Nach dem EU-Votum "Politische Börsen haben kurze Beine"

Während die Politik das Nein der Franzosen und Niederländer zur EU-Verfassung als schweren Rückschlag wertet, reagieren die Kapitalmärkte gelassen. Konsequenzen für ihre Investments fürchten die großen Fondsgesellschaften nicht. Sie warnen vor übereilten Reaktionen – und setzen auf die heilsame Wirkung des Schocks.
Von Lutz Knappmann

Frankfurt am Main - Nach dem mehrheitlichen "Nein" der Franzosen und Niederländer zur EU-Verfassung sieht sich Europa von einem politischen Beben erschüttert. Der Rückschlag für den europäischen Einigungsprozess birgt auch für die Wirtschaft Risiken, denn die Unsicherheit über die Zukunft des Binnenmarkts wächst. Doch die Kapitalmärkte reagierten gelassen auf die Nachrichten aus Paris und Den Haag. Auch am Tag nach dem niederländischen Votum notierten Dax  und EuroStoxx  leicht im Plus.

Die großen Fondsgesellschaften sehen dementsprechend keine unmittelbaren Folgen für die Kapitalmärkte. Auf Nachfrage von manager-magazin.de äußerten sie sich zuversichtlich, dass die Verfassungs-Referenden nicht zu einer Verschlechterung des Investmentklimas führen werden.

"Politische Börsen haben immer kurze Beine", so Cominvest-Fondsmanager Klaus Breil gegenüber manager-magazin.de. Und Michael Sieghart, Fondsmanager für Europaaktien bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS kommentiert: "Die Ablehnung der EU-Verfassung ist politisch ein Rückschlag. Die Märkte haben es in den vergangenen Tagen allerdings weitgehend ignoriert."

"Die EU-Verfassung ist eine fundamentale, strukturelle Entscheidung für Europa. Und damit etwas, das die Aktienmärkte nicht unmittelbar beeinflusst", so Sieghart. "Denn die Märkte orientieren sich wesentlich kurzfristiger." Ähnlich formuliert es die HypoVereinsbank-Fondstochter Activest: "Das Ergebnis der Referenden in Frankreich und den Niederlanden ist in den vergangenen Tagen bereits erwartet worden und stellt somit keine Überraschung für die Finanzmärkte dar", so das Fondshaus. "Die Nachricht ist in erster Linie ein politisches Problem und sollte sich daher nur geringfügig auf die Aktien- und Rentenmärkte, speziell im Euroland, auswirken."

Die Europa-Experten von Pioneer-Investment in Dublin betonen, die politischen Auswirkungen der Referenden seien bislang völlig offen. "Die Unsicherheit über die Zukunft der EU-Verfassung haben die Kapitalmärkte weitgehend antizipiert", so Pioneer gegenüber manager-magazin.de. "Es kann durchaus einige Zeit dauern, bis zunächst einmal die politischen Konsequenzen der Entscheidung klar werden."

"Keine neuen Rahmenbedingungen"

"Keine neuen Rahmenbedingungen"

Die Auswirkungen auf die Märkte dürften daher weit weniger besorgniserregend ausfallen als befürchtet. "Auch wenn die Geschwindigkeit der Reformen nun gebremst ist, sehen wir keine größeren Veränderungen in den ökonomischen Rahmenbedingungen für Euro und Eurozone", sagen die Pioneer-Experten. Ohnehin sehe man fernab politischer Entscheidungen "vor allem die Restrukturierungsprozesse in den Unternehmen als Wachstumstreiber".

Ähnlich wie seine Dubliner Kollegen warnt auch DWS-Fondsmanager Sieghart vor übereilten Reaktionen der Marktteilnehmer: "Die Entscheidungen der Franzosen und Niederländer haben zweifellos nicht dazu beigetragen, das Projekt Europa zu beschleunigen", sagt Sieghart. "Aber es ist viel zu früh, jetzt als Fondsmanager daraus Konsequenzen zu ziehen. Denn wir suchen schließlich nach Unternehmen. Unternehmen deren Gewinne steigen und die gute Dividenden ausschütten", so der DWS-Experte. "Wir halten uns lieber an etwas Greifbares. Es ist zu früh, schon jetzt beispielsweise über ein Auseinanderdriften der EU zu spekulieren."

Wechselkurse spüren die Folgen am stärksten

Stärkere Implikationen des Verfassungs-Schocks auf die Kapitalmärkte diagnostizieren die Finanzexperten allerdings im Bereich der Währungen. "Natürlich müssen wir diskutieren, welchen Einfluss die Referenden auf den Euro haben", sagt Sieghart. "Der Dollar hat sich in der Folge ja deutlich stärker entwickelt."

Gerade das allerdings, so prophezeit Cominvest-Fondsmanager Breil, könne sogar positive Folgen für die Wirtschaft auslösen: "Die größte Unsicherheit in Europa ist das mangelnde Wachstum - und das Problem besteht schon lange", sagt Breil. Die Wachstumsschwäche sei in der Vergangenheit durch den Exporterfolg einzelner EU-Staaten kompensiert worden. "Durch den Starken Euro haben aber auch die exportorientierten Unternehmen zunehmenden Druck gespürt", so Breil.

"Das hat sich in den vergangenen Wochen nun etwas gewandelt", sagt Breil. Das Nein von Franzosen und Niederländern zur EU-Verfassung habe den Eurokurs geschwächt - und damit die Exportchancen wieder verbessert. Sollte die Politik nun noch einmal über die zentralen bürokratischen und strukturellen Probleme der EU nachdenken, "könnten die Referenden für Unternehmen und Kapitalmärkte in Europa sogar eine heilsame Wirkung haben."

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