Kursrutsch Kaufen oder Laufen - Börsenprofis uneinig

Krieg in der Ukraine, Italien in der Rezession, Argentinien pleite - wie geht es in so einem Umfeld weiter mit dem Dax? Eine Umfrage von manager magazin Online unter Vermögensverwaltern zeigt: Auch die Experten sind unsicher.
Von Arne Gottschalck

Um es vorwegzunehmen - so viel Uneinigkeit war selten. Die eine Hälfte der mit Hilfe der V-Bank befragten Vermögensverwalter gibt sich pessimistisch für den Dax, die andere zeigt sich schon wieder optimistisch. Für Anleger wird es dadurch nicht einfacher.

"Ich bin pessimistisch für den Dax , da Anleger zukünftig verstärkt auf die fundamentalen Unternehmensdaten schauen werden. Enttäuschungen und Kurskorrekturen wie bei Adidas , Lufthansa  und Co. werden zunehmen", sagt Guido vom Schemm, Geschäftsführer von GVS Financial Solutions.

"Auf Sicht der nächsten sechs Monate bin ich optimistisch für den Dax" hält Sascha Anspichler, geschäftsführender Gesellschafter von FP Asset Management, dagegen. "Die Kurskorrekturen der letzten Tage ähneln der Juni-Korrektur 2013: Auch hier wurde die für Langfristanleger wichtige 200-Tage-Linie getestet", sagt Anpichler.

Wie nun, fragt sich der irritierte Anleger. Aktien kaufen oder doch nicht? Schaut man allerdings genauer hin, zeigen die Einlassungen der Vermögensverwalter diejenigen Punkte und Aspekte, auf die sie derzeit besonders achten. Und das kann für Anleger tatsächlich eine Hilfe sein. Ein Überblick.

Die Prüfpunkte der Profis

Frage der Bewertung: Aktien sind derzeit nicht günstig - Unternehmen müssen den überdurchschnittlichen Preis durch hohe Gewinne rechtfertigen

Frage der Bewertung: Aktien sind derzeit nicht günstig - Unternehmen müssen den überdurchschnittlichen Preis durch hohe Gewinne rechtfertigen

Foto: Corbis

Für die Börsenindizes der Welt gibt es seit langem historische Durchschnittswerte. Sie besagen, wie teuer eine Aktie im langjährigen Schnitt ist. Liegt der aktuelle Wert darüber, kann eine Aktie zu teuer sein, liegt er darunter, gilt das Papier in aller Regel als günstig.

Mit Blick auf dieses Argument fallen Aktien derzeit eher in die erste Kategorie. "Ich bin pessimistisch, weil die hohen Bewertungen in den USA, dass auslaufende Anleihekaufprogramm sowie die sich anbahnende Zinswende in Amerika in Verbindung mit verschärften Sanktionen gegenüber Russland den Dax in eine überfällige größere Korrektur münden lässt", sagt Thomas Pfetzing, Geschäftsführer der Aubilia Vermögensmanagement. "So hat selbst Alan Greenspan jüngst vor einer scharfen Korrektur an den Aktienmärkten gewarnt, nachdem sich der Markt 'für eine so lange Zeit so gut gehalten hat'."

Auch Crashpropheten wie Max Otte, Marc Faber u.a. erheben warnend den Zeigefinger. Value-Legenden wie Warren Buffet, Felix Zulauf und J. Montier warnen vor den aktuellen Liquiditäts-Exzessen. Sie raten, dem Aktionismus der Notenbanken eine Portion Skepsis entgegenzusetzen.

Die Signale der Charttechnik

Lineal anlegen: Durch das geometrische Hilfsmittel sollen Trends herausgefunden werden - und die können unterbrochen werden

Lineal anlegen: Durch das geometrische Hilfsmittel sollen Trends herausgefunden werden - und die können unterbrochen werden

Foto: Boris Roessler/ dpa

Charttechnik ist der Versuch, aus dem bisherigen Verlauf eines Börsencharts etwas über dessen Zukunft zu erfahren. Die Zukunft aus der Vergangenheit ableiten - ein durchaus umstrittenes Verfahren.

Trotzdem wird die Charttechnik gern zitiert. "Charttechnisch ist der Markt angeschlagen", sagt zum Beispiel Lothar Koch, Portfoliomanager GSAM + Spee Asset Management. "Wichtige technische Unterstützungslinien wurden gebrochen. Ein Absinken des Dax auf 8400 Punkte ist möglich, da neben der schlechten technischen Situation auch die geopolitischen Krisen, wie die Kriege in der Ukraine und in Gaza den Markt erheblich belasten.

Glasklare Antworten liefert die Charttechnik indes nicht. Das zeigt die Einschätzung von Andreas Müller, Vorstand von perfomance. Sie läuft der seines Konkurrenten Koch diametral zuwider. "Nach dem herben Verlust der letzten beiden Tage und einer Korrektur um 8 Prozent vom Top befinden wir uns schon zwei Tage unterhalb der 200 Tageslinie - und erwarten einen kräftigen Rebound."

Sind Aktien alternativlos?

Aktien, was sonst: Doch will man auf einen Gartenzwerg im Fußballleibchen hören?

Aktien, was sonst: Doch will man auf einen Gartenzwerg im Fußballleibchen hören?

Foto: Boris Roessler/ dpa

Die Leitzinsen der Leitbanken sind niedrig, entsprechend niedrig rentieren auch Anleihen. Immobilien sind auch in Deutschland nicht mehr billig - was bleibt also? Aktien. "Ich bin optimistisch für den Dax, weil Aktien im derzeitigen Nullzinsumfeld gerade auch für institutionelle Investoren (Lebensversicherungen, Pensionsfonds, und so weiter), die eine Mindestrendite brauchen alternativlos sind", sagt Rainer Laborenz, Geschäftsführer Privatinvestor Vermögensmanagement.

Laborenz glaubt, dass die "zittrigen Hände" bereits draußen sind - sprich bereits ihre Bestände verkauft haben. "Insbesondere Unternehmen mit hoher Gewinnberechenbarkeit und solider Dividende werden meiner Meinung nach die "Eigenkapital-Anleihen" der nächsten Jahre werden."

Politische Unsicherheiten überwiegen

Erboster Argentinier: Das Land fühlt sich von den Buitres, den Geiern um Hedgefondsmanager Paul Singer, geplündert

Erboster Argentinier: Das Land fühlt sich von den Buitres, den Geiern um Hedgefondsmanager Paul Singer, geplündert

Foto: REUTERS

Politische Börsen haben kurze Beine, heißt es. Tatsächlich ibt es derzeit viele unklare Entwicklungen auf dem politischen Parkett. Wie geht es zum Beispiel in der Ukraine, in Gaza, in Argentinien oder auch in der Türkei weiter, in der der reformmüde Recep Erdogan sich zum Präsident wählen lassen will? Wie geht es mit dem siechen Italien weiter, das soeben in die Rezession zurückgefallen ist? Immerhin ist Italien die drittgrößte Volkswirtschaft in der Euro-Zone.

"Ich bin eher vorsichtig, denn zur Zeit gibt es einfach zu viele Unsicherheitsfaktoren", sagt Stefan Wallrich von Wallrich Asset Management. "Aufgrund der steigenden Zinsängste in den USA sowie den geopolitischen Risiken rechne ich in den kommenden Monaten eher mit einer Seitwärtsbewegung des Dax."

Die lähmenden Ferien sind bald vorbei - und dann?

Sonne satt: Im Urlaub gilt es, die Seele baumeln zu lassen. Entsprechend wenig geschieht an der Börse

Sonne satt: Im Urlaub gilt es, die Seele baumeln zu lassen. Entsprechend wenig geschieht an der Börse

Foto: Stefan Sauer/ picture-alliance/ dpa

Die Ferien gelten als tote Zeit an der Börse. Wenige Nachrichten treffen auf noch weniger Handel. Doch sind die Ferien vorbei, dann brummt es auch wieder an den Aktienmärkten. Das kann allerdings auch einen beschleunigten Abverkauf bedeutet - bleiben bei wieder steigenden Handelsumsätzen die Verkäufer wie derzeit in der Mehrzahl, könnte sich auch der Abschwung beschleunigen.

"Allen politischen Tagesproblemen zum Trotz sind wir optimistisch für den Dax", sagt Michael Kollenda, Vorstand Salutaris Capital Management. "Die Hauptargumente sind: Nach Ende der Ferienzeit besinnt sich der Markt wieder auf die solide Gewinnentwicklung der Dax-Werte und wir werden im Performance-Dax neue Höchststände erreichen. Gerade die hohen Dividendenzahlungen sind für Anleger interessant: Fünf Unternehmen haben eine Dividendenrendite von mehr als 4 Prozent pro Jahr und acht Unternehmen zahlen mehr als 3 Prozent. Sie schlagen damit jede risikoarme Rentenanlage um Längen."

Zahlen deutscher Konzerne enttäuschen

Vier Sterne für Deutschland: Der Fußball macht es möglich. Doch Unternehmen wie der Sportausrüster Adidas oder der Baukonzern Bilfinger haben zuletzt herbe enttäuscht - die Papiere sind eingebrochen

Vier Sterne für Deutschland: Der Fußball macht es möglich. Doch Unternehmen wie der Sportausrüster Adidas oder der Baukonzern Bilfinger haben zuletzt herbe enttäuscht - die Papiere sind eingebrochen

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Die Börse handelt die Zukunft, fußt aber auf dem, was Unternehmen tatsächlich verdienen. Kein Wunder also, wenn Investoren auf die Bilanzen der Firmen schauen. Und dieser Blick lässt derzeit manchen skeptisch werden. Wolfgang Juds zum Beispiel, Geschäftsführer Credo Vermögensmanagement: "Ich bin skeptisch, was die Dax-Entwicklung in den nächsten Monaten betrifft. Zum einen gab es einige Enttäuschungen bei den Quartalszahlen, wie das Beispiel Adidas  zeigt. Zum anderen haben sich die Geschäftserwartungen eingetrübt, wie der Ifo- und der ZEW-Index zeigen. Die geopolitischen Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten werden Spuren hinterlassen."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.