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Wiktor Wexelberg: Der Doppelagent

Oligarch Wexelberg Der Doppelagent

Geschmeidig stieg Wiktor Wexelberg zum Multimilliardär und Putin-Gehilfen auf. Jetzt soll der gescheiterte Siemens-Chef Peter Löscher das Vermögen des Oligarchen mehren - und in Sicherheit bringen.

Hamburg - Diese Begrüßung durfte jeder sehen. Noch vor dem Portal des Jussupow-Palais fielen Gerhard Schröder und Wladimir Putin einander um den Hals. Der Altkanzler feierte Ende April in St. Petersburg noch einmal seinen 70. Geburtstag, öffentliche Kritik und Spott darüber nahm er in Kauf.

Wiktor Wexelberg (57) war bei Schröders Empfang auch dabei. Aber drinnen, abseits der Kameras. So wie er es am liebsten hat: ganz nah an der Macht. Und weit genug weg, um nicht unnötig in Gefahr zu geraten. Ginge es nach der russischen Protest-Band Pussy Riot, würde er trotzdem bald mit einem Bann des Westens belegt. In einem Aufruf verlangte die Gruppe unlängst schärfere Sanktionen gegen Putins Elite, namentlich auch Wexelberg.

Die Forderung muss er nicht fürchten. Der Mann mit dem Silberbart und der undurchdringlichen Miene agiert zu geschickt, um Strafaktionen anzuziehen. Er ist weder sonderlich prominent, noch fällt er durch Protz auf. Klar besitzt auch er eine 77-Meter-Jacht, Tango genannt, mit 22-Mann-Crew; doch er hält sie hübsch verborgen. Vor allem aber würde es gar nicht so leicht, ihn eben mal auszusperren.

Die Mega -Jacht bleibt verborgen - kein Oligarch hat es weiter gebracht

Kein Oligarch hat es weiter gebracht als er. Mit einem geschätzten Vermögen von 15,1 Milliarden Dollar gilt er als einer der reichsten Russen, womöglich ist er sogar die Nummer eins. Allemal aber der, der am besten im Westen verankert ist. In der Schweiz wird er dank seiner diversen Beteiligungen inzwischen als der bedeutendste Industrielle des Landes geführt.

Und er holt noch weiter aus. Im März engagierte er Peter Löscher (56) als Vorstandschef seiner westeuropäischen Holding Renova Management AG in Zürich. Der ehemalige Siemens-Chef, im vergangenen Juli geschasst, soll Wexelbergs Expansion vorantreiben. Was, fragen sich viele, ist von diesem Russen zu halten? Ist er - um ein Schröder-Wort abzuwandeln - ein lupenreiner Unternehmer? Oder einer, dem man besser mit Vorsicht begegnet? Gar ein Doppelagent?

Wiktor Wexelberg selbst wird schwammig, wenn er über seine unternehmerischen Prinzipien spricht. "Als ich meine ersten Geschäfte tätigte", gab er einmal zu Protokoll, "begann ich zu begreifen, dass vor allem das zwischenmenschliche Vertrauen über Geschäfte entscheidet." Das sei wichtiger als Kenntnisse in Technik und Wirtschaft.

Märchenhafter Aufstieg

Und wenn er erläutert, wie er und die anderen Oligarchen an ihre Milliarden kamen, mutiert er gar zum Märchenonkel. In den Zerfallsjahren der Sowjetunion hätten die erfolgreichen Geschäftsleute gespart, auf die Ausschüttung von Gewinnen verzichtet, alles in Aufbau und Entwicklung der Unternehmen gesteckt. Klingt nach der Altväter Tugend. Wo doch in Wahrheit Beziehungen und skrupelloses Zupacken gefragt waren.

Jedenfalls gelang es dem Doktor der Mathematik, Anfang der 90er Jahre mit dem Handel von Schrott und Computern ein kleines Vermögen zu machen, um sich dann lukrative Anteile der russischen Großindustrie anzueignen - Aluminium, Erdöl, Bergbau, Schwermaschinen, um nur einige Branchen zu nennen. Seine Holding Renova mit Hauptsitz in Moskau hält Anteile an Unternehmen, deren Gesamtwert nach eigenen Angaben 24 Milliarden Dollar beträgt und die 134.000 Menschen beschäftigen.

Renova mit steuersparender Dependance in der Schweiz

Die zweite Phase seines Unternehmerseins begann Wexelberg 2004, als er sich der Schweiz zuwandte. Renova eröffnete eine Schweizer Dependance, die heute in bester Lage in Zürich residiert, und hielt Ausschau nach Okkasionen. Begleitet von Charmeoffensiven des Chefs. Wexelberg trat vor Schweizer Mittelständlern auf, die sich für seinen Vortrag mit einer Kuhglocke bedankten. Er legte sich einen Trachtenanzug zu. Er sorgte für Gastspiele des Mariinsky-Orchesters aus St. Petersburg. "Wirklich angekommen ist er trotzdem nicht", resümiert ein Geschäftsfreund.

Was wohl auch an einer gewissen Fadenscheinigkeit liegt. Da ließ er sich angeblich im Steuerparadies Zug nieder, kaufte für 4,5 Millionen Euro eine Wohnung mit Seeblick. Doch die Nachbarn in der Zuger Weinbergstraße bekamen ihn nie zu Gesicht. Die Behörden schritten ein, Phantomwohnungen sind Ausländern verboten.

Vor Gericht setzte Wexelberg sich zwar durch. Seine Anwälte hatten argumentiert, für einen echten Wohnsitz spreche, dass Frau Wexelberg die Einrichtung selbst ausgesucht habe und ihr Mann großzügig einen lokalen Sportverein fördere; außerdem erwäge er ernsthaft, in ein paar Jahren einen Einbürgerungsantrag zu stellen.

Die Fraternisierung wirkt trotzdem nicht überzeugend. Im russischen Fernsehen stellte der Oligarch einmal klar, dass er in Russland lebe und im Ausland schnell Heimweh bekomme, so ohne den Klang seiner Muttersprache, fern von russischen Büchern, Restaurants, Kinos und Theatern und damit "allem, was mein Leben lebenswert macht".

Trickreicher Investor

Geschäftlich fasste er in der Schweiz deutlich besser Fuß. Gleich drei Industrieperlen hat er unter seine Kontrolle gebracht: die Technikkonzerne Oerlikon  und Sulzer sowie den Edelstahlspezialisten Schmolz + Bickenbach (S+B), gemeinsam rund 7,6 Milliarden Euro Umsatz schwer. Eine Blaupause fürs weitere Vorgehen. Und ein Beleg, wie trickreich Oligarchen Einlass finden, wo eigentlich keiner ist.

Zweimal, bei Oerlikon und Sulzer, kam er durch die Tapetentür - im stillen Pakt mit zwei österreichischen Gelegenheitsfinanziers. Als das Trio genügend Aktien beisammenhatte, verkauften die Österreicher prompt an den Russen.

Bei S+B nutzte Wexelberg die Schwäche eines Großaktionärs. Die Erbenfamilie aus Düsseldorf brauchte Geld für andere notleidende Geschäfte. Wexelberg soll es ihnen beschafft haben und konnte dann mit ihrem Segen bei S+B einsteigen. Obwohl ein Schweizer mehr bot.

Es gab reichlich Ärger in dieser Zeit. Die Schweizer Finanzaufsicht belangte ihn und seine Mitstreiter wegen mutmaßlicher Verstöße gegen Meldepflichten. Doch er kam glimpflich davon. Bei Sulzer wurde das Verfahren gegen Zahlung von 8,2 Millionen Euro eingestellt. Im Fall Oerlikon erreichten seine Anwälte sogar einen Freispruch.

Dienst am Vaterland

Die Händel haben seinen Ruf strapaziert, nicht ruiniert. Im Fall Oerlikon gewann er sogar Ansehen, als er einen drohenden Konkurs infolge der Finanzkrise abwendete und rund 315 Millionen Euro nachschoss. Auch bei der klammen S+B steuerte er Kapital bei. "Wie wir in der Vergangenheit schon bewiesen haben", proklamiert Rolf Schatzmann, einer der wichtigsten Wexelberg-Manager in Zürich, "verstehen wir uns als langfristiger Investor, nicht als Hedgefonds."

Da kann er laute Störgeräusche nicht gebrauchen. Und zügelt schon mal die Eifrigen im eigenen Lager. Das musste leidvoll Manfred Wennemer (66) erfahren. Als Präsident des Verwaltungsrats von Sulzer wollte der frühere Conti-Chef aufräumen und den überforderten Finanzchef zügig austauschen. Der russische Großaktionär war erst einverstanden; und bremste dann wieder - aus Angst vor zu viel Aufsehen. Frustriert warf Wennemer nach nur einem Dreivierteljahr als Sulzer-Aufseher hin.

In taktischer Rücksicht hat Wexelberg viel Übung. Nur so konnte er unter Putin bestehen. Den Vorgaben des Staatschefs fügt er sich so perfekt, dass man ihn als Putins besten Mann bezeichnen könnte. Selbst mal in der Politik mitmischen? "Um Gottes willen", wehrte Wexelberg die Frage eines russischen Journalisten ab, "keine Politik für mich!"

Lieber fällt er mit Dienst am Vaterland auf. Er machte brav mit, als es galt, die Olympiastätten von Sotschi zu bauen. Er holte die Fabergé-Eier der Zaren heim, die nach der Revolution ins Ausland verscherbelt worden waren; ein Manöver, das ihn immerhin 100 Millionen Dollar gekostet hat. Er buhlt wunschgemäß um Investoren für Skolkowo, einen Technologiepark unweit von Moskau.

Nur seine Abstammung schafft ein bisschen Distanz zu Teilen des Establishments. Als Sohn eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter aus der Ukraine traf er immer wieder auf Vorbehalte bei vermeintlich echteren Russen. Als junger Mann habe er Schwierigkeiten gehabt, einen Studienplatz zu bekommen, "ich hatte den falschen Namen". Die Abwertung von damals mag auch eine Triebfeder sein, es allen zu zeigen.

Plötzliche Geldschwemme - und Peter Löscher soll sie anlegen

Das Arrangement mit der Staatsmacht hat sich für ihn ausgezahlt, im wörtlichen Sinn. Denn als Putin daranging, die Ölindustrie wieder unter staatliche Kontrolle zu bringen, musste Wexelberg seinen Anteil an der russischen Nummer drei TNK-BP verkaufen, was ihm knapp sieben Milliarden Dollar einbrachte. Geld, das jetzt insbesondere Peter Löscher anlegen soll.

Kenner setzen das Budget des neuen Topmanns sogar noch höher an, bei bis zu acht Milliarden Euro. Günstige Bedingungen für Löscher, zumal der Job auch sonst angenehm daherkommt. Er muss nicht nach Zürich umziehen und darf vieles von München aus erledigen. Sein Gehalt liegt dem Vernehmen nach auf Siemens-Niveau bei stolzen zehn Millionen Euro jährlich. Und das obwohl Löscher strenggenommen nur den rund 20 Leuten in der Schweizer Holding vorsteht und den Verwaltungsrat von Sulzer führt.

Die Frage ist nur, wie Löscher mit seinen Nebenleuten zurechtkommt. Am besten sicherlich mit Ex-Deutschbanker Josef Ackermann (66), der ebenfalls seit März im Schweizer Renova-Board sitzt. Ackermann hat als Siemens-Aufsichtsrat vehement für Löscher gekämpft.

Schwieriger könnte es mit dem Boardkollegen Wladimir Kuznetsow (52) werden. Der smarte Investmentbanker, der sein Handwerk bei Goldman Sachs  gelernt hat, war bisher Wexelbergs rechte Hand. Im Zweifel wird der Russe immer das größere Vertrauen seines Meisters besitzen.

Löscher muss seine Arbeitsweise umstellen

Löscher, der Wexelberg seit seinen Siemens-Tagen kennt, soll in aller Welt nach Investments spüren. Oder gleich nebenan. So hat sich Renova schon intensiv mit dem Stahlspezialisten VDM beschäftigt, der noch zu ThyssenKrupp  gehört.

Löscher, als Konzernmann große Stäbe gewohnt, muss jedoch seine Arbeitsweise umstellen. Ein paar zusätzliche Manager darf er wohl noch nachziehen, aber vor allem muss er selbst Leistung zeigen. Und das für einen eigentümlichen Chef.

Nach hiesigen Maßstäben agiert der Oligarch wie ein Unternehmer der Wirtschaftswunderjahre: Er sammelt zusammen, was er kriegen kann. Eine übergreifende Idee des Maxi-Konglomerats ist kaum auszumachen, außer, möglichst viel Wert zu ballen.

Als Finanzholding mit Stammsitz in Russland ist seine Renova alles andere als ein stabiles Konstrukt. Lässt sich so etwas weitergeben, etwa an den Sohn und die Tochter, die beide in Yale studiert haben und in den USA leben?

Dem Clanchef wird es in den nächsten Jahren darum gehen, so viel Geld wie möglich in Sicherheit zu bringen - in den Westen. Immerhin: Schon jetzt ist Wexelberg - wie einer seiner westlichen Geschäftspartner konstatiert - mit der "stillen Agenda aller Oligarchen" weiter als alle seine Rivalen.

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