimmen sich für Zinserhöhungen aussprechen", sagt Aktienstratege Tobias Basse von der NordLB.

"Je stärker der Druck steigt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed noch vor dem Jahresende die Zinsen erhöht." Am Markt sei ein solcher Schritt aber noch nicht vollständig in den Kursen enthalten. Der Führungszirkel der Fed hat seine Zusammenkunft für kommenden Dienstag geplant. Die Ratssitzung der EZB soll zwei Tage später folgen.

Nachdem in den vergangenen beiden Wochen allein drei Dax-Konzerne die Anleger mit Gewinnwarnungen schockiert haben, müssen sich die Investoren nach Einschätzung der Experten auf weitere Hiobsbotschaften gefasst machen. "Die Tendenz zu Gewinnrevisionen wird anhalten", erwartet Landesbank-Berlin-Stratege Grüner. Er rechne damit, dass spätestens zur Vorlage der Zahlen zum dritten Quartal viele Unternehmen ihre Ziele revidieren werden, vor allem für 2009.

Bilanzsaison läuft weiter auf Hochtouren

Nach der Gewinnwarnung der Münchener Rück  warten die Börsianer gespannt auf die Zahlen der Allianz  am kommenden Donnerstag. Sie erhoffen sich zudem Hinweise auf die Zukunft der verlustreichen Allianz-Tochter Dresdner Bank. Am selben Tag will sich die Hannover Rück  in die Bücher schauen lassen. Der Rückversicherer hatte seine Gesamtjahresziele vergangene Woche infrage gestellt.

Auch beim Konsumgüterhersteller Henkel  nährte die Enttäuschung über die Bilanz des Konkurrenten Unilever  die Befürchtung vor einer ähnlich negativen Überraschung. Ebenfalls für Mittwoch hat die Münchener Rück detaillierte Quartalsergebnisse angekündigt. Aus dem Dax wollen außerdem Deutsche Telekom  (Donnerstag), Commerzbank  (Mittwoch) und Adidas  (Dienstag) Zwischenbilanzen vorlegen.

Nervosität an der Wall Street

Nervosität an der Wall Street

Auch der Wall Street steht erneut eine turbulente Woche bevor mit Bilanzen von Branchengrößen wie dem Konsumgüterhersteller Procter & Gamble  und dem Technologiekonzern Cisco . Mit jedem Hinweis auf eine nachlassende Kauflust der Verbraucher oder eine allgemeine Abkühlung der Konjunktur könnten die Börsenkurse wieder ins Taumeln geraten.

Erst am Freitag hatte der überraschend hohe Verlust des Autobauers General Motors  (GM) die US-Börsen belastet. Der Blick der Anleger wird sich in den kommenden Tagen zudem auf die Notenbank Fed und ihre Einschätzung der Wirtschaftslage richten, während der Ölpreis weiter als großer Unsicherheitsfaktor gilt.

"Wir haben gerade erst zwei Drittel der Bilanzsaison hinter uns", sagte Fred Dickson von D.A. Davidson & Co. Deshalb würden sich die Händler weiter auf die Unternehmenszahlen konzentrieren. So wird am Dienstag neben dem Pampers-Hersteller Procter & Gamble und dem Netzwerkausrüster Cisco auch der Versicherer American International Group  seine Bilanz vorlegen.

"Die Messlatte lag furchtbar niedrig"

"Im allgemeinen waren die Anleger erleichtert, dass die Gewinne bisher besser ausfielen als erwartet", sagte Dickson weiter. "Die Messlatte lag aber auch furchtbar niedrig." Und obwohl sich bei den Bilanzen bisher ein verhalten positiver Trend abzeichnete, konnten die Kursbarometer der Wall Street in der vergangenen Woche denn auch kaum Boden gutmachen. Sie waren zudem nicht allzu weit entfernt von den tiefsten Ständen seit Jahren, auf die sie Mitte Juli gesunken waren.

Unter dem Schock des 15-Milliarden-Dollar-Verlustes bei General Motors schloss der Dow-Jones-Index  der Standardwerte am Freitag 0,45 Prozent im Minus bei 11.326 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500-Index  gab um 0,56 Prozent auf 1260 Zähler nach. Der Technologiewerteindex Nasdaq  sank um 0,63 Prozent auf 2310 Punkte.

Selbst wenn die Bilanzen in der kommenden Woche etwas Optimismus auf das Parkett bringen sollten, werden die Anleger ihre Sorgen um die Wirtschaft angesichts der Kreditkrise noch immer nicht abschütteln können. Schließlich waren sie mit dem beunruhigenden Wissen um eine Juli-Arbeitslosenrate von 5,7 Prozent - der höchsten seit vier Jahren - ins Wochenende gegangen.

"USA nah an einer Rezession"

"US-Wirtschaft sehr nah an einer Rezession"

Die US-Notenbank dürfte bei ihrer Sitzung in der kommenden Woche die Zinssätze unangetastet lassen. Die wachsende Arbeitslosigkeit in den USA hat diese einhellige Meinung der Experten noch untermauert. Im Mittelpunkt des Interesses wird daher wohl eher die Einschätzung zum Zustand der weltgrößten Volkswirtschaft stehen, die der Offenmarktausschuss der Fed nach seinen Beratungen am Dienstag abgeben soll.

Die jüngste Konjunkturflaute macht Unternehmen und Anlegern zu schaffen, doch die Währungshüter haben nicht zuletzt wegen der hohen Ölpreise auch der Teuerung den Kampf angesagt. Ein Barrel Rohöl kostete zuletzt gut 125 Dollar - ein Plus von mehr als einem Dollar. Die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten dürften zu weiteren Preisschwankungen führen.

Die Arbeitslosenrate kletterte im Juli in den USA auf 5,7 Prozent und war damit so hoch wie schon seit März 2004 nicht mehr. "Die Verluste von Arbeitsplätzen sind nicht dramatisch", sagte Gary Thayer von Wachovia Securities in St. Louis. "Aber sie zeigen, dass die Wirtschaft sehr nah an einer Rezession ist und dass Probleme auf dem Arbeitsmarkt den Verbrauchern wahrscheinlich Sorgen bereiten werden."

Kein schnelle Zinsänderung der Fed erwartet

Der Schlüsselzins in den USA beträgt derzeit zwei Prozent. Mit einer Serie von Zinssenkungen hatten die Notenbanker um Fed-Chef Ben Bernanke in den vergangenen Monaten die Folgen der Immobilien- und Finanzkrise abfedern wollen. Mitte September hatten die Währungshüter die Lockerung der Geldpolitik bei einem Zinssatz von 5,25 Prozent begonnen. Zuletzt hatte die Fed im April die Zinsen gesenkt, bei der Sitzung im Juni blieben die Sätze unverändert.

US-Banken, die direkt mit der Fed handeln, gehen einer Reuters-Umfrage zufolge davon aus, dass die Notenbank noch abwartet und die Zinsen am Dienstag unangetastet lässt. Diese Prognose gaben alle 15 Primärhändler ab, die an der Befragung teilnahmen. Im Mittel sehen sie den Zinssatz weiterhin bis Ende des Jahres bei zwei Prozent. "Die Wirtschaftslage verschlechtert sich weiter, und die Inflation wird nachlassen", sagte Ted Ake von Mizuho Securities USA. "Das nimmt den Druck von der Fed, die Zinsen zu erhöhen."

Während von dem Treffen am Dienstag noch keine Zinserhöhung erwartet wird, gehen Marktteilnehmer mittelfristig sehr wohl von einer Rückkehr zu einer strafferen Geldpolitik aus. Die US-Zinsfutures signalisieren, dass die Mehrheit der Börsianer eine Erhöhung um 25 Basispunkte bis Januar für wahrscheinlich hält. Für die Fed-Sitzung im September wird die Wahrscheinlichkeit bei nur 36 Prozent gesehen, für das Treffen im Oktober bei einem Verhältnis von zwei zu drei.

manager-magazin.de mit Material von reuters

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