Tagesausblick Die EZB zuckt nicht einmal

Alan Greenspan hat in den USA die Zinswende eingeläutet, doch ein Vorzeichen für die Ratssitzung der Europäischen Zentralbank ist das nicht. Viel spannender wird die Frage sein, wie sich die Zinserhöhung der Amerikaner auf den Dax auswirkt.

Hamburg - Die Zinswende ist da. Nicht, dass sie überraschend gekommen wäre. Aber als Alan Greenspan nach deutscher Zeit am Donnerstagabend die erste Zinserhöhung der US-Notenbank (Fed) seit vier Jahren ankündigte, war die Finanzwelt dennoch erleichtert. Wie am Ende eines Films, dessen Schlusswendung zwar vorhersehbar ist, aber dennoch mit Spannung erwartet wird.

So erhöhte die Notenbank den Leitzins um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent und bekräftige, die Geldpolitik künftig in gemäßigtem Tempo straffen zu wollen. Es ist daher mit weiteren moderaten Zinsanhebungen zu rechnen. Damit leitete die Fed angesichts anziehender Konjunktur und Inflation die erwartete Zinswende in der weltgrößten Volkswirtschaft ein.

Volkswirte rechnen nun mit weiteren moderaten Zinsschritten im August und in den kommenden 18 Monaten. Als Signal für eine Zinserhöhung in der Euro-Zone gilt die Entscheidung der Fed allerdings nicht.

Nach anfänglichem Zögern reagierten die US-Aktienmärkte mit Kursgewinnen auf den geldpolitischen Schritt. Die Kurse der Staatsanleihen gaben dagegen nach. Der Dollar fiel etwas zum Euro.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird nach einhelliger Einschätzung von Volkswirten ihre Leitzinsen an diesem Donnerstag unverändert lassen. Vor allem die Unsicherheit über den Konjunkturaufschwung in der Eurozone dürfte die Notenbank von einer Zinserhöhung abhalten. Die überwiegende Mehrheit der Volkswirte sieht eine Zinserhöhung erst im kommenden Jahr. Seit Juni 2003 liegt der Leitzins in der Eurozone bei 2,00 Prozent.

Die EZB sei nicht im "Schlepptau der Fed", schreibt das Bankhaus HSBC Trinkaus & Burkhard. Im Gegensatz zur US-Notenbank habe die EZB einen deutlich höheren Spielraum, um die Zinsen niedrig zu halten. Der zuletzt deutlich gesunkene Ifo-Geschäftsklimaindex im Juni für Deutschland verdeutliche den im Vergleich zu den USA nur verhaltenen Aufschwung in der Eurozone.

Eine Gefahr von Zweitrundeneffekten durch den höheren Ölpreis auf die Inflationsentwicklung sieht Philipp Vorndran, Chefstratege bei Credit Suisse Asset Management, zunächst nicht. Es sei vielmehr zunächst eine Beruhigung am Rohölmarkt zu erwarten. Am Dienstag lag der Brent-Ölpreis mit 33,58 Dollar deutlich unter seinem Rekordstand. Zudem zeige die Diskussion um die 40-Stunden-Woche, dass Lohnerhöhungen in der Eurozone kaum durchsetzbar seien.

Greenspans animierende Wirkung

Europa ist ausreichend liquide

Für weiterhin unveränderte Leitzinsen im Euroraum spricht nach Einschätzung der Experten auch der Rückgang des Wachstums der Geldmenge M3 auf 4,7 Prozent. Dabei handle es sich um einen echten Abbau von Überschussliquidität. Dies zeige der Rückgang der Geldmenge M3 zum Vormonat um 0,2 Prozent. Die EZB hatte zuletzt wiederholt darauf hingewiesen, dass im Euroraum weiterhin mehr Liquidität vorhanden sei als zur Finanzierung eines Inflationsfreien Wachstums nötig sei.

Demgegenüber werden in den USA schon bald weitere Zinsschritte erwartet. Fast alle der am Mittwoch nach der Erhöhung von der Nachrichtenagentur Reuters befragten zwanzig Primärhändler rechnen mit einer weiteren Zinserhöhung auf 1,5 Prozent im August. Nur einer rechnet mit einer stärkeren Zinsanhebung um 50 Basispunkte. Bis Ende des Jahres erwarten die Volkswirte im Mittel eine Zinserhöhung auf 2,0 Prozent und bis Ende 2005 auf 3,75 Prozent.

Greenspans animierende Wirkung

Neben Fragen der Zinsentwicklung treten die Unternehmensdaten heute eher in den Hintergrund. In Deutschland stehen keine großen Bilanztermine an, lediglich der Verband der Chemischen Industrie (VCI) will sich zur Branchenkonjunktur äußern und der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) zur Strompreisentwicklung. Neben der Ratssitzung der EZB werden auf EU-Ebene heute die Arbeitslosenzahlen für Mai bekannt gegeben sowie der Einkaufsmanagerindex für den Juni.

Dass eine Überraschung bei der Zinsentscheidung der Fed ausgeblieben ist, wird die Teilnehmer am Aktienmarkt zu Käufen animieren, heißt es im Handel. Viele Anleger hätten im Vorfeld keine Positionen aufbauen wollen, um nicht von der US-Notenbank negativ überrascht zu werden. Kurz vor Börsenbeginn wurde der Dax  bei 4089 indiziert.

Qiagen und Bayer im Mittelpunkt

Das Interesse der Anleger dürfte die Aktie von Qiagen  auf sich ziehen. Das niederländische Biotechnologieunternehmen hatte am Vorabend angekündigt, seinen Geschäftsbereich Synthetische Nukleinsäure an das bisherige Management des Bereichs zu verkaufen. Eine entsprechende Vereinbarung sei bereits unterzeichnet. Der Konzern soll hierfür 24,3 Millionen US-Dollar und eine Minderheitsbeteiligung von ungefähr 16 Prozent an dem neuen Unternehmen behalten.

Außerdem sind Bayer-Aktien  im Fokus der Anleger. Der Chemie- und Pharmakonzern wird in den nächsten Wochen über die Zukunft der ausgegliederten Chemie- und Polymersparte Lanxess entscheiden. Entweder würden die Lanxess-Anteile den Bayer-Aktionären übertragen oder die Sparte werde an die Börse gebracht, sagte ein Unternehmenssprecher am Mittwochabend.

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