Sorge um Preissteigerungen Wie Janet Yellen das Inflationsgespenst heraufbeschwor

Janet Yellen rudert zurück: Ein Inflationsproblem sehe sie nicht, stellt die US-Finanzministerin klar. An Gerüchten über höhere Zinsen beteilige sie sich schon gar nicht - genau diese hatte die Ex-Fed-Chefin zuvor angeheizt.
Bangemachen ist nicht ihr Ding: Die ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen gilt als besonnene Politikerin. Mit einer Äußerung allerdings heizte sie Spekulationen über eine mögliche Zinserhöhung an - und nahm sie prompt zurück

Bangemachen ist nicht ihr Ding: Die ehemalige Fed-Chefin Janet Yellen gilt als besonnene Politikerin. Mit einer Äußerung allerdings heizte sie Spekulationen über eine mögliche Zinserhöhung an - und nahm sie prompt zurück

Foto: Andrew Harnik / AP

Nur einmal kurz lugte es um die Ecke, doch das reichte schon, um verwöhnte Aktienanleger zu verscheuchen: Aus Angst vor möglichen Zinserhöhungen der Notenbanken, die eine aufkommende Inflation zügeln sollen, sackten sie am Dienstag Kursgewinne ein und drückten damit weltweit die Aktienindizes. Das Inflationsgespenst verunsicherte vielleicht auch deshalb, weil es in Person der ehemaligen Fed-Chefin und amtierenden US-Finanzministerin Janet Yellen (74) auftrat. Yellen steht eigentlich nicht für Bangemachen, sondern für Ruhe und Besonnenheit.

"Es könnte sein, dass die Zinsen etwas ansteigen müssen, um sicherzustellen, dass unsere Wirtschaft nicht überhitzt", hatte die Finanzministerin während eines Online-Events des Magazins "The Atlantic"  erklärt. Das lag zwar schon etwas zurück, doch wurde die aufgezeichnete Passage erst am Dienstag bekannt und führte zum erwähnten Reflex. Über die Berechtigung von Reflexen kann man nicht streiten - ungewöhnlich ist die Bemerkung Yellens aber allemal, da sich US-Regierungsmitglieder in lang geübter Tradition normalerweise nicht in die Geldpolitik einmischen. Donald Trump bildet hier die unrühmliche Ausnahme.

Von der Reaktion an den Märkten wohl selbst überrascht, ruderte Yellen noch am selben Tag zurück. "Ich glaube nicht, dass es ein Inflationsproblem geben wird, aber wenn es eines gibt, kann man sich darauf verlassen, dass die Fed es anspricht", sagte Yellen am späten Dienstagabend auf dem CEO Council Summit des "Wall Street Journal" . "Wenn jemand die Unabhängigkeit der Fed schätzt, dann bin ich das", erklärte Yellen weiter und fügte fast Abbitte leistend hinzu: Die Geldpolitik bestimme allein die Zentralbank. Sie werde zu dem Thema "keine Meinungen abgeben."

US-Wirtschaft droht zu überhitzen

Dabei haben Inflationssorgen einen realen Hintergrund: Die US-Wirtschaft steht vor einer rasanten Erholung in diesem Jahr, das deutete sich bereits im ersten Quartal an. Saisonbereinigt und auf das Jahr hochgerechnet wuchs die weltgrößte Ökonomie um 6,4 Prozent . Millionen frisch geimpfte Amerikaner und viele Branchen, die US-Präsident Joe Biden (78) mit hunderten Milliarden Dollar stützen will, warten nur darauf, das Geld auszugeben und zu investieren: Der Effekt dürften deutliche Preissteigerungen sein, sagen Experten voraus. Larry Summers (66) etwa, ehemals US-Finanzminister und Ex-Chefökonom der Weltbank, warnte jüngst vor einem preistreibenden Effekt der Billionen Dollar schweren Hilfs- und Konjunkturprogramme der US-Regierung - für ein drittes Billionenpaket hatte US-Präsident Joe Biden Ende April geworben.

Im März war die Inflationsrate in den USA bereits auf 2,6 geklettert. Im Jahresschnitt liegen die meisten Projektionen bei knapp über zwei Prozent. Diese Grenze hat auch Fed-Chef Jerome Powell (68) genau im Blick und gedenkt nur dann mit höheren Zinsen einzuschreiten, wenn die zwei Prozent "für eine längere Zeit" überschritten werden - bei gleichzeitiger Vollbeschäftigung wohlgemerkt, wie der Notenbank-Chef unlängst anmerkte.

US-Inflationsrate steigt - doch auch dauerhaft?

Tatsächlich mehren sich die Anzeichen für eine steigende Inflation. In den letzten Tagen warnten verbrauchernahe Konzerne wie Nestlé oder Colgate-Palmolive, dass sie zu Preiserhöhungen gezwungen sein könnten. Das wird zum einen mit Lieferengpässen begründet, zum anderen aber mit steigenden Preisen für Rohstoffe.

Gestützt wird das Argument vom Bloomberg Commodity Spot Index, der 23 Rohstoffe umfasst - darunter auch Holz, Baumwolle, Mais oder Kupfer. Das Barometer ist laut Bloomberg  auf den höchsten Stand seit fast einem Jahrzehnt gestiegen. Dabei gilt die Rohstoffpreisrallye auch als eine Folge der vielen Billionen Dollar, die Staaten in einem Niedrigzinsumfeld über diverse Programme in Infrastrukturprojekte pumpen - vor allem in den USA.

Die hohen Kosten für Rohstoffe haben die globalen Produktionspreise auf den höchsten Stand seit 2009 getrieben und die US-Erzeugerpreise auf ein Niveau gehievt, das seit 2008 nicht mehr erreicht wurde, so Bloomberg.

Konsumgüterkonzern sagt branchenweit höhere Preise voraus

Die Entwicklung werde sich in höheren Warenpreisen niederschlagen, sind befragte Experten laut Bloomberg überzeugt. Das bedeutet, dass Verbraucher auch mit höheren Kosten für eine Reihe von Artikeln des täglichen Gebrauchs rechnen müssten. "Direkte Preiserhöhungen werden weiterhin ein wichtiges Element sein, wenn wir auf die zweite Jahreshälfte schauen", erklärte Noel Wallace, Chef des Konsumgüterkonzerns Colgate-Palmolive, Ende letzten Monats. Er gehe davon aus, dass es Preiserhöhungen in der gesamten Branche geben werde.

Fragt sich nur, ob die befürchteten Preissteigerungen auch so kommen und ob sie wirklich nachhaltig oder nur vorübergehender Natur sein werden. US-Finanzministerin Yellen vermutet wohl eher letzteres.

In den kommenden sechs Monaten erwarte sie einen gewissen Preisdruck, vor allem aufgrund von Engpässen in der Versorgungskette, höheren Energiekosten und einer kurzfristigen Nachfrage nach Arbeitskräften. Die Hilfspakete der US-Regierung - etwa jenes zur Erneuerung der maroden US-Infrastruktur oder auch jenes für Familien - würden die US-Wirtschaft nicht heiß laufen lassen und keine unkontrollierte Inflation auslösen, stellte sie auf der Veranstaltung des "Wall Street Journal" zur Beruhigung der Investoren klar. Die Ausgaben seien zwar enorm, würden aber auf acht bis zehn Jahre verteilt.

Und sollte es unerwartet anders kommen, also der US-Konjunkturmotor überhitzen oder die Preise zu stark anziehen, gebe es ausreichende "Werkzeuge, um darauf zu reagieren", beruhigte die Ministerin. Ob das reicht, das Inflationsgespenst an den Aktien- und Kapitalmärkten dauerhaft zu vertreiben, muss sich noch erweisen. Am Mittwoch jedenfalls atmeten die Anleger zunächst auf - die Börsen weltweit setzten nach der Inflations-Schrecksekunde wieder zur Erholung an.

rei
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