4,5 Prozent Inflation auf höchstem Stand seit 1993

Die Preissteigerungsrate ist in Deutschland im Oktober weiter gestiegen. Die EZB wiederholt, 2022 werde sich die Lage entspannen. Ökonomen warnen jedoch davor, längerfristige Inflationsrisiken "kleinzureden".
Preisexplosion an der Tankstelle: Allein Energie verteuerte sich im Oktober um mehr als 18 Prozent

Preisexplosion an der Tankstelle: Allein Energie verteuerte sich im Oktober um mehr als 18 Prozent

Foto: Arnulf Hettrich / imago images/Arnulf Hettrich

Teure Energie treibt die deutsche Inflationsrate auf den höchsten Stand seit 28 Jahren. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im Oktober um durchschnittlich 4,5 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit. Ökonomen hatten 4,4 Prozent erwartet. Ein höheres Niveau gab es zuletzt im August 1993, als die vom Boom der Wiedervereinigung angefachte Jahresteuerung sogar auf 4,6 Prozent kletterte. Im September 2021 lag sie noch bei 4,1 Prozent, im August bei 3,9 Prozent.

"Der Anstieg der Inflationsrate ist noch nicht beendet, mindestens fünf Prozent für November sind längst keine Utopie mehr", sagte Chefökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe. "Die deutsche Inflationsrate kennt derzeit nur eine Richtung: nach oben", ergänzte VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel.

Energie verteuerte sich um 18,6 Prozent

Grund für die Entwicklung sind statistische Sondereffekte rund um die vorübergehende Mehrwertsteuersenkung im Corona-Jahr 2020. Für Preisdruck sorgen zudem die weltweit steigenden Preise für Energie und bestimmte Rohstoffe sowie Vorprodukte der Industrie. Größter Preistreiber war im Oktober erneut Energie: Sie kostete 18,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Nahrungsmittel verteuerten sich um 4,4 Prozent, Dienstleistungen um 2,4 Prozent, darunter Wohnungsmieten um 1,4 Prozent.

"Aber ich warne davor, die längerfristigen Inflationsrisiken kleinzureden"

Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer

Jörg Krämer

"Die Unternehmen sehen sich einer Kostenlawine gegenüber, weshalb die Inflation im November erneut deutlich zulegen dürfte, vielleicht sogar auf fünf Prozent", sagte Chefökonom Jörg Krämer von der Commerzbank. Wie andere Fachleute geht er davon aus, dass die Teuerung Anfang 2022 deutlich geringer wird. "Aber ich warne davor, die längerfristigen Inflationsrisiken kleinzureden", betonte Krämer. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte weiter große Teil der Haushaltsdefizite durch den Kauf von Staatsanleihen finanzieren, wodurch zu viel Geld in Umlauf gerate.

Die Beschaffungsprobleme der deutschen Industrie treffen auch die deutschen Konsumenten, wie der Chefökonom von HQ Trust, Michael Heise, erläuterte. Denn die Lieferengpässe "werden für die Verbraucher gerade um Weihnachten in Form von höheren Preisen und langen Lieferzeiten sehr deutlich spürbar bleiben".

Rund 73 Prozent der Deutschen sehen die Inflationsentwicklung bereits kritisch, wie aus einer Umfrage des Deutsche Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) hervorgeht. Die anziehende Teuerung sei gefährlich, warnte DSGV-Präsident Helmut Schleweis. "Sie sollte nicht als vorübergehender Effekt nach der Corona-Krise verharmlost werden." Deshalb müsse die EZB im Dezember die Weichen für einen Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik stellen. Die Notenbanker um EZB-Präsidentin Christine Lagarde halten vorerst an ihrem Kurs fest. Der EZB-Rat bekräftigte am Donnerstag den Nullzins und bestätigte, dass sein 1,85 Billionen Euro schweres Corona-Notprogramm noch bis mindestens März 2022 laufen soll.

EZB erwartet fallende Inflation im kommenden Jahr

EZB-Chefin Christine Lagarde hält den aktuellen Inflationsschub nach wie vor nur für ein vorübergehendes Phänomen, wie sie am Donnerstag bekräftigte. "Wir erwarten, dass sie in diesem Jahr weiter ansteigt", sagte Lagarde auf der Pressekonferenz nach dem Zinsbeschluss. "Aber während die gegenwärtige Phase höherer Inflation länger anhalten wird, rechnen wir damit, dass die Inflation im Verlauf des nächsten Jahres sinken wird." Mittelfristig sei weiterhin damit zu rechnen, dass die Teuerung unter dem EZB-Ziel von zwei Prozent liegen werde.

rei/Reuters/DPA
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