Alle Antworten Was Sie über die künftige Zinsentwicklung wissen sollten

Können sich Sparer auf steigende Zinsen freuen? Müssen Kreditnehmer sie fürchten? Wann kommt endlich das Ende der Negativzinsen? Diese und andere Fragen stellen sich jetzt, weil Notenbanken auf steigende Inflationsraten reagieren. Hier sind die Antworten.
Zinsen im Fokus: Am Finanzmarkt steigt das Zinsniveau – welche Folgen hat das

Zinsen im Fokus: Am Finanzmarkt steigt das Zinsniveau – welche Folgen hat das

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Spätestens seit dieser Woche ist das Z-Wort wieder in aller Munde: Zinswende. Jahrelang hielten Notenbanken rund um den Globus die Zinsen auf niedrigstem Niveau. Doch anziehende Inflationsraten sorgen seit Monaten für ein Umdenken. Die US-Zentralbank Fed etwa hat für dieses Jahr mehrere Zinsschritte in Aussicht gestellt. Am Mittwoch dieser Woche kündigte Fed-Chef Jerome Powell (68) mehr oder weniger deutlich den Start dieser Zinserhöhungen an: Der zuständige Offenmarktausschuss der Notenbank sei "geneigt", die Leitzinsen beim nächsten Treffen des Gremiums Mitte März anzuheben, sagte Powell. Wenn "die Bedingungen dafür angemessen sind".

Es geht also los. Zumindest in den USA und anderen Ländern. In Großbritannien etwa überraschte die Bank of England bereits Mitte Dezember mit der ersten Erhöhung der Leitzinsen seit drei Jahren. Die Europäische Zentralbank (EZB) dagegen, die über das Zinsniveau in der gesamten Euro-Zone wacht, hält sich bislang zurück. Mit Verweis auf die Erwartung, dass es sich bei den hohen Inflationsraten zum Großteil um ein vorübergehendes Phänomen handele, will die EZB im laufenden Jahr nicht an der Zinsschraube drehen.

Allerdings sind die Finanzmärkte längst globalisiert und eng vernetzt. Der weltweite Trend zu höheren Zinsen ist auch in der Euro-Zone sowie in Deutschland angekommen. Das zeigte sich deutlich Mitte Januar, als die Rendite der Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit in den positiven Bereich drehte – erstmals seit Mai 2019. Zum Vergleich: Im Dezember betrug die Rendite dieser viel beachteten Papiere noch minus 0,4 Prozent, und vor etwa einem Jahr waren es minus 0,55 Prozent.

Ist dies also wirklich die Zinswende, die Sparer seit Langem herbeisehnen, und die Börsianer eher fürchten? Was kommt angesichts der Entwicklung auf Privatanleger in den kommenden Monaten zu? Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen, die sich im Zusammenhang mit Zinsen jetzt stellen:

Rückt das Ende der Negativzinsen näher?

Das Ende der Negativzinsen liegt nach wie vor in ziemlich weiter Ferne. Die Zinspolitik der Banken und Sparkassen orientiert sich stark an der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank, und die ist wie beschrieben noch sehr zurückhaltend bei der Frage nach Zinssteigerungen. Gegenwärtig müssen Geldinstitute selbst einen negativen Zins zahlen, wenn sie bei der EZB Geld hinterlegen – diesen geben sie in mittlerweile ziemlich großem Ausmaß an ihre Kunden weiter. Nach Angaben der Finanzplattform Biallo haben allein im Jahr 2021 insgesamt rund 300 Banken und Sparkassen ein sogenanntes Verwahrentgelt für Guthaben auf dem Tagesgeld- oder Girokonto eingeführt. Insgesamt nehmen inzwischen 555 Institute Negativzinsen von Privatkunden, heißt es von Biallo. Im Firmenkundengeschäft sind es demnach 580 Institute.

Was ist künftig zu erwarten? Zunächst muss die EZB ihren Zins anheben. Banken und Sparkassen werden darauf erfahrungsgemäß erst mit Verzögerung reagieren. Den eigenen Aussagen der EZB zufolge wird der Leitzins, der für Einlagen von Banken und Sparkassen momentan minus 0,5 Prozent beträgt, frühestens 2023 steigen. "Ich gehe davon aus, dass der Leitzins der EZB Ende 2023/Anfang 2024 wieder im Plus liegt", sagt Daniel Hartmann, Chefvolkswirt beim Anlagehaus Bantleon. "Dann dürfte – zumindest vorübergehend – auch das Ende der Negativzinsen beginnen." Hartmann macht allerdings eine Einschränkung: Der Druck auf Banken und Sparkassen, Negativzinsen auf Einlagenkonten zu berechnen, dürfte bereits nächstes Jahr spürbar abnehmen, sagt er.

Auch Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, hatte kürzlich zu manager magazin gesagt: "Mit einem Wegfall der negativen Zinsen als Grundlage für die Verwahrentgelte sollte man wohl erst in zwei Jahren rechnen."

Welche Entwicklung ist beim Tages- und Festgeld zu erwarten?

Ein Blick auf Übersichten wie jene des Finanzvergleichsportals FMH  zeigt: Die Zinsen, die Anleger für Tages- oder Festgeldanlagen bei deutschen Banken und Sparkassen bekommen, sind momentan beinahe null oder liegen sogar darunter, im negativen Bereich. Höhere Zinsen kann zwar beispielsweise bekommen, wer sein Geld über Anbieter wie Weltsparen oder Zinspilot bei Instituten im europäischen Ausland unterbringt. Allerdings müssen Sparer dort stets auch mit einem höheren Risiko rechnen, sie sollten sich daher in jedem Fall zunächst über die jeweilige Einlagensicherung informieren. Zudem sind auch bei Geldhäusern außerhalb Deutschlands selten Zinsen von mehr als 0,7 Prozent zu bekommen. Sie liegen damit ebenfalls deutlich unter der Inflationsrate, die in der Euro-Zone zuletzt 5 Prozent betrug. Solche Einlagen bringen daher einen realen Vermögensverlust mit sich.

Das sind schlechte Nachrichten – und sie werden in nächster Zeit kaum besser. Auch die Zinsen auf Tages- und Festgeld hängen stark von der EZB-Zinspolitik ab, und die ist, wie beschrieben, sehr zögerlich. Folge: "Wirkliche Zinsteigerungen" sind in nächster Zeit in diesem Bereich kaum zu erwarten, sagt FMH-Chef Max Herbst. Auch Bantleon-Volkswirt Hartmann meint: "Bis also wieder nennenswerte Zinsen auf Tages- oder Festgeld gezahlt werden, sollten noch mindestens zwei Jahre vergehen."

Wie sieht es mit den Zinsen auf Sparbücher und Konten aus?

Kurze Antwort: Ähnlich wie beim Tages- und Festgeld. "Auch die Sparbuchzinsen und Guthaben auf dem Girokonto werden keine wirklichen Zinserhöhungen erleben", sagt FMH-Chef Herbst. "Es müssen erst mal die Negativzinsen oder Verwahrentgelte abgebaut werden."

Bantleon-Experte Hartmann erwartet frühestens in zwei Jahren "eine kleine positive Verzinsung" auf Sparbücher und Konten. "Ob darüber hinaus in absehbarer Zeit auch wieder die früher üblichen 3 Prozent pro Jahr erreicht werden, ist indes fraglich", sagt er. "Anstelle des Sparbuchs dürften für den deutschen Sparer eher wieder festverzinsliche Wertpapiere wie Staatsanleihen und Unternehmensanleihen interessant werden. Hier sind bei mittleren Laufzeiten bis zur Mitte des Jahrzehnts wieder Kupons von 3 Prozent bis 5 Prozent möglich."

"Die Zinsen werden auch im Euroraum steigen in diesem Jahr", sagte kürzlich auch Dekabank-Chefvolkswirt Kater. "Das betrifft aber noch nicht das Sparbuch oder das Girokonto. Denn diese hängen am Leitzins der EZB. Und die ist weiterhin sehr zögerlich mit ihrem Zinsinstrument.

Werden die Zinsen für Konsumentenkredite steigen?

Die Übersicht von FMH  zeigt: Auch mit den Zinsen für Ratenkredite ging es in den vergangenen Jahren sukzessive abwärts. Allerdings erreichten die Kreditkosten nie das niedrige Niveau der Guthabenzinsen. Laut FMH-Index betrug beispielsweise der Zins auf einen Kredit mit 48 Monaten Laufzeit noch vor zwei Jahren bei hiesigen Banken und Sparkassen im Schnitt mehr als 4 Prozent. Inzwischen sind es nur noch 3,6 Prozent.

Sprich: Viele Geldinstitute lassen sich inzwischen sowohl bezahlen, wenn sie Geld von Kundinnen und Kunden annehmen, als auch, wenn sie es an sie ausleihen. In diesem Fall lautet allerdings die gute Nachricht: So schnell dürften auch die Zinsen für Konsumentenkredite kaum steigen. Der Grund: Banken refinanzieren diese Kredite zum Großteil über Tages- und Festgeldanlagen. Wenn die Anlagezinsen nicht steigen, sollte es also auch mit den Kreditzinsen kaum nach oben gehen.

Wird Baugeld teurer werden?

Bei den Zinsen auf Hypothekenkredite, die für den Bau eines Hauses oder den Kauf einer Wohnung vergeben werden, ist die Situation Experten zufolge eine andere. Solche Kredite werden von den Banken anders refinanziert, weshalb sich ihre Verzinsung eher an der Rendite der Bundesanleihen orientiert. Diese Rendite ist im Zuge des allgemeinen Zinsanstiegs an den Finanzmärkten in den vergangenen Monaten – wie beschrieben – bereits gestiegen. Mitte Januar erreichte sie erstmals seit Langem positives Terrain, seither pendelt sie um den Nullpunkt.

Im gleichen Zuge ist in den vergangenen Monaten auch das Niveau der Hypothekenzinsen gestiegen, wenn auch in überschaubarem Ausmaß. Laut FMH betrug der Zins für einen Baukredit mit zehn Jahren Laufzeit noch vor einem Jahr im Schnitt etwa 0,6 Prozent. Inzwischen sind es mehr als 1 Prozent. Experten wie FMH-Chef Herbst erwarten zudem vor dem Hintergrund der absehbaren Entwicklung bei Inflation und Notenbankpolitik auch künftig weiter steigende Hypothekenzinsen. "Das Baugeld für 10 Jahre fest dürfte sich bei etwa 1,5 bis 1,75 Prozent einpendeln", sagt Herbst.

Auch Kurt Neuwirth vom Immobilienfinanzierer Neuwirth Finance in Starnberg sagt: "Die langfristigen Immobilienkredite werden um 0,5 Prozentpunkte steigen können." Neuwirth glaubt allerdings, dass es danach mit den Zinsen wieder abwärts gehen kann.

Dabei gibt es noch einen weiteren Grund, der für künftig teureres Baugeld spricht. Der Preisboom an deutschen Immobilienmärkten macht zunehmend Finanzaufseher nervös. Sie befürchten, dass am Immobilienmarkt eine spekulative Übertreibung entstehen könnte, sprich eine Blase, deren Platzen Immobilienbesitzer und Banken in Not versetzen könnte. Die Finanzaufsicht Bafin hat vor dem Hintergrund jüngst angekündigt, die Anforderungen an Banken bei der Vergabe von Hypothekenkrediten zu verschärfen. So sollen die Institute künftig zusätzliche Rücklagen bilden, um den gestiegenen Risiken im Finanzsystem Rechnung zu tragen.

Fachleuten zufolge kann diese Maßnahme der Bafin auf die Hypothekenzinsen durchschlagen. "Durch die neuen Auflagen wird es für Banken teurer, sich zu refinanzieren", sagt etwa Michael Neumann, Vorstand beim Finanzdienstleister Dr. Klein. Neumann schränkt allerdings ein, dass Banken wohl nur einen Teil der Kosten an ihre Kunden weiterreichen werden. Die Folge dürfte dennoch sein, dass Baugeld auch durch diesen Einfluss teurer werden wird.

Was heißt das für die Immobilienpreise?

Während der vergangenen Jahre war immer wieder zu hören, die niedrigen Hypothekenzinsen seien der entscheidende Treiber des Immobilienbooms und der damit einhergehenden Preissteigerungen bei Wohnungen und Häusern. Sobald die Zinsen wieder steigen, so der Tenor, könnte sich der Trend umkehren – und die Immobilienpreise wieder fallen. Steht das nun bevor?

Die Antwort lautet: Ja, die Immobilienpreise dürften fallen, wenn die Zinsen steigen. Allerdings sind bislang lediglich geringe Zinssteigerungen absehbar. Zudem ist die Preisreaktion erst mit Verzögerung zu erwarten.

Maximilian Könen, Managing Director Investments beim alternativen Immobilienfinanzierer Linus Digital Finance, glaubt beispielsweise, dass eine Erhöhung der langfristigen Zinsen um einen Prozentpunkt für Immobilienkäufer derzeit noch zu vertragen wäre. Erst bei Zinssätzen darüber hinaus würde es seiner Ansicht nach unattraktiver für Häuslebauer, Immobilien zu den heutigen Preisen zu kaufen – die Preise müssten mithin nachgeben, um den Markt in Gang zu halten. "Ich glaube, dass die Preise etwas träge sind und erst mit etwas zeitlichem Verzug von sechs bis zwölf Monaten reagieren", fügt Könen hinzu.

Wie reagiert die Börse auf steigende Zinsen?

Wer am Aktienmarkt investiert, wird feststellen, dass die Kurse in der Regel nachgeben, sobald die Zinsen steigen oder auch nur Zinssteigerungen in Aussicht gestellt werden. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen gilt die lockere Geldpolitik der Notenbanken als Triebkraft des Börsenaufschwungs der vergangenen Jahre: Ein Großteil des "billigen Geldes" floss in die Finanzmärkte und sorgte dort für steigende Kurse.

Zum anderen werden allerdings auch andere Anlageformen wie etwa Staatsanleihen attraktiver, wenn das Zinsniveau steigt. Anleger können also geneigt sein, Kapital in diese Investments umzuschichten, was ebenfalls das Kursniveau am Aktienmarkt tendenziell belastet.

Nicht zuletzt bedeuten steigende Zinsen für viele Unternehmen, deren Aktien an der Börse gehandelt werden, höhere Finanzierungskosten. "Für die Unternehmen werden die steigenden Zinsen zur immer größeren Belastung", sagt Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensberater QC Partners. "Damit steigen die Kapitalkosten, gleichzeitig sinken Margen und Gewinne."

Auch am Mittwoch schloss die US-Börse nach anfänglichen Gewinnen im Minus, nachdem Fed-Chef Powell beim Thema bevorstehende Zinserhöhungen konkret geworden war.

Kann das steigende Zinsniveau zum Problem für den Staatshaushalt werden?

Ungefähr 403 Milliarden Euro will sich der Bund allein in diesem Jahr von Investoren leihen, davon etwa 56 Milliarden über konventionelle Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit – klar, dass das steigende Zinsniveau da eine Rolle spielt. Jeder Prozentpunkt, um den die Anleihenrendite steigt, bedeutet für Finanzminister Christian Lindner (43, FDP) zusätzliche Finanzierungskosten. In Schwierigkeiten gerät der Finanzminister durch die aktuellen Bewegungen Experten zufolge zwar nicht. Künftig kann sich das aber ändern.

"Dass die Nulllinie überschritten wurde, hat für sich genommen keine große Bedeutung, insbesondere nicht für die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen", sagt etwa der Steuerschätzer und Experte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Jens Boysen-Hogrefe. Sollte sich der Trend aber manifestieren und die Renditen weiter zunehmen, dürfte die Defizitfinanzierung nach Ansicht von Boysen-Hogrefe zunehmend problematisch werden. "Dies gilt dann nicht nur für den Bund, sondern für die öffentlichen Finanzen im gesamten Euroraum." Viele Euro-Länder wie Italien sind stärker verschuldet als Deutschland.

Zwar sei mit dem jüngsten Sprung der Rendite über die Nulllinie eine symbolische Marke geknackt worden, sagte auch der haushaltspolitische Sprecher der FDP, Otto Fricke. "Der zusätzliche Puffer im Haushalt, den es in den letzten Jahren immer gegeben hat, fällt jetzt aber weg." Das werde sich im Jahresverlauf immer stärker auswirken. "Ich erwarte, dass sich die Zinsausgaben 2022 mindestens verdoppeln werden, allerdings von niedrigem Niveau kommend."

Bantelon-Chefökonom Hartmann beschwichtigt allerdings. "Wir gehen davon aus, dass die Renditen von Bundesanleihen in den nächsten Jahren im mittleren Laufzeitbereich in Wellen von auf etwa 2 bis 2,5 Prozent steigen", sagt er. "Damit nimmt die Zinsbelastung im deutschen Staatshaushalt zwar sukzessive etwas zu, bleibt aber immer noch moderat."

Als Beleg führt Hartmann einen Vergleich an: Anfang der 2000er-Jahre lag die Staatsverschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf ähnlichem Niveau wie heute, sagt der Fachmann. Der durchschnittliche Zinssatz habe jedoch 5 Prozent betragen. "Er war damit ein deutlich größerer Belastungsfaktor als das, was wir in den nächsten Jahren erwarten können", sagt Hartmann.