Decentralized Finance Zinsen auf Bitcoin und Co. – Krypto-Lender locken Kunden

Rendite mit Bitcoin, ohne diese zu verkaufen: Krypto-Anleger verleihen über Kreditplattformen ihre digitalen Assets – zu hohen Zinsen. Auch das Berliner Fintech Bitwala mischt mit. Doch wo hohe Renditen locken, drohen auch Risiken.
Von Lisa Oder
Bitcoin-Symbol: Anleger spekulieren nicht nur auf Kursgewinne - einige verleihen ihre Kryptowährungen auch, um Zinsen zu kassieren

Bitcoin-Symbol: Anleger spekulieren nicht nur auf Kursgewinne - einige verleihen ihre Kryptowährungen auch, um Zinsen zu kassieren

Foto: Karen Bleier / AFP

Wer derzeit auf Suche nach Zinsen für sein Geld geht, wird kaum noch fündig. Tagesgeldkonten, Bausparverträge und Sparbücher haben ausgedient. Umso mehr fällt das sogenannte Ertragskonto des Krypto-Fintechs Bitwala aus der Reihe: Das Berliner Unternehmen wirbt mit bis zu 4,06 Prozent Jahresertrag. Allerdings gibt es die Zinsen nicht auf Euro, sondern auf Bitcoin.

Bitwala arbeitet an der Schnittstelle von klassischem Banking und der Welt der digitalen Assets, bislang unter Leitung des Programmierers Ben Jones (32), künftig übernimmt die einstige N26-Managerin Kristina Walcker-Mayer (34) die Führung. Nachdem die Idee eines Überweisungsservices für Kryptowährungen per Prepaidkarte zunächst scheiterte, startete das Unternehmen 2018 mit Investoren wie dem Venture-Capital-Fonds Earlybird von vorn. Seitdem bietet Bitwala seinen Kunden ein Bankkonto mit Krypto-Wallet für Ether und Bitcoin im Paket. Dabei kooperiert das Unternehmen mit der Berliner Solarisbank, denn noch hat das Fintech keine eigene Banklizenz. Das Institut stellt außerdem die jeweilige Kryptowährung zur Verfügung und kauft sie den Kunden auch wieder ab.

4 Prozent Zinsen für den Verleih von Bitcoin

Die meisten der mehr als 200.000 Bitwala Kunden setzen nach Angaben des Fintechs auf eine langfristige Investmentstrategie: Sie kaufen Bitcoin oder Ether und halten diese langfristig, um Kursgewinne zu realisieren. Seit fast einem Jahr können diese Kunden zusätzlich durch das Ertragskonto mit ihren Bitcoins ein passives Einkommen generieren – ohne ihre Kryptowährung verkaufen zu müssen.

Dafür hat sich das Fintech mit der Londoner Firma Celsius Network zusammengetan, einer Art Plattform für Kryptokredite. Wer seine Bitcoins auf das Ertragskonto überweist, erhält bis zu 4,06 Prozent Zinsen pro Jahr – wöchentlich ausgezahlt in der digitalen Währung. Im Schnitt habe der Jahreszinssatz stets bei mindestens 4 Prozent gelegen, insgesamt habe das Unternehmen seit Sommer mehr als 20 Bitcoin an die Nutzer ausgezahlt. Bei einem aktuellen Marktpreis von 47.111 Euro entspricht das fast 950.000 Euro.

Kunden sollen dabei jederzeit ihre investierten Kryptos wieder zurück in die eigene Wallet übertragen können, verspricht das Unternehmen. Nur bei der Einzahlung auf das Ertragskonto fallen sogenannte Netzwerkgebühren an, ansonsten gebe es keine Kosten.

Bitcoin im Wert von 1.000 Euro können innerhalb eines Jahres also etwa 40 Euro mehr einbringen – angenommen, der Preis und die Zinsen bleiben stabil. Celsius Network berechnet den Jahreszinssatz nämlich jede Woche aufs Neue und der Bitcoin-Kurs ist extrem volatil - zuletzt haben sogar Probleme bei der Energieversorgung in chinesischen Mining-Farmen für Schwankungen bei Bitcoin gesorgt.

Konzept wie bei Peer-to-Peer-Krediten

Das Konzept ähnelt dem von Anbietern sogenannter Peer-To-Peer-Kredite wie Bondora oder Auxmoney, die das Geld der Anleger selbst oder über weitere Finanzdienstleister als Kredit an Schuldner weiterreichen. Das Geld fließt von einem Menschen zum anderen, Peer To Peer. Auch hier verdienen Anleger an den vergleichsweise hohen Zinsen derartiger Kredite – mit entsprechendem Ausfallrisiko.

Jedoch lassen sich Schuldner in der Krypto-Welt den Kredit eben nicht in Euro auszahlen, sondern in Kryptowährungen wie Bitcoin, Ether oder an den US-Dollar gekoppelten sogenannten Stablecoins. Nach Angaben von Bitwala verleiht Kooperationspartner Celsius Network die Bitcoins nur an "geprüfte institutionelle Investoren".

Und immer droht der Margin Call

Um einen Kredit in Bitcoin aufzunehmen, müsse der Schuldner eine Sicherheit in einem bestimmten Verhältnis zum Kreditvolumen hinterlegen. So könne ein Hedgefonds etwa Sicherheiten im Wert von 150.000 US-Dollar hinterlegen und sich Bitcoin im Wert von 100.000 US-Dollar leihen, um beispielsweise mit Preisunterschieden auf verschiedenen Krypto-Börsen selbst Geld zu verdienen. Falls der Wert der Sicherheit stark fällt, kommt es zum Margin Call – wie etwa beim Handel mit Hebelprodukten. Der Schuldner muss nachlegen, ansonsten verkauft die Kreditplattform einen Teil der Sicherheiten. Von den Einnahmen will Celsius Network etwa 80 Prozent an die Kreditgeber – also auch Bitwala-Kunden – weiterreichen.

Noch ist das Geschäft mit Celsius-Krediten in Deutschland nur über Bitwala verfügbar. Die Kreditplattform selbst spricht von weltweit mehr als 578.000 Nutzern und abgewickelten Krediten im Wert von rund 8 Milliarden US-Dollar. In anderen Ländern können Nutzer nicht nur mit der weltweit größten Kryptowährung Bitcoin "Belohnungen verdienen", wie es das Unternehmen gerne umschreibt. Weniger populäre Kryptowährungen wie DAI oder Polkadot sollen sogar zweistellige Zinsen einbringen. Wer sich die Zinsen in dem eigens von Celsius ausgegebenen Utility Token CEL auszahlen lässt, erhält noch mehr und kann auf dessen Kurssteigerungen hoffen. Derzeit liegt der Preis von CEL laut Coinmarketcap bei knapp 6,65 Euro, er hat sich innerhalb eines Jahres fast versiebenfacht.

Auch Kryptobörse Binance verleiht die Kryptos ihrer Kunden

Derartige Utility Token dienen einem bestimmten Zweck, wie der Name schon suggeriert. Im Fall von Kreditplattformen wie Celsius bringen sie oft höhere Zinssätze für Kreditgeber und geringere für Kreditnehmer. Meist besitzen die jeweiligen Gründer besonders viele dieser Token, profitieren also von einer steigenden Nachfrage.

Mit seinem Angebot ist Celsius Network nicht allein. Derzeit kämpfen zahlreiche Anbieter darum, die digitalen Assets ihrer Kunden gegen Zinsen weiterverleihen zu dürfen. Konkurrenten heißen etwa Blockfi, Nexo oder Aave. Auch die asiatische Kryptobörse Binance verleiht die Kryptos ihrer Kunden – allerdings mit begrenzten Teilnehmerslots.

Gesetzliche Einlagensicherung greift nicht

Die hohen Zinsen dürften bei manchen Investoren für Argwohn sorgen, schließlich gilt: Je höher der Zins, desto größer auch das Risiko. Schon manche Plattform, die im Bereich Krypto-Lending aktiv war, ist vom Markt verschwunden. So stellte sich 2018 etwa die Plattform BitConnect als Schneeballsystem heraus und ging über Nacht offline. Zuvor wurden Kunden mit hohen Zinssätzen angezogen. Und ein staatliches Sicherungssystem gibt es nicht, denn die in Deutschland gesetzlich garantierte Einlagensicherung greift wie so oft in der Kryptowelt nicht: Noch gibt es keinerlei Regulierung.

"Momentan gibt es unglaubliche Chancen in dem Bereich", sagt der Ökonom Philipp Sandner, der sich an der Frankfurt School of Finance & Management mit sämtlichen Themen rund um die Blockchain-Technologie befasst. Denn noch würden nur wenige Menschen ihre Assets verleihen, so der Leiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Je mehr Menschen die Angebote nutzen, desto niedriger werde der jeweilige Zinssatz ausfallen.

Für Privatanleger sei es allerdings nicht immer sofort ersichtlich, ob es sich um einen seriösen Anbieter handele oder nicht. Jeden Tag sprießen neue Firmen im Bereich Krypto-Lending aus dem Boden, von denen ein Großteil seiner Prognose nach wieder verschwinden werde. "Das ist ein bisschen wie ein Investment in ein Start-up. Es handelt sich wirklich um Wagniskapital", sagt Sandner. Wer seine Kryptos verleihen möchte, sollte das Prinzip der Kreditplattformen zuvor wirklich verstehen.

"Not your keys, not your coins"

Wichtig zu wissen: Die Anbieter lassen sich grob in zwei Kategorien einordnen. Auf der einen Seite stehen zentralisierte Plattformen, zu denen Sandner auch Celsius Network zählt. Die Kunden beauftragen die Plattform damit, die Kryptos für sie zu verwahren und für sie Zinsen einzubringen. Die Verantwortung für die Coins wird folglich der Plattform übertragen. Außerdem sind Nutzer verpflichtet, sich vorher zu identifizieren.

Es braucht also ein gewisses Maß an Vertrauen in die Kreditplattform. Das dürfte nicht jedem passen, lautet doch ein beliebtes Sprichwort in der Szene "not your keys, not your coins". Diese Nutzer könnten die dezentral organisierten Protokolle wie Aave oder Compound auf der anderen Seite bevorzugen. Hier geben die Nutzer ihre Kryptowährung nicht direkt aus der Hand, erklärt Sandner. Stattdessen arbeiten die Open-Source-Protokolle mit Smart Contracts auf der Ethereum-Blockchain, weshalb zum Beispiel die bekannteste Cyberwährung, die Digitalwährung Bitcoin, über die Protokolle nicht direkt verliehen werden kann. In den programmierbaren Verträgen legen die jeweiligen Parteien vereinfacht gesagt Bedingungen fest, nach denen der Kredit automatisch ausgezahlt und die Sicherheiten hinterlegt werden.

DeFi: Geld dezentral über die Blockchain verleihen

Diese Protokolle lassen sich der Welt des Decentralized Finance (DeFi) zuordnen. Hinter dem Begriff steckt die Idee, bisher traditionell von Banken angebotene Finanzprodukte wie Anleihen und Darlehen dezentral über die Ethereum-Blockchain anbieten zu können – 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche.

Anleger sind damnach nicht mehr auf zentrale Mittelsmänner wie Banken angewiesen, kein Sachbearbeiter beurteilt mehr die Kreditfähigkeit eines Menschen. Stattdessen braucht es nur einen Internetzugang und ein eigenes Wallet. Dank automatisierter Transaktionen fielen die Kosten geringer aus: Auf diese Weise bleibe mehr Geld für den Kunden, so zumindest die Theorie und das Versprechen der DeFi-Projekte.

DeFi Bereich mit mehr als 50 Milliarden Dollar Volumen

Ähnlich wie der Hype rund um die Kunst in digitaler Form als "Non-Fungible-Token" hat der Markt rund um das dezentrale Verleihen von Kryptowährungen vor allem während der Corona-Krise an Bedeutung und an Kunden gewonnen. Aktuell liegt das Gesamtvolumen des auf DeFi-Anwendungen hinterlegten Fiatgeldes dem Branchendienst DeFi Pulse zufolge bei knapp 51,8 Milliarden US-Dollar, vor einem Jahr waren es nicht einmal eine Milliarde. Allein auf den Lending-Bereich entfallen etwa 25 Milliarden Dollar. Manche vergleichen den Boom des Sektors bereits mit dem ICO-Hype 2017.

Je nach Funktionsweise unterscheiden sich auch die jeweiligen Risiken, mit denen sich jüngst der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Fabian Schär in einem bei der Amerikanischen Zentralbank publizierten Papier  beschäftigte. Er ist Professor für Blockchain Technologie und Fintech an der Universität Basel. "Beide Konzepte haben ihre Daseinsberechtigung", sagt er. Kritisch sieht der Forscher, wenn Unternehmen mit Dezentralität werben – aber zentralisiert arbeiten. Deshalb sollten Anleger genau prüfen, ob es sich bei dem Protokoll wirklich um dezentralisierte Infrastruktur handelt oder eine Plattform, die letztlich durch ein Unternehmen kontrolliert wird.

Dezentrale Protokolle: "Die wenigsten sind wirklich dezentralisiert"

Theoretisch gibt es Schär zufolge im Falle von tatsächlich dezentralen Protokollen kein Gegenparteirisiko mehr. Die Kredite sind überbesichert und werden notfalls schlicht liquidiert. Doch da es sich bei den Protokollen auf der Blockchain noch um eine relativ neue Entwicklung handelt, gebe es diverse andere Risiken. Falls es Fehler im Code gibt, könnten Hacker diese ausnutzen oder die Protokolle unbrauchbar machen. Das Problem vervielfältige sich erst recht, wenn verschiedene Smart Contracts miteinander interagieren. Zwar könnten künftig Audits, Versicherungen oder formale Verifizierungen das Problem entschärfen. Ein gewisses Risiko bleibe aber bestehen.

"Die allerwenigsten DeFi-Protokolle sind heutzutage wirklich dezentralisiert", gibt Schär außerdem zu Bedenken. So benötigen viele Protokolle etwa externe Preisdaten, die theoretisch manipulierbar sind. Einige der Anwendungen verteilen zusätzlich Admin Keys an wenige Menschen, die das System im Notfall runterfahren oder die Verträge aktualisieren könnten. Ein gewisses Maß an Vertrauen ist also auch hier notwendig, zumindest noch.

Anleger sollten sich zudem nicht von Gier leiten lassen. Zwar winken höhere Zinsen, wenn sie sich in dem jeweils eigenen Token der Plattform auszahlen lassen. "Das kann eine zusätzliche Gefahr sein. Das ist ein Schritt mehr, also auch ein gewisses zusätzliches Risiko", so Schär. Schließlich gibt es keine Garantie, dass der jeweilige Coin nicht plötzlich massiv an Wert verliert.

Zentralisierte Plattformen: Bei Konkurs der Plattform droht der Totalausfall

Im Gegensatz dazu bringen zentralisierte Plattformen wie Celsius Network neben den allgemeinen Kursschwankungen die oftmals bereits bekannten Risiken mit sich. "Wenn die Partei Konkurs geht, droht der Totalausfall", so Schär. Das bestätigen auch die Risikohinweise von Bitwala. Sobald Kunden ihr Geld in Form von Bitcoins über das Ertragskonto investieren, fällt die Einlagensicherung weg. Celsius Network unterliegt keiner umfangreichen staatlichen Aufsicht, ist aber bei der US-amerikanischen Behörde Financial Crimes Enforcement Network registriert.

Zwar spricht Celsius-Gründer Alex Mashinsky in Interviews immer wieder von hunderten institutionellen Investoren und überbesicherten Krediten. Wer sich allerdings auf der Webseite umschaut, stößt schnell auf ein weiteres Angebot. Privatpersonen können sich gegen ihre Kryptos als Sicherheit Fiatgeld oder Stablecoins leihen. Ein Blick in die Geschäftsbedingungen von Celsius Network verrät: Es wäre denkbar, dass der Anbieter die Bitcoins der Bitwala-Kunden in Cash umwandelt, gegen Zinsen auch an Privatpersonen verleiht und anschließend zurück in die Kryptowährung tauscht.

Wie will Bitwala nun für seine Kunden sicherstellen, dass die Bitcoins nur an institutionelle Kreditnehmer gehen? Die Antwort des Unternehmens bleibt vage: "Wir prüfen die Partner, mit denen wir zusammenarbeiten stets gründlich." Man habe sich mit Celsius für einen Partner entschieden, der seit vielen Jahren auf dem Kryptokredit-Markt agiere. Selbst während extremer Marktbewegungen wie im März des vergangenen Jahres habe das Risikomanagement der Plattform "sehr gut" funktioniert. Im Klartext: Im Gegensatz zu einigen dezentralen Protokollen habe der Absturz des Bitcoins im Corona-März 2020 nicht zu unfreiwilligen Liquidationen geführt.

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