Samstag, 25. Januar 2020

Kiel-Economics-Chef "EZB wird nicht vor 2015 die Zinsen straffen"

EZB-Zentrale in Frankfurt: Von der Zinspolitik der Zentralbank hängt ab, wie sich der Immobilienmarkt entwickelt

Wirtschaftsaufschwung, Zuwanderung - und vor allem niedrige Zinsen: Carsten-Patrick Meier, Chef des Forschungsinstituts Kiel Economics, erläutert, weshalb er bis mindestens 2017 steigende Immobilienpreise erwartet - und was an dem Markt danach passieren könnte.

mm: Herr Meier, für das manager magazin haben Sie exklusiv eine Prognose zum deutschen Immobilienmarkt erstellt. Darin sagen Sie bis mindestens 2017 weiter steigende Preise für Häuser und Wohnungen voraus. Welche Haupttreiber sehen Sie dafür?

Meier: Wir haben in Deutschland einen Wirtschaftsaufschwung. Das sehen wir momentan vielleicht noch nicht so deutlich an den Zahlen, aber für nächstes Jahr sind sich die Ökonomen einig, dass wir wieder Zuwachsraten in der Nähe von 2 Prozent bekommen werden. Dass es wirtschaftlich bergauf geht, ist sicher ein wesentlicher Treiber.

mm: Aber nicht nur das.

Meier: Nein, es kommen eine Reihe von immobilienspezifischen Faktoren hinzu. Der maßgebliche ist das niedrige Zinsniveau. Das bedeutet zum einen, dass die Finanzierung von Immobilien sehr günstig ist. Zum anderen heißt es aber auch, dass die Opportunitätskosten sehr niedrig sind, sprich: Man weiß nicht wohin mit dem Geld. Da bieten sich Immobilien an, die als sicher gelten. Diese niedrigen Zinsen werden uns noch einige Jahre begleiten.

mm: Damit sprechen Sie einen entscheidenden Punkt an: Welches künftige Zinsszenario haben Sie Ihrer Prognose zugrunde gelegt?

Meier: Wir haben dabei zwei Aspekte zu berücksichtigen. Das eine ist: Was macht die EZB. Das andere: Was passiert in der Euro-Schuldenkrise. Die EZB wird wahrscheinlich nicht vor 2015 anfangen die Zinsen zu straffen und auch dann nur sehr vorsichtig vorgehen. Das liegt daran, dass die Wirtschaft im übrigen Euro-Raum weiterhin außerordentlich schwach ist. Das heißt, wir werden im Euro-Raum wahrscheinlich nicht vor 2017, 2018, wahrscheinlich erst 2019 auf ein neutrales Zinsniveau kommen. Neutral wäre ein Leitzins auf dem Niveau des nominalen Wirtschaftswachstums, also etwa 3,5 Prozent.

mm: Und die Schuldenkrise?

Meier: Die hat dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren viel Kapital nach Deutschland geströmt ist. Im Zuge der Beruhigung der Krise ist das Kapital nun zum Teil wieder abgezogen worden. Das wird sich auch in dieser Richtung fortsetzen und wirkt leicht zinssteigernd. Dadurch wird aber lediglich die extreme Übertreibung der vergangenen beiden Jahre korrigiert. Es ändert nichts an der insgesamt bestehenden Tendenz zu niedrigen Zinsen.

mm: Bedeutet das auch, dass abseits des Immobilienmarktes ebenfalls die Preise steigen, dass also - wie bereits vielfach prognostiziert - die Inflation anziehen wird?

Meier: Richtig, wir werden insgesamt in Deutschland einen beschleunigten Anstieg des Preisniveaus sehen. Bei den Löhnen beziehungsweise den Lohnstückkosten ist dies bereits zu erkennen. Da beobachten wir seit 2007 eine deutliche Beschleunigung. Inzwischen haben wir dort Steigerungsraten im Bereich von 2 Prozent, mit weiter steigender Tendenz. Das heißt, wir werden in Deutschland Inflationsraten sehen, die über dem EZB-Zielwert von 2 Prozent liegen.

mm: Wie weit darüber?

Meier: Ich würde 3, vielleicht auch 3,5 bis 4 Prozent nicht ausschließen.

mm: Insofern muss man also den Anstieg der Immobilienpreise relativieren, wenn er mit einer allgemeinen Geldentwertung einhergeht.

Meier: Ganz genau. Es bleibt zwar trotzdem ein realer Anstieg der Immobilienpreise. Aber ein Plus von 8 oder 10 Prozent ist real weniger, wenn man eine allgemeine Preissteigerungsrate von 3 Prozent oder mehr ins Kalkül zieht.

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