Schwacher Euro Wie die EZB selbst die Inflation antreibt

Im Gegensatz zur US-Notenbank Fed zögert die EZB in Kampf gegen die Inflation. Der Euro hat vor dem Hintergrund gegenüber dem Dollar bereits merklich an Wert verloren - wodurch das Inflationsproblem in der Euro-Zone zusätzlich angeheizt wird.

Auf Talfahrt: Der Euro verliert gegenüber dem Dollar seit Monaten an Wert

Auf Talfahrt: Der Euro verliert gegenüber dem Dollar seit Monaten an Wert

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Wer nach einem klaren Indikator für die Unterschiede in der Geldpolitik zwischen der Euro-Zone auf der einen Seite und den USA auf der anderen sucht, wird am Devisenmarkt fündig: Dort bevorzugen Investoren seit Monaten den Dollar gegenüber dem Euro. Kostete ein Euro vor knapp einem Jahr noch etwa 1,25 Dollar, so sind es gegenwärtig nur noch etwa 1,08 Dollar. Die europäische Gemeinschaftswährung hat damit gegenüber der US-Devise binnen Monaten mehr als 13 Prozent an Wert verloren. Das ist die Quittung, die Investoren der Europäischen Zentralbank (EZB) für ihre zögerliche Haltung gegenüber der stark gestiegenen Inflation geben.

Zur Erinnerung: Das Comeback der Wirtschaft aus dem Corona-Tal, verschiedene Lieferengpässe, hohe Energiepreise sowie zuletzt der Krieg in der Ukraine haben die Preisentwicklung in vielen Ländern enorm angeheizt. In der Euro-Zone ist die Inflation vor dem Hintergrund bereits auf 7,5 Prozent gestiegen, den höchsten Wert seit Bestehen des Euro. In den USA betrug die Inflationsrate zuletzt sogar 8,5 Prozent, so viel wie seit mehr als 40 Jahren nicht.

Aufgabe von Notenbanken wie der EZB oder der US-amerikanischen Fed ist es vor allem, für Preisstabilität zu sorgen. 2 Prozent Inflation, weniger sollte es auf lange Sicht möglichst nicht sein – aber auch nicht mehr.

Umdenken in Frankfurt

Auf den Ausbruch der Inflation in den vergangenen Monaten reagierten die Zentralbanker jedoch höchst unterschiedlich. EZB-Präsidentin Christine Lagarde (66) stellt das Problem seit Monaten als ein zum Großteil vorübergehendes dar, das sich weitgehend selbst lösen werde. Erst in den vergangenen Wochen waren aus Frankfurt Signale zu erkennen, die auf ein allmähliches Umdenken hindeuten.

Ganz anders dagegen tickt die US-Notenbank Fed: Deren Chef Jerome Powell (69) machte seine Bereitschaft, Maßnahmen gegen die Inflation ergreifen zu wollen, bereits frühzeitig deutlich. Während bei der EZB noch kaum jemand das Wort Zinserhöhung in den Mund nehmen mag, hat die Fed bereits im März mit einem ersten Zinsschritt einen Zyklus steigender Zinsen begonnen.

Eine Folge der unterschiedlichen Geldpolitik ist ein deutliches Zinsgefälle auf den Finanzmärkten: Bringt etwa die deutsche Bundesanleihe mit einer Laufzeit von zehn Jahren gegenwärtig eine Rendite von etwa 0,3 Prozent, so sind es beim vergleichbaren US-Papier bei gleicher Laufzeit beinahe zwei Prozent. Investoren bevorzugen vor dem Hintergrund seit Monaten den Dollar-Raum, was sich in der eingangs beschriebenen Wertentwicklung zwischen Euro und Dollar widerspiegelt.

Wie wird es nun mit den Zinsen und dem Wechselkurs zwischen Euro und Dollar weitergehen? Vor allem die EZB gerät nach Ansicht von Beobachtern zunehmend unter Druck, ihren Kurs zu ändern und aktiver gegen die Preisanstiege vorzugehen. Deutsche-Bank-Vize-Chef Karl von Rohr (56) etwa sagte in diesen Tagen, die Inflationsrate könne im Extremfall in den zweistelligen Bereich steigen. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir Inflationsraten bekommen könnten, wie wir sie seit den Siebzigerjahren nicht mehr gesehen haben", so der Bankvorstand gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" . Zinserhöhungen von Seiten der EZB seien daher "dringend erforderlich", "damit die Inflationserwartungen sich nicht auf hohem Niveau verfestigen".

Dabei kommt der Wechselkursentwicklung besondere Bedeutung zu. Denn der immer schwächere Euro ist nicht nur eine Folge der Zurückhaltung von Christine Lagarde und Kollegen. Durch den Verfall des Wertes der Gemeinschaftswährung verschärft sich vielmehr das Problem der Inflation zusätzlich, weil importierte Waren im Euro-Raum teurer werden. Mit jedem Tag, den die EZB auf Maßnahmen gegen die Inflation verzichtet, trägt sie also selbst zum steigenden Handlungsdruck bei, der auf ihr lastet.

Schwacher Euro treibt Inflation an

Der Blick auf den Euro-Dollar-Wechselkurs dürfte den EZB-Rat zusehends beunruhigen, schreibt auch Ann-Katrin Petersen, Kapitalmarktstrategin beim Investmentriesen Blackrock. Ein immer schwächerer Euro erhöhe die Importpreise für die Eurozonen-Wirtschaft zu einer Unzeit. Petersen hält es in einer aktuellen Markteinschätzung daher für "gut möglich", dass die EZB-Kommunikation zumindest in Teilen indirekt auch auf eine Stabilisierung des Wechselkurses ausgerichtet ist.

Zuletzt äußerte sich die EZB-Spitze nach ihrer Sitzung am Gründonnerstag zu ihren Absichten. Dabei blieb Notenbank-Präsidentin Lagarde allerdings erneut vage. Die milliardenschweren Anleihenkäufe würden "sehr wahrscheinlich" im Sommer enden, sagte sie. In einem zweiten Schritt solle dann die Nullzins-Ära auslaufen. Wie viel Zeit nach dem Aus für die Käufe genau vergehen wird, ließ Lagarde jedoch offen: Dies könne eine Woche oder auch mehrere Monate bedeuten.

Das heißt im Klartext: Von Seiten der EZB gibt es auch weiterhin kein striktes Vorgehen gegen das steigende Preisniveau. "Nach wie vor sieht es nicht danach aus, dass die EZB zu einer ernsten Inflationsbekämpfung übergehen wird", sagt Ökonom Alexander Krüger von der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe. Stattdessen stehe lediglich "Leitzinskosmetik" bevor. Auch Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer mahnt, die Inflationserwartungen und damit auch die Inflation selbst könnten bei einer schlechten wirtschaftlichen Entwicklung weiter steigen.

Ganz anders dagegen agiert die Fed in den USA. Chef-Stratege Jerome Powell lässt keine Gelegenheit aus, seine Entschiedenheit im Kampf gegen die Inflation zu bekräftigen. Erst Anfang April ließ Powell erkennen, dass die Fed ihre Geldpolitik schneller straffen will als bislang angenommen. Auch weitere Zinsschritte stellte Powell erneut in Aussicht. Die Fed hatte auf der Sitzung am 16. März erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie ihren Leitzins angehoben. Der Zinssatz stieg um 0,25 Prozentpunkte und liegt jetzt in der Spanne von 0,25 bis 0,5 Prozent.

Einiges spricht dafür, dass es vergleichsweise rasant weiter aufwärtsgehen wird. Neben den Energiepreisen sind es in den USA auch die Wohnungsmieten, die das gesamte Preisniveau in die Höhe treiben. Zudem kommt starker Inflationsdruck vom US-Jobmarkt. Die Konjunktur in den Vereinigten Staaten läuft auf Hochtouren, Arbeitskräfte werden knapp. Laut Andreas A. Busch, Ökonom beim Investmenthaus Bantleon, ist der Nachfrageüberhang nach Arbeiterinnen und Arbeitern in den USA gegenwärtig so groß wie in den vergangenen 70 Jahren nicht. Die Gefahr einer sich beschleunigenden Lohn-Preis-Spirale nimmt entsprechend zu, schreibt Busch in einer aktuellen Einschätzung.

Bremsen ohne Abzuwürgen

Das Problem: Um diese Entwicklung zu bremsen, muss die US-Notenbank die Zinsen weiter erhöhen und auf diese Weise Liquidität aus der Wirtschaft nehmen. Dabei besteht jedoch stets die Gefahr, dass die Fed zu stark ins Geschehen eingreift und das Wirtschaftswachstum nicht nur bremst, sondern komplett abwürgt. Im schlimmsten Fall droht dann eine Rezession.

Bantleon-Ökonom Busch etwa ist nicht sehr optimistisch. Die Fed habe trotz allem mit ihrem Kurswechsel bereits zu lange gewartet, meint er. Daher müsse die US-Notenbank nun umso stärker auf die Bremse treten, was fatale Folgen haben könne. "Die Wahrscheinlichkeit für ein 'Hard Landing' 2023 hat in unseren Augen deutlich zugenommen", lautet Buschs Fazit.

Sollte Busch recht behalten, so wird die Fed kaum bei ihrem bisherigen Kurs bleiben können. Nach letztem Stand lautet die Erwartung der Mitglieder des Offenmarktausschusses der Notenbank, dass der US-Leitzins bis Ende 2022 auf knapp 2 Prozent und bis Ende 2023 auf knapp 3 Prozent steigen wird. Bantleon dagegen rechnet im sogenannten Basisszenario mit einem Zinsanstieg auf mindestens 3,5 Prozent bis Ende 2023. Im äußersten Fall könne der Zins sogar auf bis zu 4 Prozent nach oben geschraubt werden. Nur so gingen von der Geldpolitik die nötigen restriktiven Impulse aus, um die überbordende Nachfrage als zentralen Inflationstreiber einzubremsen, so Busch.

Ähnlich argumentiert Jan Hatzius (53), Chefökonom der US-Großbank Goldman Sachs. Auch er rückt in einer aktuellen Analyse die Entwicklung am US-Arbeitsmarkt in den Mittelpunkt und kommt zu dem Schluss, dass die Fed in einem Balanceakt mit stärkeren Eingriffen als bislang gedacht darauf reagieren muss. Am Ende könne ein höherer Leitzins dabei herauskommen, als die 3 bis 3,25 Prozent, die Goldman bislang vorhersage und von denen auch der Markt gegenwärtig ausgehe, so Hatzius.

Sollten die Ökonomen recht behalten, so dürfte damit auch der Druck auf den Euro gegenüber dem Dollar vorerst bestehen bleiben.