Inflation EZB-Notenbanker stimmen auf weitere große Zinsschritte ein

Die Notenbank-Chefs von Lettland und Österreich halten weitere, große Zinsschritte der EZB für möglich, im Einzelfall sogar für nötig. Schulden-Staat Italien hätte bei rasant steigenden Zinsen viel zu verlieren – trotz Hilfsprogramm.
Alles andere als blumig: Lettlands Notenbank-Chef Mārtiņš Kazāks kämpft im eigenen Land mit hoher Inflation und macht sich für weitere große Zinsschritte der EZB stark. Das dürfte Italien nicht gefallen

Alles andere als blumig: Lettlands Notenbank-Chef Mārtiņš Kazāks kämpft im eigenen Land mit hoher Inflation und macht sich für weitere große Zinsschritte der EZB stark. Das dürfte Italien nicht gefallen

Foto: Horacio Villalobos / Corbis / Getty Images

Gleich mehrere Notenbanker der EZB bereiten die Märkte angesichts der ausufernden Inflation auf weitere Zinserhöhungen vor – und schließen dabei auch große Zinsschritte nicht aus. Die 50 Prozentpunkte vom vergangenen Donnerstag dürften nicht die einzige große Erhöhung der Leitzinsen gewesen sein. "Ich würde sagen, dass auch die Zinserhöhung im September signifikant ausfallen muss", sagte Lettlands Notenbank-Chef Mārtiņš Kazāks der Nachrichtenagentur Bloomberg .

Österreichs Notenbank-Chef Robert Holzmann (73) erklärte am Sonntagabend im Gespräch mit dem TV-Sender ORF , weitere 50 Prozentpunkte seien im Herbst möglich. Das sei abhängig von der Konjunktur. "Wenn es nur um die Inflation ginge, würden wir wahrscheinlich noch stärker gehen." Die EZB müsse gegebenenfalls auch eine "moderate Rezession" in Kauf nehmen, um den Preisdruck einzudämmen, wenn sie Signale sieht, dass die Inflationserwartungen steigen. "Wir hoffen, dass dies nicht notwendig sein wird", ergänzte Holzmann.

Die EZB hatte am Donnerstag bei ihrer ersten Zinserhöhung seit elf Jahren den Leitzins von 0 auf 0,50 Prozent heraufgesetzt. Die Aufgabe der EZB ist es, die Rekordinflation in der Eurozone einzudämmen, die bereits mehr als das Vierfache des Zwei-Prozent-Ziels beträgt. In Lettland, wo Kazaks die Zentralbank leitet, liegt die Preissteigerungsrate bei fast 20 Prozent.

Insofern überrascht es nicht, dass die EZB nach Ansicht von Kazāks offen für einen stärkeren Zinsschritt von 0,75 Prozentpunkten sein müsse. "Angesichts der Ungewissheit, der Inflationsdynamik und des Risikos, dass die Inflation länger anhält, sollten wir natürlich offen für Diskussionen sein", sagte er gegenüber Bloomberg.

Ein rascher Zinsanstieg wird für Schuldenländer zum Problem

Stark steigende Zinsen sind jedoch für besonders hoch verschuldete Staaten wie Italien, Spanien oder Griechenland ein Problem. Der Euro-Stabilitätspakt erlaubt eine Verschuldung von maximal 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Spanien ist mit 120 Prozent des BIP verschuldet, Italien mit 150 und Griechenland mit 190 Prozent. Die fehlende Haushaltsdisziplin dieser Länder sorgt dafür, dass der Euro immer weicher wird.

Für die hoch verschuldeten Länder der Eurozone hat die EZB am vergangenen Donnerstag zugleich ein Anti-Krisen-Programm namens TPI (Transmission Protection Instrument) verabschiedet. Sollten die Risikoaufschläge für Anleihen dieser Länder stark steigen und sich vom Goldstandard der deutschen Bundesanleihe entfernen, kann die EZB Staatspapiere dieser Länder aufkaufen. Kritiker bewerten TPI gleichwohl als Instrument einer versteckten Staatsfinanzierung.

Kazaks italienischer Amtskollege Ignazio Visco (72) spricht sich daher auch für einen eher sanften Kurs der EZB aus. Visco sagte im Gespräch mit Bloomberg TV , dass die EZB bei der Anhebung der Kreditkosten, und nichts anderes stellen Zinserhöhungen dar, "schrittweise" vorgehen werde. "Wir werden abhängig von den Daten sehen, wie es weitergeht", betonte er und fügte hinzu, dass man jetzt nicht sagen könne, ob der nächste Schritt der EZB eine Anhebung um einen Viertel- oder einen halben Prozentpunkt sein sollte.

150 Basispunkte bis Juni 2023? Lettland hätte keine Einwände

Visco widersprach der Interpretation, dass das Anti-Fragmentierungsprogramm TPI als Hilfsprogramm für Italien eingeführt worden sei. Das Programm sei nicht dazu gedacht, "ein einzelnes Land" wie sein Heimatland Italien zu schützen. Gleichzeitig sagt er, dass der aktuelle Spread zwischen italienischen Anleihen im Vergleich zu deutschen Anleihen "durch die makroökonomischen Fundamentaldaten des Landes nicht gerechtfertigt" sei. Diese Einschätzung hat Visco wahrscheinlich exklusiv, da nicht nur die hohe Verschuldung, sondern auch die aktuelle Regierungskrise und die Reformunfähigkeit Italiens die Risikoaufschläge der italienischen Bonds in die Höhe treiben. Zugleich gab Visco mit dem Stichwort "ungerechtfertigt" die verbale Vorlage für die EZB, doch bitte zügig Italien mithilfe des TPI Programms zur Seite zu springen.

Lettlands Notenbank-Präsident lehnte es im Bloomberg-Interview  zwar ab, sich auf ein konkretes Zinsszenario festzulegen. Er habe aber "keine größeren Einwände" gegen die jüngsten Markterwartungen, die von einer Straffung um 150 Basispunkte bis Juni nächsten Jahres ausgingen. "Es gibt erhebliche Abwärtsrisiken, die nicht Teil eines Basisszenarios sind", sagte er. Dazu gehöre vor allem die Erdgaskrise, die Russland und Staatspräsident Wladimir Putin durch eine weitere Verringerung der Gaslieferungen weiter anfachen könne.

rei
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