Sal. Oppenheim Prozess Madeleine Schickedanz - eine Frau ist ganz unten

Nicht nur Uli Hoeneß hat sich verzockt: Madeleine Schickedanz verlor durch die Pleite von Arcandor 2009 das Gros ihres Vermögens. Als Zeugin im Sal.-Oppenheim-Strafverfahren präsentierte sich die Ex-Milliardärin als gebrochene Frau. Bittere Wahrheit oder eine wohl kalkulierte Inszenierung?
Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz: Als Zeugin im Oppenheim-Verfahren wirkt sie wie eine hilflose Frau - gleichzeitig fordert sie in einem eigenen Prozess Milliarden von der Deutschen Bank zurück

Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz: Als Zeugin im Oppenheim-Verfahren wirkt sie wie eine hilflose Frau - gleichzeitig fordert sie in einem eigenen Prozess Milliarden von der Deutschen Bank zurück

Foto: Henning Kaiser/ dpa

Köln - Als ihre Tortur nach vier Stunden vorbei ist, geht Madeleine Schickedanz (70) schleppenden Schrittes Richtung Parkhaus. Ihre drei Anwälte flankieren sie, einer von ihnen stützt sie sogar. Ihr Gesicht wirkt wächsern, die Gestalt unter dem erdbraunen Blazer hager und zerbrechlich.

Noch einmal hat sie am Morgen im Landgericht Köln die bitteren Monate und Tage erlebt, als ihr das Familienerbe, der Handelskonzern Arcandor, entglitt und 2009 in die Pleite rutschte. Aus der dreifachen Milliardärin wurde - eine "Hausfrau", wie sich Schickedanz selbst vor Gericht bezeichnet.

Als Zeugin im Strafverfahren gegen vier ehemalige Chefs des Bankhauses Sal. Oppenheim und den Immobilienentwickler Josef Esch gibt sich die Erbin des Quelle-Versandhandels als überforderte Frau, die sich jahrzehntelang vor allem um eine kranke Tochter kümmerte und mit all den Deals rund um ihr Milliardenvermögen nur am Rande befasst war.

Als Klägerin hingegen gibt sich Madeleine Schickedanz knallhart. 1,9 Milliarden Euro fordert sie per Zivilklage von Sal. Oppenheim zurück und damit von der Deutschen Bank , unter deren Fittiche sich das Bankhaus 2010 rettete.

Schickedanz könnte für die Deutsche Bank teurer werden als Kirch

Schickedanz wirft den einstigen Bank-Oberen und deren Partner Esch vor, sie ausgenutzt und betrogen und so ihr Vermögen verspielt zu haben. Würde sie obsiegen, käme ihr Fall das größte deutsche Geldhaus mehr als doppelt so teuer wie dessen jüngster Vergleich mit den Erben des verstorbenen Medienmoguls Leo Kirch.

Naives Opfer oder toughe Businessfrau: Welches Selbst-Bildnis stimmt nun? Davon hängt ab, ob Schickedanz eine Chance hat, ihr Vermögen zumindest teilweise von der Deutschen Bank zurückzubekommen.

Ihr Auftritt als Zeugin im Strafverfahren gegen die Ex-Chefs von Sal. Oppenheim ist für Madeleine Schickedanz somit vor allem der Auftakt zu ihrem eigenen Verfahren, das im Juni ebenfalls am Landgericht Köln beginnen soll.

Die Zeugin wirkt wie eine unsichere, hilflose Frau

Um kurz nach zehn Uhr betritt Madeleine Schickedanz Saal 210. Ihr fahles Gesicht wirkt wie das ihrer eigenen Wachsfigur. Als sie zum Zeugenstuhl geht, drehen sich die Angeklagten kaum nach ihr um, Matthias Graf von Krockow in Reihe eins, Christopher Freiherr von Oppenheim in Reihe zwei, Esch in Reihe drei.

Eine halbe Stunde später schon fällt es schwer zu glauben, dass diese unsichere, hilflose Frau auch nur eine Textilreinigung führen könnte - geschweige denn über ein Milliardenvermögen gebieten. Schickedanz' Stimme klingt dünn, leiernd, manchmal fast wimmernd, immer wieder schluckt sie.

Erzählen soll sie von den Jahren ab 2005, als der Handelskonzern Karstadt-Quelle, dessen Großaktionärin sie war, ums Überleben kämpfte, warum sie mehrmals Kredite bei Sal. Oppenheim aufnahm, um mehr Aktien zu kaufen, warum sie dieses oder jenes unterschrieb, ob sie sich an dieses oder jenes erinnert und was das Motiv bestimmter Transaktionen gewesen sei.

Esch und den Oppenheim-Bankern immer "voll vertraut"

Schickedanz beteuert, sie habe sich eigentlich immer nur "mit Haut und Haaren" um ihre kranke Tochter gekümmert. Ja, dass es auch um Karstadt-Quelle (später Arcandor) schlimm stand, das sei ihr bewusst gewesen, aber sie habe ihrem Berater Esch und den Sal.-Oppenheim-Bankiers "voll vertraut". Immer wieder seufzt sie, sagt, sie fühle sich "überfordert", dass sie damals "konfus" gewesen sei und "ziemlich durcheinander".

Als es Ende September 2008 ganz eng wurde für Arcandor, da vermittelt sie den Anschein, als seien ihr die zeitgleiche Hochzeit eines Sohnes und der Geburtstag einer Tochter wichtiger gewesen als sich um ihr Vermögen zu scheren.

Entscheidend für das Kölner Strafverfahren ist ein Kredit über 380 Millionen Euro, den Schickedanz 2005 bei einer Esch-Firma aufnahm, um weitere Karstadt-Quelle-Aktien zu kaufen. Die Staatsanwaltschaft wirft den Bankiers vor, den Kredit absichtlich über eine Briefkastenfirma namens ADG geschleust zu haben, weil sie so das Klumpenrisiko des Bankhauses mit Arcandor-Engagements verschleiern wollten. Die weisen das zurück.

"Ein eigenes Kopfkissen hast Du schon lange nicht mehr"

Schickedanz sagt aus, die habe nur als "Strohfrau" dienen sollen, weil die Bank selbst keine weiteren Aktien kaufen konnte, ohne zu einem Übernahmeangebot gezwungen zu sein. Esch habe ihr versichert, sie gehe kein Risiko ein, denn bürgen würden für den Kredit mehrere Bank-Gesellschafter. Sie habe gegenüber Esch "immer wieder betont", dass sie keine zusätzlichen Risiken eingehen wolle.

Was genau mit dem so genannten ADG-Kredit erreicht werden sollte, vermag Schickedanz auf mehrfache Nachfrage der Vorsitzenden Richterin Sabine Grobecker nicht recht zu erklären. Nur dass sie dafür nie Zinsen zahlen musste, das weiß sie noch heute genau. Keine Zinsen, kein Kredit, so sieht sie das.

Für Schickedanz ist ihr Ex-Berater Esch der Hauptverantwortliche für ihre Misere. Der habe ihr doch immer gesagt: "Ich bin Tag und Nacht für Dich da." Und sie habe ihm lange vertraut. Mehrfach gesteht sie ein, dass sie selbst Schriftstücke, in denen sie große Teile ihres Vermögens verpfändete, selbst nicht oder kaum gelesen habe, aber stets genau dort unterschrieben habe, wo Esch zuvor seine Paraphe gesetzt hatte. Auch habe Esch Blankobriefpapier von ihr besessen.

Mit den adeligen Bankiers hingegen habe sie nur selten persönlich zu tun gehabt - und wenn, dann habe es immer geheißen: "Wir sind eine Familie, wir sind eine Interessengemeinschaft." Aber die Oppenheims und Ullmans und Krockows seien ja auch nicht so wichtig gewesen, schließlich habe Esch ihr mal gesagt: "Ich bin die Bank. Ich sorge für mehr als die Hälfte des Gewinns. Was da passiert, das bestimme ich mit."

Esch: "Ein eigenes Kopfkissen hast Du schon lange nicht mehr"

Ihre wachsenden Zweifel an der Arcandor- Strategie habe der Fondsentwickler mit einer Mischung aus Beschwichtigungen und Druck entkräftet. Immer wieder hätte er von einem geplanten Verkauf des Handelskonzerns an den spanischen Wettbewerber El Corte Ingles gesprochen. Daran habe sie sogar noch geglaubt, als Arcandor bereits insolvent war.

Mal hätte Esch ihr gesagt, weil die Bafin bei Sal. Oppenheim prüfe, müsse eine "Papierlage" geschaffen werden, deshalb die neuen Unterschriften. Aber als sie im Herbst 2008 bei einem Termin in einem Jet auf dem Kölner Flughafen eingewandt habe, sie wolle keine weiteren Risiken und ein Vermögenspolster als Kopfkissen behalten, habe Esch ihr gedroht: "Ein eigenes Kopfkissen hast Du schon lange nicht mehr."

Das alles ergibt das Bild von der gutgläubigen Milliardenerbin Madelaine, die mit ihren Geschäften heillos überfordert war und von Esch & Co. ausgenutzt wurde. Kann sie das auch im Zivilverfahren glaubhaft machen, sieht sie vielleicht ein paar Hundert Millionen ihrer verlorenen Euro wieder.

Die Widersprüche der Zeugin

Aber Schickedanz verstrickt sich auch in Widersprüche. Sie sagt, sie sei oft misstrauisch gewesen, aber sie unterschrieb alles, was ihr Esch hinlegte, ohne es zu lesen oder zu verstehen. Sie sagt, der ADG-Kredit sei für sie "kein Darlehen" gewesen, aber sie unterzeichnete einen Darlehensvertrag. Sie sagt, sie habe schon früh keine zusätzlichen Risiken bei Arcandor eingehen wollen, aber sie aber unterschrieb Pfändungen für große Teile ihres Vermögens.

Sie sagt als Zeugin vor der Staatsanwaltschaft aus und paraphiert jede Seite der Mitschrift ihrer Aussage, aber sie weiß nicht, ob sie das Protokoll jemals gelesen hat. Und sie hat eine Klage über 1,9 Milliarden Euro einreichen lassen, die sie rehabilitieren und ihr das Vermögen zurückbringen soll, aber die Klageschrift selbst will sie kaum gelesen haben.

Man kann so etwas als Bequemlichkeit desjenigen auslegen, der für so etwas eben kompetente Berater hat und sich um das Kleinklein des Vermögensverwaltens nicht kümmern mochte. Man kann aber auch Zweifel bekommen, ob Madeleine Schickedanz, einzige Tochter des genialen Fürther Unternehmerehepaares Gustav und Grete, überhaupt jemals wirklich geschäftsfähig gewesen ist. Und vielleicht soll man das ja auch.

Zwischen Mitleid und Schadenfreude

Zum Schluss kommt im Gerichtssaal noch ein Interview zur Sprache, das die Bild-Zeitung im Juli 2009 - kurz nach der Insolvenz von Arcandor - von Schickedanz abdruckte. Ein Anwalt von Christopher von Oppenheim Schickedanz führt ihr vor, dass sie dort behauptet habe, sie hafte mit ihrem ganzen Vermögen, obwohl sie doch nun sage, dass ihr gar nicht klar gewesen sei, dass für den ADG-Kredit etwa ihr Vermögen als Pfand herhalten sollte

Und warum sie denn damals nicht bereits Esch und die Bankiers Täuschung vorgehalten habe?

Als sie beteuert, doch damals noch immer Vertrauen gehabt zu haben zu Esch und den Kölner Bankiers, wirkt Madeleine Schickedanz fast wie ein kleines Kind, das nicht glauben kann, in welchen Schlamassel es da hinein geraten ist. Man kann Mitleid empfinden für eine Frau, die als Unternehmerin geboren wurde, ohne es zu sein - oder Schadenfreude über eine Ex-Milliardärin, die zu bequem war, ihre Interessen zu vertreten, und sich am Ende verzockt hat.

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