Mittwoch, 13. November 2019

Börsenprofi Robert Halver erklärt Wie sich Christine Lagarde von Mario Draghi unterscheidet

Christine Lagarde und Mario Draghi
Eric PIERMONT / AFP
Christine Lagarde und Mario Draghi

Nach acht Jahren Dienstzeit ist Mario Draghi als EZB-Chef in Rente gegangen. Er hinterlässt ein streitbares Erbe: Einerseits rettete er die Eurozone, andererseits etablierte er sich als Zinsvernichter.

Robert Halver
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    Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

Ab 2011 verhinderte Draghi den Zahlungsausfall von Ländern wie Italien, was die Eurozone insgesamt hätte ausfallen lassen. Zur Abwendung einer dann auch Depression waren nicht nur massive Leitzinssenkungen, sondern gewaltige Anleihekäufe über 2,6 Billionen Euro erforderlich.

Was jedoch zum konjunkturellen Erfolg fehlt, ist ein wirtschaftspolitisch gut gedüngter Standort. Doch sind die Regierungen der Euro-Länder nicht mehr gezwungen, über Wähler vergraulende, da schmerzhafte Reformmaßnahmen für gute Bonitäten und somit günstige Zinsbedingungen zu sorgen.

Die Großoffensive der EZB hat gewaltige Nebenwirkungen

Das übernimmt die EZB mit planwirtschaftlicher Zinsdrückung. Und so haben die mickrigen Anleiherenditen in Italien mit guter Bonität so wenig gemeinsam wie Zucker mit Salz. Apropos Italien, die neue Regierung darf sich alle Schuldensünden ohne Beanstandung der EU erlauben, wenn damit die politische Wiederkehr des Euro-kritischen Matteo Salvini bei z.B. Neuwahlen verhindert wird.

Die permanente Krisenintervention der EZB hat zu einer dauerhaften Guthabenkrise der Zinssparer geführt. Berücksichtigt man die offizielle Inflation, so liegen die in Deutschland erzielbaren Zinsen real weit unter Null. Die Entschuldung des Staates ist die Entreicherung der Zinssparer.

Daneben hat der Zins als effektives Steuerungsinstrument ausgedient. Es werden unzählige Fehlinvestitionen auch wegen Anlagenotstand getätigt, die bei höheren Zinskosten zu Recht unterblieben, siehe Immobilien.

Solange die Eurozone existiert, wird es keine wirklich hohen Zinsen mehr geben können. Denn Zinsschocks hält das völlig überschuldete und finanzierungsverwöhnte Finanzsystem immer weniger aus.

Leider kommt unsere Regierung nicht auf die Idee, die absehbare Altersarmut, die mit Zinssparen und klassischen Lebensversicherungen verbunden ist, zu bekämpfen. Sinnvoll wäre die steuerliche Begünstigung des regelmäßigen Aktiensparens. Aus dem betrüblichen Weltspartag sollte dringend der freudige Weltaktientag werden.

Wer ist schuld an der zügellosen Geldpolitik?

Mario Draghi trägt nicht die alleinige Schuld. Seine Geldpolitik wird missbraucht als willfähriger Erfüllungsgehilfe reformfauler Politiker. Und so ist auch die Kritik vieler Politiker in Deutschland unfair. Ohne Eingreifen der EZB hätten wir heute längst Euro-Anleihen, bei denen Deutschland mit seinem guten Leumund für die schlechte Bonität anderer Euro-Länder haften müsste. Dann hätte Deutschland aus Risikogründen höhere Kreditzinsen zu zahlen und eine schwarze Null wäre so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl.

Allerdings besteht auch kein Grund, Herrn Draghi heiligzusprechen. Nicht umsonst hat die deutsche Notenbankerin Sabine Lautenschläger das EZB-Direktorium verlassen. Draghi hat sich zu sehr als Einzelkämpfer aufgeführt, das geldpolitische Mandat nach eigenem Gutdünken ausgeweitet und die konstruktive Kritik der Bundesbank zu oft weggewischt.

Wofür steht Christine Lagarde?

Wird Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde auf geldpolitischen Umkehrschub schalten, die Happy Hour der EZB beenden?

Vom Ruf her gilt Frau Lagarde eher als stabilitätspolitische Weichspülerin. Daher geht es auch ihr primär um den Erhalt der Eurozone, nicht um die Stabilität der Finanzen. Eine der Ordnungspolitik verpflichtete Ausrichtung der EZB wie früher bei der Bundesbank ist nicht zu erwarten. Inflationsauftrieb ist gewünscht, denn sie frisst Staatsverschuldung wie von Geisterhand auf. Böse Zungen sagen sogar voraus, dass unter ihr die heiligste aller Stabilitäts-Kühe - die strikte Trennung von Geld- und Finanzpolitik - vollends aufgegeben wird. Sie werden zu Blutsbrüdern: Sollte kein privater Investor z.B. italienische oder griechische Staatsanleihen zu viel zu niedrigen Renditen abnehmen, muss die Notenbank ran.

Dieser Sündenfall soll moralisch mit den vermeintlich edlen Motiven des Staats geheilt werden, der an das Gute, an das Gemeinwohl, denkt. Gerne wird dabei auf Amerika und China verwiesen. Dort finanziert die Notenpresse doch auch Wirtschaftswachstum. Da ist es doch nur gerecht, dem amerikanisch-asiatischen Beispiel schon aus Gründen der Konkurrenzfähigkeit zu folgen. Überhaupt sorgt billiges Geld für eine Währungsabschwächung des Euro, was Exportstimulierung begünstigt.

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Selbstverständlich, wie für alle neuen Amtsträger gilt eine Schonzeit von 100 Tagen, in der man Frau Lagarde in Ruhe gewähren lassen sollte. Allerdings, als Französin ist sie als Ausgleich für die Ernennung einer Deutschen, Frau von der Leyen, als EU-Kommissionspräsidentin in das Amt der Notenbankpräsidentin gekommen. Frankreich, das der deutschen Stabilitätskultur - ich sage es freundlich - wenig zugetan ist, wusste sehr wohl, wen es an die Spitze der EZB befördert.

Madame Lagarde wird sich vor allem verbal bemühen. Aber ehe sich die EZB unter ihr stabilitätspolitisch vom Saulus zum Paulus wandelt, wird Uli Hoeneß Ehrenpräsident von Borussia Dortmund. Wetten, dass…?

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