Mittwoch, 19. Februar 2020

Wüstenrot kündigt 15.000 Verträge Bausparkassen setzen Kunden vor die Tür

Bauspartraum? Längst nicht alle Bausparverträge werden am Ende inklusive Kredit in ein Eigenheim verwandelt

In Zeiten niedriger Zinsen fällt den Bausparkassen ihr Geschäftsmodell auf die Füße: Kunden lassen ihr Geld auf den gut verzinsten Konten von Wüstenrot, LBS und Co. - und holen sich günstige Kredite anderswo. Die Branche wehrt sich - und kündigt die lästigen Verträge.

Frankfurt am Main - Der Umgang mit Inhabern hochverzinster Bausparverträge sorgt erneut für Zündstoff. Die Bausparkasse Wüstenrot hat Ende August nach eigenen Angaben rund 15.000 Verträge von Kunden gekündigt, die so viel angespart hatten, dass sie keinen Bedarf mehr für ein Bauspardarlehen hatten.

Insgesamt hat Wüstenrot, die zweitgrößte deutsche Bausparkasse, 3,6 Millionen Verträge im Bestand. Die Massenkündigungen sind Verbraucherschützern zufolge kein Einzelfall: "Die Bausparkassen fallen derzeit mit vielen facettenreichen Methoden auf, um teure Altverträge loszuwerden, und nicht alle sind rechtens", zitierten die "Stuttgarter Nachrichten" Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg am Freitag.

Verbraucherschützer nennen auch die Aachener Bausparkasse, Schwäbisch Hall, BHW sowie einige Landesbausparkassen, die ähnliche Aktionen gestartet hätten. Grund dafür ist das Dilemma, vor dem die Bausparkassen stehen. Viele Kunden besparen ihre Verträge einfach weiter, ohne das Bauspardarlehen abzurufen: Denn sie bekommen Baufinanzierungen mitten im Immobilienboom heute bei vielen Banken deutlich günstiger als zu den hohen Zinsen, die sie vor der Finanzkrise vereinbart hatten.

Belastung im hohen Millionenbereich

Zugleich sind die Sparzinsen, die in den Altverträgen vorgesehen sind, deutlich attraktiver als die aktuellen Zinssätze. Damals hatten die Baufinanzierer sogar Boni versprochen, wenn der Kunde sein Bauspardarlehen nicht abrufen würde. Viele Kunden hatten ihre Bausparverträge auch von vornherein als reine Geldanlage genutzt.

Die Bausparkassen kommt das teuer zu stehen. Wüstenrot bezifferte die Ergebnisbelastung durch die Hochzins-Tarife auf 100 Millionen Euro im Jahr. Sie machten immer noch ein Fünftel des Vertragsbestandes aus, obwohl die Hochzins-Verträge 2012 um 15 Prozent abgebaut worden seien. Angesichts des derzeitigen Niedrigzinsniveaus sei es "legitim und geschäftlich notwendig, eine Übersparung von Bausparverträgen abzuwehren."

Bausparkassen hatten zuletzt versucht, Kunden zum Wechsel in neue Tarife zu bewegen, bei denen Spar- und Darlehenszinsen viel niedriger sind. Die Kündigung voll besparter Verträge halten die Bausparkassen für rechtens. "Bausparen ist Zwecksparen", erklärte der Verband der Privaten Bausparkassen. "Der gesetzlich definierte Zweck ist die Erlangung eines Bauspardarlehens." Wenn ein Vertrag diesen Zweck nicht mehr erfüllen könne, weil schon das angesparte Geld die Bausparsumme erreicht habe, dürfe die Bank kündigen.

Die Ombudsleute der Branche und mehrere Gerichte hätten das bestätigt. Für unzulässig halten Verbraucherschützer aber die Praxis von Bausparkassen, auch den Schlussbonus ins Kalkül zu ziehen, wenn es um die Frage gehe, ob der Vertrag überspart ist. Die Branche hält aber auch dieses Vorgehen unter Berufung auf einen entsprechenden Schlichterspruch des Ombudsmanns für legitim.

cr/rtr

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