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Zukunft der Globalisierung Die zwei Camps der deutschen Wirtschaft

Die Globalisierung geht nicht zu Ende. Aber sie verändert sich grundlegend. Daten und digitale Dienste verdrängen Warenströme. Kleinere Staaten und Unternehmen bekommen große Probleme.
Eine Kolumne von Henrik Müller
aus manager magazin 2/2023
Bis zu 18.000 Pakete in einer Stunde: Roboter sortieren Warenpakete in einem chinesischen Unternehmen in Zhengzhou

Bis zu 18.000 Pakete in einer Stunde: Roboter sortieren Warenpakete in einem chinesischen Unternehmen in Zhengzhou

Foto: SIPA Asia / ZUMA Wire / action press

Der Erste Weltkrieg markiert gleich aus mehreren Gründen einen radikalen Bruch in der Geschichte. Es begann nicht nur die erste große militärische Auseinandersetzung, die mit industriellen Mitteln geführt wurde und bis dahin unvorstellbares Leid verursachte. Auch die offene Wirtschaftsordnung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zerfiel.

Heutige Historiker bezeichnen diese Phase als erste Globalisierung. Sie begann um 1870 und dauerte bis zur Mobilmachung im Sommer 1914. Der internationale Handel blühte, die Verflechtungen der Kapitalmärkte wurden dichter. Ein "goldenes Zeitalter" der Sicherheit und der Vernunft sei diese Epoche gewesen, schrieb der Schriftsteller Stefan Zweig Jahrzehnte später in seinem Buch "Die Welt von Gestern", in dem er für folgende Generationen festhalten wollte, was damals verloren gegangen war: Fortschritt, Wohlstand und friedlicher Ausgleich innerhalb und zwischen den Staaten. Dann zerstob diese Ordnung in einem großen Knall.

Mehr als sieben Jahrzehnte vergingen, bis die Staaten der Welt einen neuen Anlauf wagten. Die große Grenzöffnung von 1990, in Europa symbolisiert durch den Fall der Mauer, war ein Wendepunkt. Rund um den Globus integrierten sich abermals bis dahin weitgehend geschlossene Volkswirtschaften in internationale Märkte. Doch die Schatten der Vergangenheit sind präsent geblieben: Erinnerungen an die Katastrophe von 1914 und ihre generationenlangen ökonomischen Folgen begleiten die zweite Globalisierung.

Anlässe gab es einige: Als 2001 al-Qaida die Twin Towers einstürzen ließ, schien eine neue Ära des Terrors und der Unsicherheit zu beginnen, die, so die damaligen Befürchtungen, die internationalen Wirtschaftsverflechtungen massiv schwächen würden. Die Finanzkrise von 2008 und die anschließende schwere Rezession nährte die Erwartung, die Globalisierung könnte in einer Welle von Protektionismus untergehen, weil sich in Krisenzeiten jede Gesellschaft eben doch selbst die nächste ist.

Später geißelte Donald Trump (76) als US-Präsident das Freihandelsparadigma und begann eine Reihe von dramatisch inszenierten Handelsauseinandersetzungen. Corona offenbarte die Verletzlichkeit von Lieferketten, verbunden mit Warnungen, dass die internationale Arbeitsteilung dauerhaft Schaden nehmen könnte.

All diesen Rückschlägen zum Trotz ging die Globalisierung weiter. Die internationale Arbeitsteilung und die damit einhergehenden Verflechtungen wurden immer dichter; im Trend wuchsen die Volumina im Handel mit Gütern und Dienstleistungen schneller als die Wertschöpfung. Zwischenzeitliche Rückschläge waren rasch ausgebügelt.

Klar, der große Schwung der 90er und 2000er Jahre ist vorbei. Aber bislang ist von einer Deglobalisierung in den Zahlen wenig zu sehen. Wir haben es nicht mit einer Entflechtung der Weltwirtschaft zu tun, sondern mit einer Verlangsamung der Integration, sowohl auf den Güter- als auch auf den Kapitalmärkten.

"Die Ära der Postglobalisierung beginnt"

Das kein Drama, sondern im Rahmen des Plausiblen. Die entscheidende Frage ist, wie es weitergeht.

In der deutschen Wirtschaft gibt es nach meiner Beobachtung zwei Camps: unverdrossene Globalisierer und verunsicherte Re-Shorer. Die erste Gruppe von Unternehmen setzt nach wie vor auf globale Expansion, gerade in China.

Die zweite Gruppe sucht nach Auswegen: Rückbau in China und anderen schwierigen Märkten, Fokussierung auf Europa und Nordamerika. Denn der russische Angriff auf die Ukraine, die chinesische Unterstützung für das Regime Wladimir Putins (70) und die Sanktionen des Westens lassen die Konturen einer neuen Blockbildung aufscheinen. Wie durchlässig die Grenzen dieser Blöcke sein werden und wie verlässlich Liefer- und Kapitalverflechtungen unter den veränderten Bedingungen sein können, ist offen. Mächtige Großkonzerne wie BASF oder die großen Autobauer glauben offenkundig, mit solchen geopolitischen Unwägbarkeiten besser umgehen zu können als mancher Mittelständler.

Vieles spricht dafür, dass der internationale Austausch seinen Charakter verändert – die Ära der Postglobalisierung beginnt. Das heißt: Der Handel mit Waren und Dienstleistungen bleibt auf hohem Niveau, intensiviert sich aber nicht weiter. Ins Zentrum rückt der Austausch von Daten und geistigem Eigentum, etwa von Patenten, Designs, Software oder Markenrechten, wie eine Studie des McKinsey Global Institute zeigt. Auch Migrationsbewegungen bleiben auf der Agenda.

Datenströme ergänzen den Handel mit physischen Produkten: Maschinen, Autos oder Bauteile der IT-Infrastruktur übertragen Daten an Hersteller und Dienstleister, werden überwacht, gewartet und upgedatet. Ein Handelsgeschäft ist nicht mehr unbedingt mit dem Tausch Ware gegen Geld abgeschlossen. Vielmehr begründet es häufig eine längerfristige Austauschbeziehung, die den Transfer sensibler Informationen beinhaltet. Digitale Dienstleistungen, erbracht von automatisierten Systemen – der Ökonom Richard Baldwin spricht von "Globotics" –, schaffen eine neue Qualität der Kontinente umspannenden Vernetzung.

Neue Fragen rücken ins Zentrum. Kann man seinen Geschäftspartnern vertrauen? Haben alle an einem Deal beteiligten Länder vergleichbare Rechtsnormen? Ist es möglich, dass Daten zu geostrategischen Zwecken ausgenutzt werden? Könnte beispielsweise China im Konfliktfall westliche Mobilfunknetze stören, für die chinesische Firmen zentrale Bauteile geliefert haben? Vertrauen und Rechtssicherheit werden digitale Handelsströme bestimmen. Wegen solcher Sorgen dürfte sich der Austausch vornehmlich auf Partner innerhalb des jeweiligen Blocks beschränken. Parallel dazu dürfte sich der grenzenlose Handel mit einfacheren Industrieprodukten, Rohstoffen und Nahrungsmitteln fortsetzen.

In diesem Zwei-Kreise-Szenario bilden die USA und die EU das eine Gravitationszentrum, China das andere. Die übrigen Länder scharen sich um diese beiden Fixpunkte. Manche werden wegen ihrer geografischen Nähe keine andere Chance haben, als sich einem Lager anzuschließen. Zentralasien beispielsweise wird sich wohl auf China ausrichten müssen. Andere werden versuchen, zwischen den Blöcken zu lavieren, was bei zunehmender Datenlastigkeit der Wirtschaft schwierig wird. Indien als bedeutender IT-Standort, der inzwischen auch bei der Hardwareproduktion China Konkurrenz macht, wird sich wohl dem westlichen Kreis anschließen müssen.

Multinationale Konzerne werden die zunehmende politische Komplexität eher managen können und jeweils getrennte Daten- und Know-how-Plattformen betreiben. Kleinere Unternehmen werden sich unter den veränderten Bedingungen auf ihre jeweilige heimatliche Sphäre beschränken müssen. Insofern haben sowohl die unverdrossenen Globalisierer als auch die verunsicherten Re-Shorer recht.

Sicher, auch ein totaler Zerfall der integrierten Weltwirtschaft ist immer noch möglich. Es ist denkbar, dass die Systemgegensätze sich weiter verschärfen und der Nationalismus abermals die Oberhand gewinnt, sodass sich die Zollschranken rund um den Globus senken. Die politischen Risiken eines solchen Kurses sind jedoch enorm. Die Macht der Despoten basiert heute maßgeblich auf dem Versprechen wachsenden Wohlstands. Wären sie auf die Enge nationaler Märkte zurückgeworfen, hätte das empfindliche materielle Folgen für ihre Untertanen – und damit für die Legitimität ihrer Herrschaft.

Ich halte deshalb das Szenario einer Postglobalisierung für das wahrscheinlichste. Es ist ein Zwischenzustand zwischen Freihandel und vornehmlich sicherheitspolitisch motiviertem Protektionismus – ein schmutziger Kompromiss. Ungeordnet wie die Welt sich heute darstellt, ist es vielleicht die beste erreichbare Option.

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