Samstag, 4. April 2020

Zukunftstrends Demografie, Klimawandel, digitales Geld Warum die Alten die Zinsen unten halten

Die 1920er-Jahre werden gern als die "Goldenen Zwanziger" verklärt, endeten jedoch in einem wirtschaftlichen und politischen Desaster. Kein Mensch kann heute sagen, wie die 2020er enden werden. Doch es lässt sich erahnen, welche Themen im bevorstehenden Jahrzehnt im Fokus stehen werden. Es wäre vermessen, an dieser Stelle zu einer umfassenden Antwort anzusetzen, stattdessen greift dieser Text subjektiv einige Trends heraus, die vor allem die Anleger in den kommenden Jahren bewegen dürften: demografischer Wandel, Digitalisierung samt der daraus resultierenden ethischen Fragen, Zinsen, Inflation und Klimawandel. All diese Themen sind im Übrigen miteinander verknüpft, zum Teil durchaus überraschend. So sorgt die Alterung der Gesellschaft beispielsweise dafür, dass die Zinsen auf absehbare Zeit niedrig bleiben.

Cyrus de la Rubia
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    Hamburg Commercial Bank
    Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank in Hamburg, wo er globale Trends an den Währungs- und Zinsmärkten analysiert. Außerdem ist er in der wirtschaftspolitischen Beratung für Schwellenländer tätig und war viele Jahre Dozent an der Frankfurt School of Finance und Management. Zudem ist er Autor des Buches "Unser Geld in der Krise".

Deutschland altert - unumkehrbar

In den vergangenen Jahren ist die Erwerbsbevölkerung in Deutschland dank der hohen Zuwanderung sogar gestiegen. Doch im neuen Jahrzehnt werden die sogenannten Babyboomer in den Ruhestand eintreten und den (Über-) Alterungsprozess der Bevölkerung spürbar, sichtbar und voraussichtlich unumkehrbar machen. Waren 2018 noch 51,8 Millionen Menschen zwischen 20 und 66 Jahre alt und damit im typisch erwerbsfähigen Alter, sinkt dieser Wert bis 2035 um rund vier bis sechs Millionen - trotz einer angenommenen positiven Nettozuwanderung. Diese Entwicklung ist grundsätzlich ein globales Phänomen, aber in Deutschland besonders ausgeprägt. Für Unternehmen bedeutet das eine Verschärfung des Fachkräftemangels, kleine und mittelständische Firmen werden sich noch schwerer tun als heute, Nachfolgelösungen zu finden, und natürlich belastet diese Entwicklung auch die Sozialausgaben in massiver Weise, insbesondere die Pflege- und die Rentenkasse. Auf volkswirtschaftlicher Ebene heißt das: weniger Wachstum und damit in Summe auch weniger Wohlstand.

Keine Angst vor Robotern

Vollkommen machtlos ist die Gesellschaft gegenüber diesen Entwicklungen jedoch nicht: Die Politik kann gegensteuern, in dem sie verstärkt in Bildung investiert, so dass die Leistungsfähigkeit der arbeitenden Menschen steigt und der demografische Effekt zumindest teilweise kompensiert werden kann. Technologie und Automatisierung sind ebenfalls Bausteine, mit denen der Fachkräftemangel bekämpft werden kann. Roboter etwa werden in Japan schon seit Längerem in der Altenpflege eingesetzt - und dürften angesichts des Pflegenotstands auch hierzulande Einzug halten. Während die Automatisierung in der Industrie seit der Erfindung der Dampfmaschine zum (Arbeits-)Alltag gehört, werden zunehmend auch komplexe Dienstleistungen wie etwa Fremdsprachenübersetzungen, das Schreiben einfacher journalistischer Texte oder die juristische Textanalyse zunehmend von digitalen Assistenten erbracht. Dieser Trend wird sich fortsetzen, aber nicht unbedingt auf Kosten einer höheren Arbeitslosigkeit, sondern als Ersatz für die schrumpfende Erwerbsbevölkerung. Hinzu kommt die Automatisierung eher trivialer Tätigkeiten etwa durch Rasenmäherroboter oder vollautomatische Staubsauger.

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