In Europa plötzlich nur noch Nummer zwei Wie der Brexit Großbritanniens Immo-Markt einbrechen lässt

Hotspot London: Der Brexit setzt Großbritanniens Büro- und sonstige Immobilienmärkte unter Druck

Hotspot London: Der Brexit setzt Großbritanniens Büro- und sonstige Immobilienmärkte unter Druck

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

Ein Dreivierteljahr nach der Entscheidung der Briten für den Austritt aus der EU wird immer deutlicher, wie heftig sich dieses Votum auf den britischen Immobilienmarkt auswirkt. So hat das britische Maklerunternehmen Knight Frank errechnet, wie sich die Investmentströme in den europäischen Immobilienmärkten im vergangenen Jahr entwickelt haben.

Ergebnis: Bislang war Großbritannien mit dem Hotspot London der beliebteste europäische Markt bei Immobilieninvestoren, dorthin lenkten sie den größten Teil ihrer Gelder. Doch das hat sich im vergangenen Jahr geändert: Laut Knight Frank brach das Investmentvolumen in britische Immobilien im Jahr 2016 um sage und schreibe 43 Prozent ein. In Deutschland, das ebenfalls bei Anlegern hoch im Kurs steht, gab es nach dem starken Vorjahr zeitgleich einen Rückgang um "lediglich" 14 Prozent.

Die Folge: Mit einem Transaktionsvolumen von 59 Milliarden Euro war 2016 plötzlich Deutschland Europas größter Immobilien-Investmentmarkt. Großbritannien folgt mit 57 Milliarden Euro nur noch auf Rang zwei.

"Der Brexit hat dem Immobilienmarkt Großbritanniens einen Schlag versetzt", sagt James Roberts, Chefvolkswirt von Knight Frank, zu manager magazin online. Eine wichtige Rolle habe dabei der Einbruch des britischen Pfundes unmittelbar nach dem Austrittsvotum gespielt, so Roberts. Das günstigere Pfund lasse zwar britische Immobilien im Ausland erschwinglicher erscheinen. Es dokumentiere aber zugleich den Vertrauensverlust von Investoren in die britische Wirtschaft, der der Entwicklung zugrunde liegt.

Nicht zuletzt verstärkt der Pfund-Sturz auch den Einbruch am britischen Immobilien-Investmentmarkt, wenn man diesen in Euro berechnet - auch dieser kalkulatorische Effekt sollte bei der Betrachtung nicht vergessen werden.

Laut Roberts gab es den größten Einbruch bei der Investorennachfrage nach britischen Immobilien unmittelbar nach der Abstimmung über den EU-Austritt im Sommer 2016, als eine Zeit lang auch auf politischer Ebene in London ein gewisses Durcheinander herrschte. Im vierten Quartal seien die Finanzflüsse dann bereits wieder angestiegen, so dass unterm Strich in absoluten Zahlen gerechnet immerhin noch ein deutlich höheres Investmentvolumen entstanden sei, als beispielsweise in den Krisenjahren 2008 und 2009 sowie im aus Sicht der Euro-Schuldenkrise ebenfalls kritischen Jahr 2011. Nur das besonders starke Ergebnis des Jahres 2015 habe eben nicht erreicht werden können, so Roberts.

Scharfe Warnung von US-Bank Morgan Stanley

Die Darstellung deckt sich mit anderen Beobachtungen, die sich nach dem Brexit-Votum am britischen Finanz- und Immobilienmarkt machen ließen. Bereits unmittelbar nach der Abstimmung im Juni 2016 waren an der Londoner Börse die Aktien von Immobiliengesellschaften eingebrochen. Bis heute notieren viele von ihnen weit unter dem Wert, der aufgrund der Immobilienbestände der Gesellschaften gerechtfertigt erscheinen würde. Mehrere Immobilienfonds mussten seinerzeit zudem vorübergehend die Tore schließen, weil zu viele Investoren gleichzeitig an ihr Geld wollten.

An den Finanzmärkten herrschte offenbar schon unmittelbar nach dem Votum eine Sorge, die sich nach wie vor zu bewahrheiten droht: Der britische Immobilienmarkt könnte zu den Bereichen gehören, in denen sich der Brexit am dramatischsten auswirken wird. Sollte die britische Wirtschaft, wie vielfach erwartet, aufgrund der Abkopplung von der EU schwächeln, so geriete dadurch auch die Nachfrage nach Gewerbe- und Büroflächen unter Druck. Die Folge wären steigende Leerstände sowie Einbrüche bei Preisen und Mieten.

Sehr konkret drohen diese Szenarien bereits in der Finanzindustrie, denn mehrere internationale Banken haben seit dem Brexit-Votum angekündigt, Arbeitsplätze in London im größeren Stil streichen zu wollen. Knight-Frank-Chefvolkswirt Roberts beschwichtigt zwar: Noch sei längst nicht absehbar, in welchem Ausmaß tatsächlich aufgrund des Brexits Jobs bei Banken und Versicherungen abgebaut würden. Außerdem gebe es seit geraumer Zeit große Nachfrage nach Büroraum in London von Seiten internationaler Technologie- und Medienfirmen wie Apple  oder Facebook . Daran dürfte sich auch nach dem Brexit nicht viel ändern, so Roberts.

18 Prozent Discount auf Büros in Großbritannien

Die US-Bank Morgan Stanley warnt jedoch: Die Furcht vor sinkenden Mieten könnte die Immobilienwerte in London um ein Viertel bis ein Drittel einbrechen lassen. Sollten Immobilienbesitzer das Vertrauen in die Vermietbarkeit ihrer Objekte verlieren, so fallen die Preise rapide, schrieb die Bank kürzlich in einem Report. Die nach wie vor bestehenden Aktivitäten im Neubau trügen ihren Teil zu dieser Entwicklung bei.

Sorgen, die offenbar keineswegs aus der Luft gegriffen sind. Wie kürzlich im "Wall Street Journal" zu lesen war, wurden Büroflächen in Großbritannien im vergangenen Jahr bereits zu einem Discount von 18 Prozent gehandelt. Über alle Gewerbeimmobilien betrug der Preisabschlag auf der Insel 2016 demnach 7,5 Prozent. Grund sei die Unsicherheit bezüglich des bevorstehenden EU-Austritts, die auch die Anzahl der Transaktionen signifikant habe zurückgehen lassen, so die Zeitung.

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Foto: aaron tam/ AFP

Wohl gemerkt: All diese Zahlen zeigen die Reaktion der Immobilienmärkte, noch bevor der Austritt Großbritanniens aus der EU überhaupt erfolgt ist. Das Thema wird die Märkte also noch ein lange Zeit beschäftigen - und das ist viel Zeit für weitere Bewegungen bei Preisen, Mieten und Investmentströmen.