Nach dem Corona-Hype Das Ende der Immobilienparty auf Sylt

Das Ende des Corona-Hypes, steigende Hypothekenzinsen, wirtschaftliche Unsicherheit – Sylts Immobilienmarkt wird zurzeit gleich aus mehreren Richtungen geschwächt. Bis vor Kurzem schossen die Preise für Wohnungen oder Häuser noch in die Höhe – plötzlich geht es in die andere Richtung.
Holz, Reet, Kohle: Für dieses Haus in Kampen auf Sylt wird ein Quadratmeterpreis von mehr als 40.000 Euro verlangt

Holz, Reet, Kohle: Für dieses Haus in Kampen auf Sylt wird ein Quadratmeterpreis von mehr als 40.000 Euro verlangt

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ImmoScout24

Die Zeit der Corona-Pandemie wurde in weiten Teilen Deutschlands als Krise wahrgenommen – aber nicht auf dem Sylter Immobilienmarkt. Dort schoss die Nachfrage in die Höhe, und die Preise für Eigentumswohnungen und Reetdachhäuser, seit geraumer Zeit ohnehin auf hohem Niveau, zogen noch einmal kräftig an.

Corona lasse die Grenze zwischen Erst- und Zweitwohnsitz verschwimmen, sagte seinerzeit Sven Odia, Vorstandschef beim Nobelmakler Engel & Völkers. "Immobilien in Zweitwohnsitzmärkten sind gefragt wie nie zuvor", so Odia noch im Januar dieses Jahres. "Besonders im Luxussegment beobachten wir infolge der Corona-Pandemie den Trend zum Homeoffice im Zweitwohnsitz."

Acht Monate später ist Corona – trotz nach wie vor hoher Infektionszahlen – vielerorts kaum noch ein Thema. Auch nicht auf dem Immobilienmarkt von Sylt. Die Zeiten, zu denen Käufer hektisch nach Objekten suchten, sind damit vorbei, sagen Makler. Entsprechend gehören auch die Preisexzesse, die Sylt in den vergangenen Monaten mitunter gesehen hat, der Vergangenheit an.

Der Blick auf die nackten Daten lässt die jüngste Marktentwicklung auf der Promi-Insel geradezu dramatisch erscheinen. Einer Auswertung der Immobilienplattform Scoperty zufolge etwa sind die Preise auf Sylt im zweiten Quartal geradezu eingebrochen. Von Rückgängen im zweistelligen Prozentbereich berichtet die Plattform. Auf Nachfrage verweist Scoperty allerdings auf die geringe Größe des Sylter Immobilienmarktes. Allein die beliebte Gemeinde Kampen etwa umfasse lediglich rund 300 Wohnhäuser. Das müsse bei der Einordnung der Marktzahlen beachtet werden.

Zudem handelt es sich offenbar vor allem um die Korrektur erheblicher Preisübertreibungen, die Sylt zuletzt gesehen hat.

"Die Preisrallye der letzten Jahre ist vorbei", sagt auch Tom Kirst. Er ist seit vielen Jahren als Immobilienmakler für Dahler & Company auf der Insel tätig. Während der Corona-Pandemie habe es angesichts der großen Nachfrage starke Preisanstiege gegeben, so Kirst. Diese würden nun wieder zurückgenommen. Doch auch nach der Korrektur befinde sich der Sylter Immobilienmarkt weiterhin auf hohem Niveau, so Kirst. Der Marktkenner ist zuversichtlich, dass es künftig wie seit Jahren moderat aufwärtsgehen werde.

Kirsts Kollege Erik Wedell, gleichfalls Makler auf Sylt, hatte die Marktberuhigung kürzlich in einem Interview mit der "Zeit" (€)  ebenfalls beschrieben. "Ich glaube, dass diese hohen Steigerungsraten nicht mehr vorkommen werden und dass die Preise jetzt mal ein, zwei Jahre stabil bleiben", so Wedells Erwartung.

Marktabkühlung? Der Anbieter dieses Reihenhauses in Keitum hätte gerne 36.000 Euro pro Quadratmeter. Immerhin: Das Objekt bietet "direkte Wattlage".

Marktabkühlung? Der Anbieter dieses Reihenhauses in Keitum hätte gerne 36.000 Euro pro Quadratmeter. Immerhin: Das Objekt bietet "direkte Wattlage".

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"Wir beobachten, dass die Nachfrage nach Immobilien auf Sylt weiterhin konstant ist, wodurch die Preise stabil bleiben", teilt auf Anfrage zudem auch Silke Hagenah, Geschäftsführende Gesellschafterin von Engel & Völkers Sylt-Kampen, mit.

Als Gründe für das Ende des jüngsten Hypes sieht Kirst vor allem das Auslaufen der Corona-Krise, das die Nachfrage nach Zweitwohnsitzen habe zurückgehen lasse. "Zudem sind Strafzinsen, die vor allem die sehr vermögende Klientel getroffen haben, inzwischen kein Thema mehr", sagt er. "Stattdessen haben wir den Anstieg der Hypothekenzinsen, der sich vor allem im unteren Segment des Sylter Immobilienmarktes, bei Objekten bis eine Million Euro also, bemerkbar macht."

Es gebe Kunden, die wollten kaufen, erzählt der Makler. Aber die Bank sage, die Mieteinnahmen reichten für die Finanzierung nicht aus. "Sie dürfen nicht vergessen", so Kirst, "die Immobilienpreise sind zwar gestiegen, aber mit den Mieten ging es in der gleichen Zeit nicht genauso stark nach oben."

Hinzu kommt laut Kirst, dass sich Käufer, wie es immer wieder mal vorkomme, auch auf anderen Märkten umschauten. "Es wird in Portugal gekauft, es wird auf Mallorca gekauft", sagt er. "Da sind die Preise auch gestiegen. Und da haben sie die Wettergarantie."

Allerdings passt die Abkühlung des Sylter Immobilienmarktes ins Gesamtbild. Auch in anderen deutschen Städten und Ballungszentren wurden in den vergangenen Monaten Preisrückgänge beobachtet. Damit könnte sich eine Trendwende andeuten, nachdem die Immobilienmärkte zuvor jahrelang boomten und die Preise stiegen. Als Grund für die nachlassende Dynamik gilt vor allem der Anstieg der Bauzinsen in den vergangenen Monaten, der mit der hohen Inflation und dem Eingreifen der Notenbanken zusammenhängt.

Das davon vor allem hochpreisige Luxus- und Anlageimmobilien betroffen sind, kommt offenbar nicht von ungefähr. „Steigende Zinsen, höhere Energiekosten und eine zunehmende Inflation gehen am Immobilienmarkt nicht spurlos vorbei“, sagt Stefan Kellner, CEO von Scoperty. Dass dies vor allem die Luxus-Märkte etwa auf Sylt treffe, sei nicht überraschend. "Dort gab es in der Vergangenheit immer wieder starke Preiszuwächse und Preisschwankungen, da das Angebot sehr begrenzt und auf eine spitze Zielgruppe ausgerichtet ist. Obwohl wir noch keine großen Preiseinbrüche in der Fläche beobachten können, sehen wir doch, dass sich der Markt wandelt.“

Mit dieser Einschätzung ist Kellner offenbar nicht allein. Einer Umfrage zufolge, die die Plattform Hausgold unter 4000 Immobilienmaklern durchgeführt hat, erwartet der Großteil der Branche eine Abkühlung des Immobilienmarktes in den kommenden zwölf bis 24 Monaten. Bemerkenswert dabei: Die befragten Makler glauben in der Mehrheit, dass günstigere Objekte davon kaum betroffen sein werden. Vielmehr werde sich die Marktschwäche vor allem im Bereich der Anlage- und Luxusimmobilien abspielen, so das Ergebnis der Umfrage.

Damit richten sich die Blicke wiederum auf Sylt. Wer allerdings glaubt, auf der Nordseeinsel nun ein Schnäppchen machen zu können, irrt sich. Nach wie vor zählen die Immobilienpreise, die dort verlangt werden, zu den höchsten in Deutschland. Zwar läuft ein Großteil des Geschäfts mit Sylter Luxusimmobilien recht diskret ab. Exklusive Bauernhöfe etwa oder Luxusvillen mit freiem Blick ins Watt wechseln in der Regel den Besitzer, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon erfährt – und das zu Preisen nicht selten im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich.

Doch auch ein Blick auf die Plattform Immobilienscout24 gibt schon einen Eindruck vom Sylter Preisniveau. Dort befindet sich derzeit etwa eine Doppelhaushälfte in Kampen im Angebot, mit vier Zimmern und einer Wohnfläche von 120 Quadratmetern. Der gewünschte Kaufpreis von 4,85 Millionen Euro führt zu einem Quadratmeterpreis von mehr als 40.000 Euro. Es ist laut Immobilienscout24 der höchste Quadratmeterpreis, der über die Plattform momentan auf Sylt verlangt wird. Der zweithöchste beträgt demnach rund 36.000 Euro und soll für ein Reihenhaus mit 90 Quadratmetern Wohnfläche in Keitum bezahlt werden. Die Marktabkühlung ist zumindest bei diesen Anbietern offenbar noch nicht angekommen.

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