Panama-Leaks bringen Licht in dunkle Immobilien-Deals Auf der Spur von Londons größtem Immobilien-Fürsten

Teure Adressen in London: Viele Hausbesitzer werden durch die Panama-Papiere kompromittiert

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Gherkin, Piccadilly, Buckingham: Wem Londons Wahrzeichen gehören

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House of Secrets, Haus der Geheimnisse - so überschrieb das US-Magazin "New Yorker " vor einem knappen Jahr eine lange Geschichte über ein historisches Anwesen namens "Witanhurst" im Norden Londons. "Witanhurst" gelte als das größte private Wohnhaus in der britischen Hauptstadt, so das Magazin. Und als das teuerste. Der Reporter des "New Yorker" hatte aber Monate, wenn nicht Jahre gebraucht, um herauszubekommen, wem die Immobilie gegenwärtig gehört.

Der Grund ist einfach: "Witanhurst" befindet sich im Besitz einer Briefkastenfirma, hinter der sich der wahre Eigentümer verbirgt. Die luxuriöse Riesenvilla aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts steht damit beispielhaft für einen großen Teil des Londoner Immobilienmarktes, insbesondere jenen am teureren Ende. Wie die "Financial Times" vor einiger Zeit herausfand, werden in ganz England und Wales Immobilien im Wert von mehr als hundert Milliarden Pfund von solchen Geheimfirmen gehalten. Zwei Drittel davon stehen in London, so die Zeitung.

Geldwäsche und Steuervermeidung

Allein in der edlen Apartmentanlage One Hyde Street, deren Wohnungen zum teuersten zählen, das der Londoner Immobilienmarkt zu bieten hat, gehören vier von fünf Einheiten Briefkastenfirmen in Steueroasen, hat die Zeitschrift "Vanity Fair" recherchiert. Kein Wunder also, dass die meisten der knapp 90 Nobelapartments meist leer stehen. Die wahren Eigentümer sitzen irgendwo im Ausland, in Asien beispielsweise, oder im arabischen Raum. Sie haben die Räumlichkeiten in vielen Fällen nicht so sehr erworben, um sich darin auch aufzuhalten.

Wichtiger ist vielen der zahlungskräftigen Investoren vielmehr die reizvolle Geldanlage. Der Londoner Immobilienmarkt gilt als rechtssicher und stabil. In Zeiten niedriger Zinsen, turbulenter Börsen und unklarer Wirtschaftsperspektiven lenkt das die Aufmerksamkeit von Millionären und Milliardären aus aller Welt auf die Stadt an der Themse.

Einerseits. Andererseits, und darauf deutet der hohe Anteil anonymer Käufer hin, dürfte ein Großteil der Gelder, die in Londons Luxusimmobilien fließen, aus nicht eben seriöser Quelle stammen. Der Verdacht, dass teure Häuser und Wohnungen auch zum Zweck der Geldwäsche und Steuervermeidung erworben werden, liegt vielmehr nahe.

Panama Papers enthüllen einen der größten Immobilienbesitzer Londons

"Es ist ganz offensichtlich, dass vieles von dem Geld, das nach London strömt, aus unsauberen Quellen kommt", sagt Robert Barrington, Direktor von Transparency International in Großbritannien. London ziehe schmutziges Geld geradezu an. Schwierig sei es allerdings, zu sagen, wie viel Geld auf diese Weise in den Markt komme.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, hat die Politik bereits verschiedenes versucht. Manche Bezirke verlangen beispielsweise höhere Steuern von Eigentümern, die ihre Häuser nicht bewohnen. Die Regierung von David Cameron fordert zudem mehr Transparenz von Immobilienkäufern.

Schützenhilfe kommt dabei nun von Seiten der Medien, die die sogenannten Panama Papers ausgewertet haben und seit Anfang der Woche ihre Ergebnisse veröffentlichen. Einem Bericht des britischen "Guardian"  zufolge ist den vielen Millionen Papieren, die aus der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca an die Öffentlichkeit gelangt waren, zu entnehmen, wem zahlreiche der Immobilien tatsächlich gehören, die in London und dem Rest Großbritanniens von Briefkastenfirmen gehalten werden. Es handele sich um Immobilienbesitz im Milliardenwert, so die Zeitung.

Politgrößen und Geschäftsleute enttarnt

Einer der wichtigsten Player am Londoner Immobilienmarkt ist demnach Scheich Chalifa bin Zayid Al Nahyan, der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate. Es sei bereits bekannt gewesen, dass die Herrscherfamilie der Emirate einigen Besitz in London erworben hat, so der "Guardian". Nicht aber dieses Ausmaß.

Laut "Guardian" zeigen die "Panama Papers", die das Blatt neben der "Süddeutschen Zeitung" und anderen ausgewertet hat, dass Chalifa bin Zayid Al Nahyan eines der größten privaten Immobilienimperien in Großbritannien aufgebaut hat. Über Offshore-Firmen, die von Mossack Fonseca vermittelt wurden, halte der Scheich mehrere Dutzend Immobilien in London im Gesamtwert von 1,2 Milliarden Pfund.

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Weitere heimliche Immobilienbesitzer in London, die durch die Panama-Papiere kompromittiert werden, sind der Zeitung zufolge: Mariam Safdar, Tochter des amtierenden pakistanischen Premierministers Nawaz Sharif, der ehemalige irakische Premierminister Iyad Allawi sowie Bukola Saraki, Präsident des nigerianischen Senats. Hinzu kommen zahlreiche Geschäftsleute und andere Prominente wie der britische Diamanten-Magnat Laurence Graff oder der russische Milliardär Leonid Fedun.

Der Besitzer von Witanhurst ist ...

Insgesamt befinden sich dem "Guardian" zufolge inzwischen britische Immobilien im Wert von mehr als 170 Milliarden Pfund im ausländischen Besitz, ein Großteil davon in London. Jede zehnte der rund 31.000 Briefkastenfirmen, die in diese Geschäfte verwickelt sind, gehöre zu Mossack Fonseca, so die Zeitung. Der "Guardian" betont allerdings auch, dass der Besitz einer Immobilie über eine Geheimfirma allein noch keineswegs strafbar ist.

Ähnlich wie in London ist indes die Situation in anderen Metropole rund um den Globus. Zum Beispiel in New York, wo die Preise für Luxuswohnungen und -häuser in den vergangenen Jahren ebenfalls in die Höhe geschnellt sind. Möglich war das vor allem, weil viel Geld aus dem Ausland in den Markt strömt.

Und auch in Manhattan und anderen begehrten Stadtteilen bedienen sich die Erwerber aus dem Ausland gerne des Einsatzes von Firmenhüllen, um ihre Identität zu verschleiern. Das musste unter anderem die "New York Times" vor einiger Zeit feststellen, als sie in einer umfangreichen Recherche versuchte, die Besitzverhältnisse am lokalen Nobelimmobilienmarkt zu klären. Auch der amerikanische Gesetzgeber hat sich des Problems bereits angenommen.

Wem gehören die Luxuswohnungen in New York?

Ob die "Panama Papers" am Big Apple ebenfalls für mehr Transparenz sorgen können, ist allerdings bislang unklar. Die "New York Times" ("NYT") war in die Auswertung der Unterlagen, zu der sich Journalisten aus aller Welt zusammengeschlossen hatten, nicht eingebunden. Wie die Zeitung bereits wissen ließ, will sie erst ausführlich über das Thema berichten, sobald ihr die Informationsquellen aus erster Hand zugänglich gemacht wurden - sofern das überhaupt passieren sollte. Das Abschreiben ("Kuratieren") aus anderen Medien kommt für die renommierte Zeitung also nicht in Frage.

Noch ist also offen, ob auch die Rechercheure der "NYT" in die "Panama Papers" werden schauen können. Vermutlich könnten sie darin auch die wahren Besitzer vieler New Yorker Luxusapartments und -häuser ausfindig machen.

Einen Blick in die Unterlagen hätte vermutlich auch der Reporter des "New Yorker" gerne geworfen, als er sich auf die Suche nach dem eigentlichen Besitzer des Londoner Anwesens "Witanhurst" machte. Das war allerdings schon vor einigen Jahren, da waren die "Panama Papers" noch nicht auf dem Markt. So musste der Journalist sein Handwerk nach der alten Schule ausüben: Informanten treffen, vertrauliche Gespräche führen, in Archiven und anderen Quellen stöbern.

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Inzwischen ist klar: Es hat sich gelohnt, die hartnäckige Recherche war von Erfolg gekrönt. Herausgekommen ist dabei ein lesenswerter Artikel im "New Yorker" . Und natürlich der Name des geheimnisvollen Unbekannten, dem "Witanhurst" tatsächlich gehört.

Es ist der Oligarch Andrej Gurjew, ehemaliger Abgeordneter im russischen Parlament und schwerreicher Chef des Düngemittelherstellers FosAgro. Ob auch Gurjew wiederum für die Transaktion die Dienste der Kanzlei Mossack Fonseca in Panama in Anspruch genommen hat, wurde bislang nicht publik.

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