Baugewerbe in Sorge Preisanstieg bei Wohnungen verliert an Fahrt

Die Preise für Häuser und Wohnungen haben sich im zweiten Quartal weiter verteuert – allerdings nimmt das Tempo ab. Höhere Kosten und steigende Zinsen führen außerdem zu mehr Stornierungen in der Bauwirtschaft.
Außerhalb nicht mehr günstig: In dünner besiedelten ländlichen Kreisen in Deutschland kletterten die Preise für Wohnungen und Häuser im zweiten Quartal am stärksten

Außerhalb nicht mehr günstig: In dünner besiedelten ländlichen Kreisen in Deutschland kletterten die Preise für Wohnungen und Häuser im zweiten Quartal am stärksten

Foto: Bernd Leitner / blickwinkel / McPhoto / IMAGO

Die Preise für deutsche Wohnimmobilien sind im zweiten Quartal erneut deutlich gestiegen, aber langsamer als zuvor. Sie erhöhten sich von April bis Juni um durchschnittlich 10,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. "Damit lag die Veränderungsrate des Häuserpreisindex gegenüber dem Vorjahresquartal zum fünften Mal in Folge über zehn Prozent."

Allerdings schwächte sich der Anstieg das dritte Quartal in Folge ab: Zu Jahresbeginn hatte er noch bei 11,6 Prozent gelegen, Ende 2021 bei 12,6 Prozent und im Sommer 2021 bei 12,8 Prozent. Wohnungen sowie Ein- und Zweifamilienhäuser verteuerten sich auch im Vergleich zum Vorquartal, und zwar im Schnitt um 2,5 Prozent.

"Niemand sollte mehr auf immer weiter steigende Preise spekulieren"

LBBW-Ökonom Martin Güth

"Der Wind hat gedreht", kommentierte LBBW-Ökonom Martin Güth die Entwicklung. "Niemand sollte mehr auf immer weiter steigende Preise spekulieren." Gegen deutliche Preisrückgänge spreche derzeit aber das knappe Angebot an zum Verkauf stehenden Objekten.

Für Kauf- und Mietinteressenten werde die Lage immer schwieriger, da der Markt aufgrund von Zuwanderung und schwächerem Bau noch enger werde als ohnehin schon. "Gleichzeitig sind Immobilien aufgrund gestiegener Hypothekenzinsen und realer Einkommensverlust für immer weniger Menschen erschwinglich", sagte Güth. Für viele Objekte stehe zudem in den kommenden Jahren eine energetische Sanierung an.

Preise auf dem Land steigen am stärksten

"Den größten Preisanstieg gab es in den dünn besiedelten ländlichen Kreisen", ermittelten die Statistiker. Hier erhöhten sich die Preise für Ein- und Zweifamilienhäuser um 13,6 Prozent zum Vorjahresquartal, Eigentumswohnungen um 11,7 Prozent. In den sieben größten Städten (Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf) stiegen die Preise für Ein- und Zweifamilienhäuser um 12,2 Prozent und für Eigentumswohnungen um 10,6 Prozent.

"Am schwächsten fiel der Preisanstieg in den städtischen Kreisen aus", hieß es. Dort lag die Teuerungsrate für Häuser mit 7,8 Prozent zum ersten Mal seit Anfang 2021 wieder im einstelligen Bereich, während für Wohnungen 7,3 Prozent mehr bezahlt werden mussten als im Vorjahresquartal. Die Bundesbank warnt seit Längerem vor zunehmenden Gefahren auf dem deutschen Immobilienmarkt angesichts steigender Preise.

Gestiegene Preise machen Bauwirtschaft zu schaffen

So machen die gestiegenen Preise der Bauwirtschaft zu schaffen. Hohe Baukosten einerseits und steigende Kreditzinsen andererseits sorgen vermehrt für Auftragsstornierungen. Im August waren 11,6 Prozent der befragten Unternehmen davon betroffen, nach 11,5 Prozent im Vormonat, wie das Münchner Ifo-Institut bei seiner Firmenumfrage herausfand.

Zugleich ist das Auftragsvolumen wegen der höheren Preise zwar gestiegen im Juli, preisbereinigt (real) allerdings lag der Auftragseingang um 5,8 Prozent niedriger, geht aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervor. Für die ersten sieben Monate des Jahres 2022 zusammen ergibt sich in realer Betrachtung ein Rückgang bei den Auftragseingängen um 3,8 Prozent zum Vorjahreszeitraum. Nach Angaben Baugewerbeverbandes beläuft sich der Rückgang allein im Wohnungsbau in den ersten sieben Monaten real auf etwa 9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

"Gerade die privaten Häuslebauer kommen angesichts steigender Finanzierungs- und Lebenshaltungskosten an die Grenzen des Leistbaren", sagte Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes Deutsches Baugewerbe.

Trotz des schwierigen Umfelds für die Baubranche hält Bundesbauministerin Klara Geywitz (46) am Ziel von 400.000 neuen Wohnungen jährlich fest. "Das Ziel ist das Ziel. Und das Ziel ist ja keine politische Erfindung, sondern abgeleitet vom Bedarf", sagte die SPD-Politikerin am Freitag nach der Bauministerkonferenz in Stuttgart. Es sei aber auch klar, dass es mit dem Fachkräftemangel, steigenden Zinsen und den Materialengpässen nicht einfacher werde.

Wohl 100.000 weniger neue Wohnungen in 2022

Zuvor hatten die Bauministerinnen und -minister der Länder nach zweitägigen Beratungen in einer gemeinsamen Erklärung prognostiziert, "dass in diesem Jahr über 200.000 Wohnungen in Deutschland fertiggestellt werden und damit für einen Bezug zur Verfügung stehen". Diese Zahl ergebe sich aus den in den Vorjahren erteilten Baugenehmigungen und den geplanten Bauvorhaben. Im Jahr 2021 waren deutschlandweit 293.000 neue Wohnungen fertiggestellt worden. Die Bundesregierung hatte sich in ihrem Koalitionsvertrag 400.000 neue Wohnungen jährlich vorgenommen. Dieses Ziel sieht etwa der Zentralverband Deutsches Baugewerbe derzeit in weiter Ferne.

rei/Reuters/DPA
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