Indien "Intakter Superzyklus"

Die Kapitalmarktexperten der Schweizer Bank Julius Bär bleiben optimistisch für die Weltwirtschaft. Vor allem die Aktien aus Indien seien einen Blick wert - weil solche Länder die Weltwirtschaft inzwischen kräftig anschieben.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main – Schweizer Unternehmen gelten als konservativ. Im Falle Julius Bär scheint sich das zu bewahrheiten. Denn die Banker des Hauses setzen auf eine bekannte Wahrheit. Und die heißt Emerging Markets. Schon zwei Mal haben die Kapitalmarktexperten der Schweizer Bank in diesem Jahr das Gewicht der Aktien aus Schwellenländern wie Brasilien, Indien, Russland und China in ihrem Portfolio zu Lasten der von Japan und dem Euro-Raum erhöht.

"Die Aktienmärkte der Emerging Markets sind mit einem Abschlag von etwa 10 Prozent zu den Weltindizes bewertet, obwohl ihre Wirtschaft kräftiger wächst", begründet der Anlageexperte der Bank, Gérard Piasko, seine Strategie.

Aber nicht nur das günstige Kurs-Gewinn-Verhältnis und das höhere Wirtschaftswachstum sprechen seiner Ansicht nach für eine Übergewichtung dieser Anlageregion. "Wenn die Risikoprämien wegen einer Zuspitzung der Krise an den Kreditmärkten sehr stark steigen sollten, dann sind diese Märkte wegen der geringeren Verschuldung weniger anfällig", meint er.

Und was ist mit Europa? Gegen eine überdurchschnittliche Berücksichtigung europäischer Aktien in einem Portfolio spricht seiner Ansicht nach vor allem das "Überschießen" des Euro, wie er es nennt. Einfacher gesagt: Wegen der hohen Kursgewinne der Währung des Euro-Raums geht Piasko davon aus, dass die Gewinne der stark vom Export abhängigen Unternehmen nach unten revidiert werden müssen. Eine Durststrecke also, die andauern wird. Denn erst im zweiten Halbjahr 2008 werde mit einer Zinssenkung um einen Viertel Prozentpunkt auf 3,75 Prozent durch die Europäische Zentralbank (EZB) und einer Beschleunigung des Wirtschaftswachstums in den USA der Dollar wieder Boden gutmachen können.

Allerdings gibt es nicht nur Schelte für die Zentralbanken. Dank des beherzten Eingreifens der amerikanischen Notenbank (Fed) ist nach Ansicht von Piasko Schlimmeres in den USA verhindert worden. "Die Fed hat rascher als 1998 auf die Probleme am Kreditmarkt reagiert", erläutert er. Damals hatten die Russlandskrise und die Beinahepleite des Hedgefonds LTCM die Finanzmärkte in eine Krise gestürzt. Die amerikanische Zentralbank konnte erst durch eine zweite Zinssenkung das Vertrauen wieder aufbauen.

Forderungen an die Fed

Forderungen an die Fed

Zinssenkungen sind daher das, was man bei Julius Bär von der Fed auch weiterhin erwartet. Gerd Grebe, Kollege von Piasko, schätzt, dass die Fed wegen des Rückgangs der Konsumentenstimmung die Zinsen in den kommenden Wochen noch einmal um 0,25 Prozentpunkte auf 4,50 Prozent senken müsse.

"Die Achillesverse der USA ist weiterhin der private Konsum", sagt der Chefanlagestratege der Bank. Erst wenn es Zeichen für einen stabilen amerikanischen Arbeitsmarkt gebe und sich die Lage am Immobilienmarkt beruhige, könne man eine Entwarnung aussprechen, fügt er vorsichtig hinzu.

Zudem bestehe die Gefahr, dass im Fall deutlich steigender Risikoprämien infolge der Krise an den Kreditmärkten die Unternehmensfinanzierung deutlich verteuert wird. Auch das könnte wie der private Konsum die Gewinnentwicklung der amerikanischen Unternehmen belasten. Von einer Rezession will er dennoch nichts wissen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Amerika in eine Rezession fällt, setzt Grebe mit vergleichsweise niedrigen 30 Prozent an.

Er geht vielmehr davon aus, dass die US- und die Weltwirtschaft im vierten Quartal deutlich schwächer wachsen, sich dann aber dank der Geldpolitik in den ersten drei Monaten 2008 stabilisieren und im ersten Halbjahr erholen werden.

Zudem verlagere sich die Bedeutung der einzelnen Weltregionen für die globale Konjunkturentwicklung zunehmend von den Industrieländern auf eine größer werdende Anzahl von Schwellenländern. Die Emerging Markets haben nach Ansicht von Grebe die Rolle der "Lokomotive" für die Weltwirtschaft übernommen. Deshalb bleibe der konjunkturelle "Superzyklus" intakt.

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