Kryptoexperte Michael Gronager „Russland war ein sicherer Ort für Cyberverbrecher“

Bei illegalen Kryptogeschäften endet die Spur ziemlich oft in Moskau – nicht selten in einem einzigen Hochhaus im Bankendistrikt. Bitcoin-Experte Michael Gronager erklärt, wie Russland zum Lieblingsland der Kryptoverbrecher wurde, ob sich das nun ändert – und inwieweit Bitcoin und Co. zum Umgehen der Sanktionen eignen.
Das Interview führte Mark Böschen
Kryptoerklärer: Chainanalysis-Chef Michael Gronager auf einer von dem Unternehmen organisierten Konferenz im Februar in London

Kryptoerklärer: Chainanalysis-Chef Michael Gronager auf einer von dem Unternehmen organisierten Konferenz im Februar in London

Foto: Luke MacGregor / Bloomberg

Chainalysis gilt als führender Datenplattform-Anbieter für die Blockchain. Mit Hilfe der Analysen des Unternehmens können Polizeibehörden weltweit Transaktionen nachverfolgen. Der dänische Co-Gründer Michael Gronager begann seine Karriere als Physiker, bevor er als App-Programmierer ein kleines Vermögen verdiente und Bitcoin entdeckte. Er ist auch Mitgründer von Kraken, einer der größten Börsen für Bitcoin, Ethereum und andere Kryptowährungen. Am Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine organisierte Chainalysis in London eine eintägige Konferenz, bei der unter anderem Sir Alex Younger auf der Bühne stand, der ehemalige Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6. Am Rande der Veranstaltung nahm Gronager sich die Zeit für ein Interview.

manager magazin: Herr Gronager, auf Ihrer Veranstaltung in London warnte Sir Alex Younger davor, dass Bitcoin und andere Kryptowährungen dafür genutzt werden könnten, Sanktionen zu umgehen. Gibt es dafür Vorbilder?

Michael Gronager Der Iran nutzt das Bitcoin-Mining, um die strengen Sanktionen der USA zu umgehen. Unsere Forschung zeigt, dass durch Bitcoin-Mining, also das Schürfen von Bitcoin durch das Fortschreiben der Bitcoin-Blockchain, von 2015 bis 2021 mehr als 186 Millionen Dollar an iranische Unternehmen geflossen sind. Dabei unterschätzen wir den tatsächlichen Umfang wahrscheinlich stark. Wir haben nur drei Mining-Pools untersucht, die gesamte Aktivität ist wahrscheinlich viel größer. Iran hat mehr als drei Prozent Anteil am Bitcoin-Mining.

Sir Alex wies darauf hin, dass Russland seit langer Zeit kriminelle Aktivitäten mit Kryptowährungen toleriert und viel Geld aus kriminellen Aktivitäten über Bitcoin nach Russland fließt. Das Verhältnis des Westens zu Russland hat sich grundsätzlich geändert. Steigt nun auch der Druck, die kriminellen Kapitalflüsse nach Russland zu stoppen, die in Form von Kryptowährungen dorthin fließen?

Mein größtes Problem mit Russland und Kryptowährungen waren nicht die Kryptowährungen. Sondern die Tatsache, dass man nichts mehr machen konnte, sobald Geld aus kriminellen Aktivitäten nach Russland gebracht worden ist. Dieses Geld war weg. Nicht weil das Bitcoin war. Sondern weil es bei den Finanzinstitutionen keinerlei Bereitschaft gab, die russischen Strafverfolgungsbehörden zu kontaktieren mit der Bitte, gegen eine Person vorzugehen. Wenn man das doch tat, passierte einfach nichts. In den vergangenen zehn Jahren war Russland ein sicherer Ort für Cyberverbrecher. Und zwar ganz offen. Jetzt hoffe ich, dass man das ändert.

"Wenn keine Dollars fließen können, dann helfen Kryptowährungen auch nicht"

Warum sollte Russland denn jetzt kein sicherer Hafen mehr sein für Cyber-Kriminelle?

Wir schneiden ihnen grundsätzlich die Möglichkeiten dafür ab. Gestern noch konnte man ganz einfach Dollar über Bankkonten nach Russland transferieren. Auch eine Million Dollar, ohne große Kontrollen. Das funktionierte auch in die andere Richtung. Solange die Dollars fließen können, funktioniert dieses Krypto-System. Wenn keine Dollars fließen können, dann helfen Kryptowährungen auch nicht.

Wäre es also möglich, illegale Geldflüsse durch Kryptowährungen nach Russland zu stoppen, wenn westliche Regierungen dies wollen?

Ja, das wäre ziemlich effizient.

Wenn es wirklich gelingt, die Dollar-Transfers von und nach Russland zu unterbinden – was würde das bedeuten für kriminelle Bitcoin-Transfers? Zum Beispiel für Ransomware-Erpresser und ihre Lösegelder?

Die Kriminellen würden vor größeren Herausforderungen stehen, wenn sie abkassieren wollen. Sie müssen jetzt ein anderes Land finden als Russland, wohin sie das Geld transferieren. Und wo es ebenfalls eine Schwäche im Bankensystem gibt, so dass solches Geld dorthin überwiesen und genutzt werden kann.

Was sind andere beliebte Destinationen für Geld aus kriminellen Geschäften, außer Russland?

Das ist eine gute Frage. Wir haben Aktivitäten in einigen asiatischen Staaten gesehen, den Philippinen und Indonesien etwa. Dort gab es einigen Missbrauch.

Wie groß ist Russlands Anteil an kriminellen Aktivitäten, die Kryptowährungen nutzen?

Für Ransomware haben wir das analysiert. 74 Prozent des Umsatzes solcher kriminellen Hacker aus Erpressungen von Unternehmen floss 2021 an Blockchain-Adressen, die sehr wahrscheinlich auf eine Art mit Russland zusammenhängen. Das waren mehr als 400 Millionen Dollar, allein im vergangenen Jahr.

"Einige der größten Täter von Verbrechen auf Basis von Kryptowährungen wie Ransomware waren russische Cybercrime-Organisationen"

Welche Daten haben Sie zur Geldwäsche mit Kryptowährungen in Russland?

Wir verfolgen mehrere Dutzend Unternehmen im Bankenviertel der russischen Hauptstadt, die signifikante Beträge waschen. Von 2019 bis 2021 erhielten diese Unternehmen insgesamt Kryptowährungen im Wert von fast 700 Millionen Dollar aus explizit kriminellen Aktivitäten. Das meiste davon stammt aus Betrugsmaschen und Darknet-Börsen. Die Hälfte dieser Unternehmen residieren interessanterweise alle im selben Gebäude im Finanzviertel Moscow City, dem Federation Tower. Einige der größten Täter von Verbrechen auf Basis von Kryptowährungen wie Ransomware waren russische Cybercrime-Organisationen. Und Kryptowährungs-Unternehmen dort boten Geldwäsche-Dienste, die diese Aktivitäten ermöglicht haben.

Hort der Cyberkriminalität: Der Finanzdistrikt von Moskau

Hort der Cyberkriminalität: Der Finanzdistrikt von Moskau

Foto: © Denis Sinyakov / Reuters/ REUTERS

Kryptowährungen und solche Dienste stellen also eine Brücke her zwischen dem regulierten Dollar-Finanzsystem und dem unregulierten Finanzsystem?

Kryptowährungen werden als solch eine Brücke genutzt. Aber diese Art von Brücke wurde nicht von Kryptowährungen geschaffen. Die gab es schon immer. Diese Brücken heißen Dollar und Euro. Wenn Kriminelle Dollar-Noten über die russische oder iranische Grenze transportieren, kann ich das nicht sehen. Nur wer mit im Fahrzeug sitzt, bekommt das mit. Auf der Blockchain dagegen sind Transfers transparent und nachverfolgbar.

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