Vorzeitige Kündigung schmackhaft gemacht Lebensversicherer drängen Kunden aus lukrativen Policen

Der Druck muss schon enorm sein. Lebensversicherer versuchen mit persönlichen Anschreiben, tausende Kunden aus gut verzinsten Verträgen zu drängen. Verbraucherschützer warnen davor, vermeintlich großzügige Angebote ungeprüft zu unterschreiben. Sie sind es in der Regel nicht.
Lebensversicherung: Ältere Policen sind gut verzinst - sie sollten nicht voreilig gekündigt werden

Lebensversicherung: Ältere Policen sind gut verzinst - sie sollten nicht voreilig gekündigt werden

Foto: Jens Büttner/ dpa

Sie besitzen eine ältere Lebensversicherung - kassieren vielleicht 3,25 oder gar 4 Prozent garantierten Zins auf den Sparbeitrag? Gratulation. Dann dürften Sie mit der steuerbegünstigten Police immer noch mehr Rendite einfahren, als derzeit vergleichsweise risikolose Alternativinvestments abwerfen.

Auch wenn die Gesamtverzinsung seit Jahren kontinuierlich fällt - kündigen oder in eine andere Lebensversicherung "umdecken", wie Vermittler das schon mal ihren Kunden raten, sollten sie so eine ältere Police nicht, warnen Verbraucherschützer.

Mag der Versicherungsverband GDV den Verbrauchern aktuell auch Alternativen zur Kündigung  nahelegen - seine Mitglieder, die Lebensversicherer, steuern genau die andere Richtung an. Ganz offensiv versucht derzeit nämlich eine Reihe von Anbietern, zehntausende Kunden zur vorzeitigen Kündigung ihres Vertrags zu bewegen. Das Motiv liegt auf der Hand: Die hohen Zinsgarantien der Vergangenheit lassen sich bei anhaltend niedrigen Kapitalmarktzinsen kaum noch erwirtschaften und belasten die Bilanz.

Gezielt schreiben etwa die "Neue Leben", die "Gothaer" und nach Informationen von manager magazin online auch die "Generali" Kunden mit älteren, hochverzinsten Verträgen an.

In einem Schreiben der Neue Leben, das der Initiative "Marktwächter" der Verbraucherzentralen vorliegt, heißt es unter anderem: "Ihre persönliche Situation, Ihre Ziele sowie Ihre finanziellen Wünsche haben sich vielleicht während der Vertragslaufzeit geändert. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich Ihr Guthaben früher auszahlen zu lassen?"

Darunter nennt der Anbieter gleich die Summe, die der Kunde erhalten würde, wenn er sofort kündigte. Um den Ausstieg schmackhaft zu machen, würde die Neue Leben auch auf den üblichen Stornoabzug verzichten. Ein entsprechendes Formular für die Auszahlung liegt dem Brief gleich bei.

30.000 dieser Schreiben will der Sparkassenversicherer in diesem Jahre versenden und versteht seine Offerte in erster Linie als "Serviceangebot". Melde sich der Kunde nicht zurück, bleibe alles beim alten Zustand, versichert die Neue Leben und weist damit den Verdacht von sich, Kunden mit hohen Garantiezusagen jetzt um jeden Preis loswerden zu wollen.

Von einem vermeintlichen Erlass der Stornokosten nicht beeindrucken lassen

Die "Marktwächter" sehen das anders: "Der Anbieter will mit solchen Schreiben teure Kunden loswerden. Das Interesse an der persönlichen Lebenssituation ihrer Versicherten halten wir für vorgeschoben", sagt Sandra Klug, Leiterin Marktwächter-Teams von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Ob das Herauslocken aus lukrativen, älteren Lebensversicherungen ein Phänomen in der ganzen Branche ist, wollen die "Marktwächter" mit einem Aufruf herausfinden und bitten Kunden, ihre Erfahrungen möglichst per Mail (fmw@vzhh.de) mitzuteilen.

Ein auf drei Unternehmen begrenzte Praxis scheint es nicht zu sein. Denn mittlerweile schlagen auch beim Bund der Versicherten (BdV) immer öfter Kunden auf und fragen in der gleichen Angelegenheit um Rat.

"Bei solchen Angeboten sollte der Lebensversicherte höchst wachsam sein und nicht einfach ungeprüft sein Vertrag kündigen", warnt auch BdV-Chef Axel Kleinlein. Denn die Vertriebs- und Abschlusskosten, die bei früher Kündigung den Rückkaufswert drastisch mindern, seien bei älteren Verträgen mit den Prämien der ersten Jahre längst bezahlt und die Police schon von daher vergleichsweise renditestark.

Auch warnt Kleinlein, sich von einem vermeintlich großzügigen Erlass der Stornokosten beeindrucken zu lassen. Zwar könnten diese Kosten im Einzelfall eine nennenswerte Größe erreichen. Für ältere Verträge, die zwischen 1994 und 2007 abgeschlossen wurden, dürfen die Anbieter aber ohnehin keinen Stornokostenabzug in Rechnung stellen. Das stellte zuletzt der Bundesgerichtshof (BGH) in seiner Entscheidung vom September 2013 fest (IV ZR 17/13).

Die zu zehntausenden verschickten Briefe verfolgten vor allem ein Ziel, ist auch Axel Kleinlein überzeugt: "Die Kunden aus den hochprozentigen Verträgen rauszubekommen." Wenn ein Lebensversicherer so agiere, sei das eine "Bankrotterklärung" und das Eingeständnis, dass sich der Lebensversicherer sein eigenes, ursprüngliches Geschäft nicht mehr zutraue.

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