Wirtschaftswunder 2.0 Deutschlands heimlicher Boom

Es ist der Stoff, aus dem Verschwörungstheorien sind: Die deutsche Wirtschaft scheint viel besser zu laufen, als die offiziellen Zahlen zeigen. Mit dramatischen Konsequenzen: Die Politik wäre mit ihren Maßnahmen völlig auf dem Holzweg.
Altkanzler Ludwig Erhard: Neues deutsches Wirtschaftswunder

Altkanzler Ludwig Erhard: Neues deutsches Wirtschaftswunder

Foto: DER SPIEGEL

Die Zahl klingt phänomenal, unglaublich - zu schön, um zu wahr zu sein. 2,8 Prozent Wachstum für die deutsche Wirtschaft, sagt der neue manager-magazin-Konjunktur-Indikator voraus. Ein Wert, viel höher als die handelsüblichen Prognosen. 1,6 Prozent gab vorige Woche der Internationale Währungsfonds als Zielmarke für 2014 an.

Bundesregierung, Bundesbank und OECD rechnen mit 1,7 Prozent. Doch die höhere Wachstumsrate des mm-Indikators ist kein Fehler, sondern das Ergebnis einer sorgfältigen Datenanalyse. Vieles spricht dafür, dass es Deutschland viel besser geht, als die offiziellen Zahlen zeigen.

Die Folgen wären dramatisch: Die Bundesrepublik navigiert im Blindflug. Mit weitreichenden Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik, die gegenwärtig in die völlig falsche Richtung steuern dürfte.

Tatsächlich sind die amtlichen Wachstumszahlen nicht sonderlich plausibel. Nach kürzlich veröffentlichten Schätzungen des Statistischen Bundesamts ist die deutsche Wirtschaft 2013 real (nach Abzug der Inflation) nur um 0,4 Prozent gewachsen. Das wäre Stagnation - Deutschland würde am Rande einer Krise entlang schrammen.

Doch andere Daten deuten in die Gegenrichtung: Die Beschäftigung (neue Zahlen am Donnerstag), die Steuereinnahmen, der Außenhandel, die Konsumentenstimmung (GfK-Konsumklimaindex kommt am Mittwoch), auch der Ifo-Geschäftsklimaindex (neu am Montag) - all diese Zahlen weisen Rekordwerte aus. Nur die Volkswirtschaft als ganzes nicht? Irgendwas scheint da nicht zu stimmen.

Neues Wirtschaftswunder

Carsten-Patrick Meier vom Forschungsinstitut Kiel Economics, der den Indikator für manager magazin berechnet, beobachtet seit Jahren, wie das Statistische Bundesamt im Nachhinein die Zahlen verändert. Vorigen Sommer beispielsweise setzte das Amt BIP-Schätzungen für 2011 um 0,7 Prozentpunkte herauf. Meier rechnet mit weiteren Aufwärtsrevisionen. Nicht ungewöhnlich: Häufig werden offizielle Daten noch Jahre später korrigiert, meist nach oben. So wurde die Wachstumsrate für 2006 inzwischen um 1,2 Prozentpunkte angehoben.

Auch derzeit scheint die Statistik die tatsächliche Dynamik massiv zu unterschätzen. Meier rechnet mit späteren Korrekturen um einen Prozentpunkt für die Jahre 2012 und 2013, entsprechend müssten auch die weiteren Prognosen heraufgesetzt werden. 2013 wäre die Wirtschaft damit um 1,5 Prozent gewachsen. Der Aufschwung 2014 würde sich in einer Expansion um 2,8 Prozent niederschlagen, 2015 kämen nochmal 2,4 Prozent hinzu.

Ein phänomenaler Boom - jedenfalls für eine reife, alternde Gesellschaft wie die deutsche. Ein neues Wirtschaftswunder - angesichts der nach wie vor schwelenden Schuldenkrise in unserer Nachbarschaft.

Eine ideale Regierung würde jetzt die Steuern erhöhen

Es liegt nahe, dass hinter diesem Verwirrspiel eine großangelegte Verschwörung zu vermuten ist. Doch der Grund für die prognostische Unschärfe ist ein technischer: die verzögerte Meldung vieler Daten ans Bundesamt.

So werden insbesondere große Teile der deutschen Binnenwirtschaft erst lange nach Veröffentlichung der ersten Schätzungen erfasst. Gerade Bau, Handel und andere Dienstleistungen boomen derzeit: Unternehmen und Privathaushalte in der Bundesrepublik konnten sich vermutlich noch nie so billig verschulden wie derzeit. Entsprechend steigen Investitionen und Konsumausgaben.

Deutschland geht's viel besser, als die offiziellen Zahlen zeigen. Nach der Kieler Prognose erlebt Deutschland einen Binnenboom, wie lange nicht mehr, mit deutlichen Überhitzungserscheinungen. Der Staat müsste beherzt gegensteuern - nicht irgendwann, sondern jetzt. Da die EZB mit Rücksicht auf die fragile Finanzlage im übrigen Euro-Raum auf absehbare Zeit die Geldzufuhr nicht verknappen wird, ist die Bundesregierung gefordert. Doch die ist leider auf einem ganz anderen Trip.

Merkel steigert die Staatsausgaben zur Unzeit

Angela Merkels dritte Koalition startet mit allerlei zusätzlichen Ausgabenprogrammen, vor allem bei der Rente. Sie erhöht die Staatsausgaben konjunkturell gesehen zur Unzeit: Ein ohnehin kräftiger Aufschwung wird in den kommenden Jahren mit schuldenfinanzierten Programmen zusätzlich angeheizt.

Nur mal angenommen, es gäbe so etwas wie eine ideale Regierung, die makroökonomisch rational handelt. Was würden die tun? Ganz einfach: Sie würde jetzt die Steuern erhöhen. Und zwar insbesondere auf Unternehmensgewinne und Vermögenserträge. Denn die profitieren besonders von diesem heimlichen Boom: 2014 sollen diese Einkunftsarten der Kieler Prognose zufolge um fast 10 Prozent zulegen, die Arbeitseinkommen steigen nur halb so stark. Einen Teil dieser Einkommensblase sollte der Staat abschöpfen. Nicht, um die Gelder gleich wieder auszugeben, sondern um sie in den Schuldenabbau zu stecken - oder, in Deutschland eine echte Innovation, um sie anzusparen.

Die Wirtschaftstermine der Woche

Montag

MÜNCHEN - Stimmungsbarometer - Das Ifo-Institut veröffentlicht seinen Geschäftsklima-Index

BRÜSSEL - Baustelle Euro - Treffen der Finanzminister der Euro-Gruppe

CUPERTINO - Update - Apple veröffentlicht Zahlen

Dienstag

USA - Berichtssaison - Quartalsberichte diverser US-Konzerne, unter anderen von Yahoo, Ford, DuPont, AT&T und Pfizer

Mittwoch

NÜRNBERG - Klimawandel - Die Gesellschaft für Konsumforschung veröffentlicht ihren Konsumklimaindex für Februar

FRANKFURT - Zurückgestellt - Die Deutsche Bank legt vorläufige Zahlen für das Gesamtjahr 2013 vor

MENLO PARK - Gefällt dir? - Berichte der US-Konzerne Facebook, Dow Chemical und Boeing

Donnerstag

NÜRNBERG - Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlich die Arbeitsmarktdaten für Januar

ATHEN - Silberstreifen? - Neues vom Geschäftsklima der griechischen Unternehmen

WASHINGTON - Wachsender Westen - Die US-Statistiker schätzen das BIP im vierten Quartal 2013

Weltbörsen - Berichtsmarathon - Jede Menge Zahlen, unter anderem von Santander, Visa, LVHM, UPS, 3M, Eli Lilly, Shell, Roche, Blackstone, Amazon, Google, Exxon, H&M, Ericsson

Freitag

TOKIO - Endlich Inflation - Japans Behörden veröffentlichen die Steigerungsrate der Verbraucherpreise und Zahlen für die Industrieproduktion im Dezember.

BRÜSSEL - Deflationsgefahr? - Die EU-Kommission berichtet über die Euro-Zonen-Inflationsrate im Januar.

Mehr lesen über