Historischer Höchstwert Volkswirte sehen gefühlte Inflation bei 18 Prozent

Starke Preissteigerungen machen den Menschen seit Monaten das Leben schwer. Ökonomen zufolge liegt die gefühlte Inflation noch deutlich über der offiziellen. Zuletzt stieg sie sogar auf einen Rekordwert.
Zahlen bitte: Viele Haushalte geraten durch hohe Preise in Bedrängnis

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Foto: Armin Weigel/ dpa

Hohe Inflationsraten sorgen seit Monaten für Schlagzeilen und machen vielen Konsumenten das Leben schwer. Dabei wird nicht selten angemerkt, dass die reale Inflationsrate in der Wahrnehmung vieler Menschen noch deutlich höher liegt als die offiziell ausgewiesene. Das liege zum Beispiel daran, dass Preissteigerungen von Gütern, die häufig erworben werden, stärker wahrgenommen würden, als bei Gütern, die seltener erworben würden. Das Konzept sorgte unter dem Schlagwort "gefühlte Inflation" schon vor Jahren für Aufmerksamkeit.

Gegenwärtig ist diese gefühlte Inflation offenbar besonders hoch. Wie die Volkswirte der Dekabank berechnet haben, ist sie zuletzt auf 18 Prozent angestiegen. Dabei handele es sich um einen historischen Höchstwert, sagte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater bei der Vorstellung der Konjunktureinschätzungen des Geldhauses am Mittwoch.

Die offizielle Teuerungsrate lag im Mai mit 7,9 Prozent so hoch wie seit dem Winter 1973/74 nicht mehr. Den Inflationswert für Juni gab das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit 7,6 Prozent an.

Die sehr hohe gefühlte Inflation hemme die Konjunktur, sagte Kater weiter. Das Konsumentenvertrauen in Deutschland befinde sich infolgedessen bereits auf einem historischen Tiefpunkt.

Sparquote sinkt bereits

Tatsächlich hatte das Marktforschungsinstitut GfK am Dienstag neue Zahlen zur Konsumstimmung veröffentlicht. Demnach haben der Ukraine-Krieg und die hohen Preise die Stimmung in Deutschland auf ein Rekordtief fallen lassen. Das Barometer der Nürnberger Marktforscher signalisiert für Juli einen Rückgang um 1,2 Zähler auf minus 27,4 Punkte und damit auf den niedrigsten Wert seit Beginn der gesamtdeutschen Umfrage 1991.

Eine Folge der hohen Inflation sei auch, so Kater, dass Haushalte bereits auf Erspartes zurückgreifen müssten, um über die Runden zu kommen. "Die Sparquote sinkt bereits", sagte der Volkswirt. Die Inflation drohe alle Bereiche der Wirtschaft zu erfassen.

Gefragt sei nun vor allem die Geldpolitik. Die bereits eingeleiteten und angekündigten Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) nannte Kater glaubwürdig. Die Sozialpolitik könne die Auswirkungen der Inflation zwar punktuell abfedern, etwa mit Maßnahmen wie dem 9-Euro-Ticket oder dem Tankrabatt. Auch die Wirtschaftspolitik müsse ihren Beitrag leisten, so Kater. Es komme etwa darauf an, das Energiesystem langfristig umzustellen, um die hohen Energiepreise wieder in den Griff zu bekommen. Vor allem aber müssten nun Notenbanken dafür sorgen, dass die Inflationserwartungen sinken und sich die hohe Inflation nicht auf Dauer festsetze.

Vor dem Hintergrund rechnet die Dekabank für Deutschland in diesem Jahr nur mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,6 Prozent. "Eine gefährdete Energieversorgung, rekordhohe Inflationsraten und eine schwächelnde Weltkonjunktur verlangen auch von den deutschen Unternehmen ihren Tribut", sagte Kater. "Die Perspektiven für die deutsche Konjunktur werden sich im Jahresverlauf weiter verfinstern."

cr/Reuters
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