Sonntag, 8. Dezember 2019

Villa Kellermann in Potsdam So schmeckt es bei Günther Jauch und Tim Raue

Villa Kellermann: Das gemeinsame Restaurant von Tim Raue und Günther Jauch
Nils Hasenau

Es ist Potsdams feinste Ecke: der Heilige See, gegenüber das Marmorpalais, links die Gotische Bibliothek, rechts, hinten den Bäumen, liegt Schloss Cecilienhof, für das Hohenzollern-Chef Georg Prinz von Preußen, Ururenkel des letzten deutschen Kaisers, auf einem Wohnrecht auf den 1920er Jahren beharren soll (die öffentliche Hand sieht das anders). Wer Geld hat, wohnt hier, Herbert Grönemeyer baut. Günther Jauch, Westberliner, 63, kam nach der Wende und zählt wie SAP-Gründer Plattner zu den wichtigsten Mäzenen der Stadt.

In der Friedenskirche hat der Moderator geheiratet, das Deckenmosaik bezahlt, dann eine Million für die Sanierung der Neptungrotte im Schlosspark gespendet, das letzte Werk des Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Nun eröffnet Jauch am 25. September, eine DDR-Ikone als neues Restaurant: die Villa Kellermann - mit Tim Raue (45), dem besten deutschen Koch (Nr. 40) auf der Liste der World's 50 Best Restaurants. Aber elitär soll es nicht sein. Alle sollen hier essen können, wünschte sich Jauch.

Vorspeisen und Desserts kosten 9 bis 19 Euro, die meisten Hauptgänge um die 19 bis 28 Euro. Es gibt Eintopf "Pichelsteiner Art", Raues Königsberger Klopse, die schon Barack Obama schmeckten, Makrele Hausfrauenart, Rindertatarstulle, Bienenstich. Manches kennt man aus "La Soupe Populaire", Hans Georg Näders früherem Tim-Raue-Restaurant in der Bötzowbrauerei, auch die Gastgeberin, Patricia Liebscher. Früher hing der das Portrait Friedrichs II. von Andy Warhol bei den Jauchs, heute an der Wand des Salons "Alter Fritz". Ein warmer Raum: Stuck, Parkett, rote und olivgrüne Sofas, Teppich, goldene Lampen.

Was Tim Raue gerne liest: Buchtipps von Wirtschaftsgrößen und Prominenten

"Klopse am See", schrieb der Tagesspiegel über die neue preußische Küche zu moderaten Preisen. Das Menü "Der gedeckte Tisch" (mit Käsekuchen, Schokopudding oder Bienenstich) kostet 56 Euro. Untypisch für Raue, der es nicht leiden kann, wenn ihm jemand erklärt, was er essen soll: Vegan-Vegetarisches steht auf der Karte. Er ernährt sich selbst inzwischen ein, zwei Tage pro Woche so, serviert mit Küchenchef Christopher Wecker aber auch Entenleberterrine Sanssouci, später "Schweinerei" im Kupfertopf, die man nur löffeln muss: butterweiches Gulasch zum Süßkartoffelpüree mit Kreuzkümmel und roter Paprika.

Jauch: "Irgendwen werde ich immer enttäuschen"

Hier gibt es keine fermentierten Blüten, sondern Klassiker, aber nicht "langweilig", so Tim Raue, in bewährter süßer Schärfe, mit Biss: Eisbein mit Sauerkraut, Ostsee-Kabeljau mit Schmorgurke und Estragon. Rehbuletten aus der Schorfheide, am Wochenende auch Mittagstisch, das Comeback des Sonntagsbratens - kann sich Raue alles vorstellen. Ob's gefällt? "Darum", sagt Raue, "habe ich mich noch nie gekümmert."

Scheint der Richtige zu sein für den Ort, wo der Kulturbund der DDR las, vor Stasi-Spitzeln; die erste Disko der DDR ohne Sperrstunde folgte, "Miezenpalast" hieß sie, weil die schönsten Frauen der Stadt hier tanzten, dann wurde er Rückzugsort der Reichen aus dem Westen. Vor drei Jahren hat Jauch das Haus gekauft. Erst hat Raue ihn nur beraten, nun versuchen sie es gemeinsam: auf der Karte stehen Weine vom Gut an der Saar, das Jauchs Oma, Elsa von Othegraven führte, 2010 kaufte er zurück, was seine Familie 1805 in der Nähe von Trier erwarb. Raue, bei den Großeltern aufgewachsen, schwebt ein Tisch vor, wie bei sonntags bei seiner Großmutter: "Anfangs will ich knabbern, dann ein richtiges Gericht und Nachtisch."

Samtig, gemütlich wollte es Raue, plüschig nennt er es. "Wie bei der reichen Großtante, die ich nie hatte", sagt er. "Die hatte schon Knaster, aber jeder war willkommen." Am Montag hat Günther Jauch Nachbarn ringsum eingeladen, Einladungen in die Briefkästen gesteckt, als Dank für das Ertragen des Baulärms. Draußen sieht man noch Bauzäune, statt Garten braune Erde. Im Blauen Salon mit Blick auf den See aber steht Sekt aus Jauchs Gutskeller, auf die Tapete sind weiße Elefanten gedruckt.

Raues Frau Katharina hat sich vom Reiseband des DDR-Schriftstellers Bernd Kellermann inspirieren lassen. Kellermann hat hier zwar nie gelebt, die Villa wurde nur nach ihm benannt; aber das ist unerheblich. Der große Salon, etwas kühl, ist hellgrün. Lange verfiel die Villa mit der mondänen Freitreppe, dem Garten am Heiligen See, dem feinsten von allen. Eigentlich kann man an solch einem Ort, mit dem alle etwas verbinden, nur alles falsch machen, sagt Jauch. "Die einen wollen eine Disco, die anderen eine Galerie, die dritten ein italienisches Restaurant. Irgendwen werde ich immer enttäuschen."

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