Dax-Geflüster Die Magie der Zahlen

Der Dax steht augenscheinlich kurz davor, die 7000-er Marke zu durchbrechen, und viele Anleger freuen sich. Doch warum eigentlich die punktgenaue Freude - sind die zauberischen 7000 Punkte so viel besser als 6999? Oder gar 7001 Zähler?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Die ganze Woche schon prägt eine Zahl das Anlegerdenken - die 7000. Denn schon seit geraumer Zeit prognostizierten Analysten, dass der Dax diese Grenze durchbrechen werde. Und anscheinend knüpfen viele Anleger daran große Erwartungen. Auch als der Dax durch die 6500 Punkte marschierte, war der Jubel groß. Und alle sprechen nun vom "Erreichen einer psychologisch wichtigen Grenze".

Weil sie tatsächlich so bedeutsam ist - oder weil sie so schön glatt und bedeutungsschwer klingt? So ganz einfach lässt sich das nicht sagen. "Die Zahl ist völlig irrelevant", enttäuscht Gianni Hirschmüller die Anleger. "Schauen Sie nur mal in die Vergangenheit", so der Inhaber des Börsenforschungsinstituts Cognitrend. "Wann in den vergangenen 50 Jahren hat so eine glatte Zahl je den Höchst- oder Niedrigstkurs eines Wertpapiers oder Indizes ausgemacht? Kaum." Und dennoch, so ganz ohne Signalwirkung ist so eine runde Zahl dann wohl doch nicht. "Das ist eine schöne Zahl für die Medien, die auch die Privatanleger beeindrucken könnte. Und es könnte sein, dass einige institutionelle Anleger unter Druck geraten, weil sie schon früher ausgestiegen sind und sich jetzt fragen lassen müssen, warum sie nicht dabei sind." Das könnte die Kurse positiv stimulieren.

"Runde Zahlen sind immer eine große Sache. Denken Sie nur an das Medienecho, das um den MDax und die 10.000 Punkte gemacht wurde", sagt Manfred Hübner, einer der Geschäftsführer bei Sentix und Fondsmanager bei der Deka Investment. "Da achten die Anleger selbstverständlich auch drauf." Psychologisch ist das tatsächlich bereits geklärt - der sogenannte Ankereffekt sorgt dafür, dass Anleger sich an solche Zahlen gut erinnern und mit den aktuellen vergleichen.

"Je mehr Nullen, umso größer die Beachtung"

Diese Erkenntnisse haben ihren Weg sogar in deutsche Gerichtssäle gefunden. Sozialpsychologen haben herausgefunden, dass es ein Nachteil für den Angeklagten ist, erst den Staatsanwalt auf ein bestimmtes Strafmaß plädieren zu lassen und dann den Verteidiger. Zu spät, so ihr Urteil, erhebt der Advokat die Stimme - die Forderung des Staatsanwalts hat sich dann schon bei den Richtern eingenistet.

Dieser Aufmerksamkeitsanker wird auch bei 7000 Punkten am Dax fallen. Für kurze Zeit, da ist sich Hirschmüller sicher, wird der deutsche Paradeindex dadurch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Da kann auch Manfred Hübner nur beifällig nicken. "Solche Zahlen bekommen immer viel Öffentlichkeit. Die Medien greifen das auf, fahren das Ganze etwas größer, die Retailanleger lesen das und fangen an, nachzudenken."

Und in der Vergangenheit hatte das Passieren so einer Grenze tatsächlich Auswirkungen. Oftmals kommt es nämlich zu einem Beschleunigungseffekt. Aber auch immer wieder zu einem Verharren auf der Stelle. "Der Dow Jones hat sehr lange gebraucht, zu steigen, nachdem er die 1000-er-Grenze durchbrochen hatte. Es gilt: Je mehr Nullen so eine Zahl hat, umso mehr Beachtung findet sie."

"Bloß keine Zahlenmystik"

"Bloß keine Zahlenmystik"

Aber Vorsicht, "eine Gesetzmäßigkeit steckt nicht dahinter. Man sollte sich nicht davon anstecken lassen, dahinter irgendeine Form von Zahlenmystik zu vermuten." Die Warnung Hübners vor Wunderglauben ist allerdings gar nicht einmal überflüssig. Immerhin versuchen etliche Börsianer, die Aktienkurse mit dem Fibonacci-Reihen zu entschlüsseln.

Dieses System hatte zuletzt im Buch und im Kino Erfolge gefeiert - im "Sakrileg", als damit alte Geheimbotschaften entziffert wurden. Börsenexperten wie Uwe Kraus zum Beispiel belassen es nicht dabei, die Zahlen sprechen zu lassen, sondern setzen gleich auf die Sterne. Er ist Finanzastrologe.

Und da sind die Vorstellungen eines Mannes, der sich selbst "the bishop" nennt. Der selbst ernannte Kleriker bedroht US-Investmentfirmen mit Briefbomben und fordert sie auf, bestimmte Aktien zu kaufen - damit diese den Kurs von 6,66 erreichen. Die Zahl des Bösen, so die Kabbalisten und Zahlenmystiker. Aber auch darauf scheint kein Verlass zu sein. Denn Forscher wollen herausgefunden haben, dass die Zahl eigentlich 616 heißen müsste. Doch das klingt den Mystikern offenbar nicht bedeutungsschwanger genug.

Die schrulligen Beispiele zeigen zumindest eines - Menschen bleiben nun einmal menschlich.

Das gilt für Privatanleger ebenso wie für die vermeintlich abgebrühten Profis. Klüger wäre es also, nun innezuhalten "und seine eigene Geldanlage zu überdenken", so Hübner. Sonst droht das Portfolio in Richtung 08/15 abzugleiten. Vermutlich die einzige Zahl, die Klarheit schafft.

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