Erwartete Konjunkturerholung Warum die Inflationsangst übertrieben sein könnte

Starke Kurs- und Renditebewegungen bei Staatsanleihen spiegeln die Furcht von Investoren vor einem Anstieg der Inflation wider. Die Sorgen könnten jedoch übertrieben sein.
Furcht vor steigenden Preisen: Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung könnte die Inflation zurückkehren - möglicherweise aber nur vorübergehend

Furcht vor steigenden Preisen: Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung könnte die Inflation zurückkehren - möglicherweise aber nur vorübergehend

Foto: Marius Becker/ dpa

Es ist zurzeit das Thema Nummer eins an den Finanzmärkten: Die Inflation wirft ihre Schatten voraus. Im Januar ging es mit den Preisen etwa in der Euro-Zone bereits wieder merklich aufwärts, und wer wissen möchte, was Investoren in dieser Hinsicht in Zukunft noch erwarten, muss nur einen Blick auf die Anleihemärkte werfen.

Auf breiter Front sind die Renditen von Staatsanleihen verschiedener Länder - darunter Deutschland, die USA sowie Großbritannien - zuletzt gestiegen, einhergehend mit einem Rückgang der Kurse dieser Anleihen. Für Fachleute liegt die Ursache dieser Bewegung auf der Hand: Investoren erwarten, dass es in nächster Zeit zu einer Erholung der Konjunktur im Nachklang der Corona-Krise kommen wird. Damit wird, so das Kalkül der Anleger, auch das allgemeine Preisniveau weiter ansteigen, so wie es häufig in wirtschaftlichen Aufschwungphasen zu beobachten ist.

Hintergrund: Weil die realen Zinsen kursierender Anleihen mit anziehender Inflation zurückgehen, verlieren diese Papiere an Attraktivität - und werden folglich verkauft. Passend zu dieser Überlegung kam es zuletzt auch am Aktienmarkt zu einem Favoritenwechsel: Wachstumsstarke Tech-Titel werden von Anlegern momentan eher abgestoßen, Papiere von Unternehmen, die von einem Aufschwung besonders profitieren würden - beispielsweise Fluggesellschaften - dagegen sind plötzlich beliebt. So ist es kein Zufall, dass die Aktie der Lufthansa seit Mitte Februar bereits um etwa 15 Prozent zugelegt hat.

Die Frage lautet jedoch: Besteht tatsächlich Grund zur Sorge vor einer nachhaltigen Rückkehr der Inflation? Oder handelt es sich bei der Verteuerung, die sich gegenwärtig andeutet, einmal mehr lediglich um ein vorübergehendes Phänomen?

Für letzteres lassen sich beispielsweise bei einem genauen Blick an den Staatsanleihenmarkt Hinweise finden. Wie etwa das "Wall Street Journal " berichtet, befindet sich die Inflationserwartung am US-Bondmarkt momentan mit deutlich mehr als 2 Prozent auf dem höchsten Stand seit Mai 2011. Ablesen lässt sich das aus der Renditedifferenz zwischen gewöhnlichen US-Staatsanleihen sowie solchen mit eingebautem Inflationsschutz (sogenannten "TIPS"). In Europa dagegen ist die Inflationserwartung gegenwärtig mit etwa 1,25 Prozent auf Fünf-Jahres-Sicht noch merklich geringer, wie das Zinsteam von PGIM, dem Investmentarm des US-Versicherers Prudential, errechnet hat.

Was jedoch bemerkenswert erscheint: Der Vergleich bei den Laufzeiten der US-Papiere zeigt, dass Investoren dort offenbar auf kurze Sicht eine höhere Inflationserwartung haben, als langfristig. Diese Konstellation sei bekannt als "Inversion der Break-Even-Kurve" und komme nur sehr selten vor, so das "WSJ".

Im Klartext heißt das: Die Investoren sehen zwar eine höhere Inflation kommen, sie glauben aber nicht, dass diese von langer Dauer sein wird. Mögliche Gründe für eine solche Erwartungshaltung lassen sich leicht finden. So könnte etwa das 1,9 Billionen Dollar schwere Konjunkturpaket, das Washington unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden (78) auf den Weg bringt, und das als ein Haupttreiber der Inflationsbefürchtungen gilt, lediglich einen kurzfristigen Effekt haben. Denn mehr als Dreiviertel der Gesamtsumme des Pakets entfallen auf kurzfristige Einkommensverbesserungen von Konsumenten, schätzt die US-Bank Goldman Sachs.

"Inflation fake" - Pimco-Chefinvestor warnt vor großem Irrtum

Auch ein entschiedenes Eingreifen der US-Notenbank Fed ist denkbar: Mit einem kräftigen Tritt auf die Bremse hätten die Zinswächter wohl die Möglichkeit, den Anstieg des Preisniveaus bereits im Keim zu ersticken.

Kein Wunder also, dass sich bereits verschiedene Stimmen regen, die die aktuelle Sorge vor einer Rückkehr der Inflation für übertrieben halten. Dan Ivascyn etwa argumentiert in diese Richtung. Ivascyn ist Chefanleger beim Anleiheinvestor Pimco. Damit sitzt er auf einem verwalteten Vermögen von etwa 2,2 Billionen Dollar und gehört zu den mächtigsten Männern am Bondmarkt sowie am Geldanlagemarkt generell.

Die Inflationserwartungen, die in den jüngsten Anstiegen von Anleiherenditen zum Ausdruck kommen, könnten sich als großer Irrtum erweisen ("inflation head fake"), sagte Ivascyn der "Financial Times" . Pimco erwarte lediglich einen vorübergehenden Inflationsanstieg im Zuge der wirtschaftlichen Erholung.

Auch der Pimco-Investor hat gute Gründe für seine Haltung: Wie bereits in den vergangenen Jahren, so würden auch künftig technologische Neuerungen, die zu Kosteneinsparungen führen, die Inflationsraten niedrig halten, glaubt er. Zudem wirke ein schwacher Organisationsgrad der Menschen auf den Arbeitsmärkten in die gleiche Richtung.

Renditeanstieg als gutes Zeichen

Passend dazu klingt eine aktuelle Einschätzung der Deutschen Bank ebenfalls nicht gerade alarmistisch. Die Inflationsrate werde über das Jahr 2021 zwar im Schnitt bei 2 Prozent liegen, heißt es da. Am Jahresende sei sogar ein Anstieg auf bis zu 3 Prozent möglich. Schon im ersten Quartal 2022 werde die Teuerungsrate aber wieder auf 1,5 Prozent zurückfallen, so die Deutschbanker.

Gut möglich also, dass die Besorgnis, die Preise für Waren und Dienstleistungen könnten im Zuge des Aufschwungs auf lange Sicht merklich ansteigen, einmal mehr unbegründet ist. Schließlich lässt sich die Bewegung am Anleihemarkt auch als gutes Zeichen lesen: nämlich als Signal der Zuversicht bei Investoren.

Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, beispielsweise sieht es so. Die Aufwärtsbewegung bei den Renditen von Staatsanleihen sollte nicht überraschen, meint er. Der Blick in die Vergangenheit zeige vielmehr, dass dies ist in sämtlichen Aufschwungphasen zu beobachten sei. "Genau darin steckt auch die gute Botschaft", so Gitzel. "Die Ampeln stehen auf Aufschwung und nicht auf Abschwung."

Wesentlich besorgniserregender wäre es nach Ansicht des Volkswirts, wenn die Zinsen von Papieren mit langer Laufzeit fallen würde. "Dies wäre ein Zeichen dafür, dass die Finanzmärkte dem Braten nicht trauen und skeptisch sind", so Gitzel.

cr
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