Cyrus de la Rubia

Zukunftstrends Demografie, Klimawandel, digitales Geld Warum die Alten die Zinsen unten halten

Cyrus de la Rubia
Von Cyrus de la Rubia
Foto: DPA

Die 1920er-Jahre werden gern als die "Goldenen Zwanziger" verklärt, endeten jedoch in einem wirtschaftlichen und politischen Desaster. Kein Mensch kann heute sagen, wie die 2020er enden werden. Doch es lässt sich erahnen, welche Themen im bevorstehenden Jahrzehnt im Fokus stehen werden. Es wäre vermessen, an dieser Stelle zu einer umfassenden Antwort anzusetzen, stattdessen greift dieser Text subjektiv einige Trends heraus, die vor allem die Anleger in den kommenden Jahren bewegen dürften: demografischer Wandel, Digitalisierung samt der daraus resultierenden ethischen Fragen, Zinsen, Inflation und Klimawandel. All diese Themen sind im Übrigen miteinander verknüpft, zum Teil durchaus überraschend. So sorgt die Alterung der Gesellschaft beispielsweise dafür, dass die Zinsen auf absehbare Zeit niedrig bleiben.

Cyrus de la Rubia
Foto: Hamburg Commercial Bank

Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank und deckt dort von der Konjunkturanalyse über Zins- und Währungsmärkte bis zur Tokenökonomie ein breites Themenspektrum an Themen ab. Modernes Geld und Zentralbanken gehören zu seinen Schwerpunkten, außerdem ist er in der wirtschaftspolitischen Beratung für Schwellenländer tätig und war viele Jahre Dozent an der Frankfurt School of Finance and Management.

Deutschland altert - unumkehrbar

In den vergangenen Jahren ist die Erwerbsbevölkerung in Deutschland dank der hohen Zuwanderung sogar gestiegen. Doch im neuen Jahrzehnt werden die sogenannten Babyboomer in den Ruhestand eintreten und den (Über-) Alterungsprozess der Bevölkerung spürbar, sichtbar und voraussichtlich unumkehrbar machen. Waren 2018 noch 51,8 Millionen Menschen zwischen 20 und 66 Jahre alt und damit im typisch erwerbsfähigen Alter, sinkt dieser Wert bis 2035 um rund vier bis sechs Millionen - trotz einer angenommenen positiven Nettozuwanderung. Diese Entwicklung ist grundsätzlich ein globales Phänomen, aber in Deutschland besonders ausgeprägt. Für Unternehmen bedeutet das eine Verschärfung des Fachkräftemangels, kleine und mittelständische Firmen werden sich noch schwerer tun als heute, Nachfolgelösungen zu finden, und natürlich belastet diese Entwicklung auch die Sozialausgaben in massiver Weise, insbesondere die Pflege- und die Rentenkasse. Auf volkswirtschaftlicher Ebene heißt das: weniger Wachstum und damit in Summe auch weniger Wohlstand.

Keine Angst vor Robotern

Vollkommen machtlos ist die Gesellschaft gegenüber diesen Entwicklungen jedoch nicht: Die Politik kann gegensteuern, in dem sie verstärkt in Bildung investiert, so dass die Leistungsfähigkeit der arbeitenden Menschen steigt und der demografische Effekt zumindest teilweise kompensiert werden kann. Technologie und Automatisierung sind ebenfalls Bausteine, mit denen der Fachkräftemangel bekämpft werden kann. Roboter etwa werden in Japan schon seit Längerem in der Altenpflege eingesetzt - und dürften angesichts des Pflegenotstands auch hierzulande Einzug halten. Während die Automatisierung in der Industrie seit der Erfindung der Dampfmaschine zum (Arbeits-)Alltag gehört, werden zunehmend auch komplexe Dienstleistungen wie etwa Fremdsprachenübersetzungen, das Schreiben einfacher journalistischer Texte oder die juristische Textanalyse zunehmend von digitalen Assistenten erbracht. Dieser Trend wird sich fortsetzen, aber nicht unbedingt auf Kosten einer höheren Arbeitslosigkeit, sondern als Ersatz für die schrumpfende Erwerbsbevölkerung. Hinzu kommt die Automatisierung eher trivialer Tätigkeiten etwa durch Rasenmäherroboter oder vollautomatische Staubsauger.

Der Plattformökonomie Grenzen setzen

Letztere werfen jedoch wie die zunehmende Vernetzung von Häusern und Wohnungen (Smart Home) durch Konzerne wie Google oder Amazon grundlegende ethische Fragen auf. Wie lässt sich die Privatsphäre wirksam schützen? Gerät der freie Wille des einzelnen Menschen durch die künstliche Intelligenz der Algorithmen in Gefahr? Oder ist es legitim - um nur ein Beispiel übergriffiger Internetgiganten herauszugreifen -, wenn der Saugroboter nebenbei die Wohnung vermisst, Fotos schießt und ein Technologiekonzern diese Daten anschließend an Immobilienmakler, Möbelhäuser oder Versicherungen verkauft? Den enormen Produktivitätsgewinnen, die die neuen, von den Plattformunternehmen ins Leben gerufenen Innovationen grundsätzlich ermöglichen, wird in den kommenden Jahren zunehmend die Frage gegenüberstehen, ob die massive Akkumulation von privaten Daten in den Händen einiger weniger Unternehmen gewollt ist. Es ist gut möglich, dass sich Widerstand gegen die monopolistischen Marktstrukturen der Plattformökonomie bildet und die Europäische Kommission (oder auch die US-Regierung) regulatorisch beziehungsweise kartellrechtlich eingreift.

Das Geld wird digital

Dass es in diesem Umfeld ausgerechnet Facebook gelingen soll, der von Konzernchef Mark Zuckerberg initiierten Kryptowährung Libra in absehbarer Zeit Leben einzuhauchen, erscheint auf den ersten Blick abwegig. Das Konzept ist jedoch bestechend, da es unter anderem internationale Zahlungen erheblich erleichtern würde, die insbesondere für Migranten - Wanderungsbewegungen werden voraussichtlich zunehmen - von großer Bedeutung sind. Mit anderen Worten: Selbst wenn Facebook nicht Teil des Libra-Projektes bleibt, werden vermutlich andere Unternehmen das Konzept aufgreifen und verwirklichen. Das ist auch den meisten Zentralbanken bewusst, was der Grund dafür sein dürfte, dass sich diese Institutionen konkret Gedanken über die Einführung einer digitalen Zentralbankwährung machen, um ihr Geldmonopol nicht zu verlieren. Am Ende der 2020er-Jahre könnte das Geld fast vollständig digital sein; Bargeld dürfte zwar noch existieren, aber vermutlich nur noch in kleinen Denominationen. Und für junge Leuten wird es ein Relikt aus alten Zeiten sein ("Das ist sowas von 2010er!").

Alternde Gesellschaften haben niedrige Zinsen

Wer über Geld spricht, spricht in der Regel auch von Zinsen. Werden sie in den 2020ern endlich wieder ansteigen? Die in allen Industrieländern und den meisten aufstrebenden Volkswirtschaften ungünstige demografische Entwicklung spricht eher dagegen. Denn die Tatsache, dass die Menschen immer älter werden, bedeutet, dass sie mehr sparen. Diese Ersparnis will angelegt werden, das heißt, die Jagd nach Rendite setzt sich bis auf Weiteres fort - und das drückt das Zinsniveau weiterhin nach unten. Bleibt das Wirtschaftswachstum schwach - und bei einer alternden Bevölkerung ist genau das zu erwarten -, dürfte zugleich die Inflation niedrig bleiben. Dazu trägt im Übrigen auch die Digitalisierung bei.

In Stein gemeißelt ist diese Entwicklung allerdings nicht: Die Deglobalisierung in Gestalt zunehmender Handelskriege und nationaler Abschottungstendenzen sowie gesetzliche Notmaßnahmen gegen den Klimawandel und die damit verbundenen Kosten könnten in den kommenden Jahren zu einem Preisauftrieb führen, der dem oben genannten Effekt entgegen wirkt. Entsprechend würden dann auch die Zinsen reagieren - und dementsprechend wieder steigen.

Der Klimawandel kann alles verändern

Der Klimawandel hat von allen globalen Trends die größte Aussicht, zum bestimmenden Thema der 2020er-Jahre zu werden. Selbst in Australien, dessen Regierung es bis vor Kurzem noch strikt ablehnte, sich dieser Herausforderung ernsthaft zu stellen, findet angesichts der verheerenden Buschbrände offensichtlich ein Umdenken statt. Sommerdürren und Überschwemmungen wird sich niemand wünschen, sie könnten aber, wenn sie weiterhin in massierter Form auftreten, auch in unseren Breitengeraden zu einem radikalen Schwenk in der Klimapolitik führen.

Wir haben es in der Hand

Es werden spannende 2020er-Jahre, so viel ist sicher. Von den wichtigsten Entwicklungen konnten an dieser Stelle nur einige angerissen werden konnten. Entscheidend für alle ist allerdings: Wir sind ihnen nicht ausgeliefert, sondern können sie aktiv mitgestalten - sowohl im persönlichen Handeln als auch in der Politik. Dessen sollten wir uns stets bewusst sein. Die "Zwanziger" müssen nicht erneut im Desaster enden.

Cyrus de la Rubia ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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