Dienstag, 18. Juni 2019

Börsenprofi Carsten Klude zeigt Trotz niedriger Zinsen - auch Anleihen bringen Geld

Bargeld lacht: Auch Anleihen können das Vermögen mehren.
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Bargeld lacht: Auch Anleihen können das Vermögen mehren.

In den vergangenen Wochen wurde viel über die phänomenale Entwicklung an den Aktienmärkten gesprochen. Trotz eines schwachen Mai hat der Dax Börsen-Chart zeigen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um fast 14 Prozent zugelegt und damit die schwache Entwicklung des Vorjahres zumindest zum Teil vergessen lassen. Viele Anleger, die ihr Vermögen gar nicht oder nur zum Teil in Aktien investiert haben, werden sich nun womöglich ärgern. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass die jeweilige Anlagestrategie auch zum Risikoprofil des Investors passen muss. Während in Zeiten steigender Aktienkurse die eigene Aktienquote oftmals als zu niedrig empfunden wird, gilt für den Fall nachgebender Börsen das genaue Gegenteil. Dies führt zu prozyklischen Anpassungen der Investitionsquote und suboptimalen Anlageergebnissen. Entscheidend für den Anlageerfolg ist die richtige strategische Asset Allokation. Diese muss einerseits den Renditeerfordernissen des Anlegers entsprechen, andererseits aber auch dessen Risikotoleranz berücksichtigen.

Carsten Klude
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    Carsten Klude ist Chefvolkswirt der Privatbank M. M. Warburg in Hamburg.

Von daher sind Anlagestrategien, die zu 100 Prozent in Aktien investieren, für die wenigsten Anleger geeignet. Doch wie soll man den verbleibenden Teil des Vermögens allokieren? In Zeiten, in denen das Geld auf dem Tagesgeldkonto oder auf dem Sparbuch bestenfalls unverzinst herumliegt, ist mit einer solchen Anlage nicht einmal der reale Vermögenserhalt gesichert, wenn die Inflationsrate größer als null ist. Gerade in Deutschland erfreut sich daher die Immobilienanlage einer großen Nachfrage. Die Argumente hierfür sind geradezu bestechend: Die Preise kennen seit zehn Jahren nur eine Richtung, nämlich die nach oben, und gleichzeitig hat die Immobilie den Charme, dass im Gegensatz zur Aktie nicht rund um die Uhr eine Wertermittlung stattfindet. Allerdings - und das kann ein entscheidender Nachteil sein - sind Immobilien illiquide. In unserer Vermögensverwaltung kommen solche Vermögensgegenstände deswegen nicht zum Einsatz.

Statt dessen wird der Teil des Vermögens, der nicht in Aktien angelegt wird, in Anleihen investiert. Aber wenn die Zinsen so niedrig sind wie derzeit, ist eine Investition in Anleihen dann nicht genauso sinnlos wie das Geld auf dem Konto zu belassen? Die klare Antwort auf diese Frage lautet "nein". Denn die Wertentwicklung einer Anleihe hängt von zwei Komponenten ab: erstens dem Kupon, zweitens dem Kurs der Anleihe.

Normalerweise wird eine Anleihe zu einem Kurs von 100 ausgegeben und zum selben Kurs am Ende der Laufzeit wieder zurückgezahlt. Für Anleger, die diese Anleihe über die gesamte Laufzeit halten (man spricht von einer sogenannten Buy-and-Hold-Strategie) ist somit insgesamt auch nur der Kupon zu verdienen. Während der Laufzeit kann der Kurs der Anleihe aber steigen oder auch fallen, sodass ein zusätzlicher Werttreiber entsteht, wenn man ein geschicktes Anleihenmanagement betreibt. Die Kursentwicklung hängt dabei unter anderem von der allgemeinen Marktzinsentwicklung, der Bonität des Schuldners und der Risikoneigung der Anleger ab.

Seit Beginn des Jahres 2019 haben sich nicht nur die Aktien-, sondern auch die Anleihenkurse sehr positiv entwickelt. Von daher müssen sich Anleger, die nicht ihr gesamtes Vermögen in Aktien investiert haben, nicht grämen. Sofern sie ihr Geld nicht auf dem Konto gelassen, sondern es in Anleihen investiert haben, konnten damit ansehnliche Wertzuwächse generiert werden. Trotz sehr niedriger Zinskupons bei europäischen Staatsanleihen konnte mit diesen seit Jahresbeginn eine Wertsteigerung von 3,2 Prozent (gemessen am iBoxx Euro Sovereigns Index) erzielt werden.

Staatsanleihen aus Griechenland, Portugal und Spanien entwickelten sich überdurchschnittlich gut, Anleihen aus Italien dagegen schwächer. Die gute Wertentwicklung der Staatsanleihen ist erstaunlich, weil sich die Kurse von Staatsanleihen und Aktien häufig in entgegengesetzte Richtung entwickeln. Ist die Skepsis der Anleger groß, verkaufen diese normalerweise ihre risikobehafteten Wertpapiere (wie Aktien) und kaufen dafür im Gegenzug sichere Anleihen von Schuldnern, denen man zutraut, die Zinszahlungen zu bedienen und das Wertpapier bei Fälligkeit auch zurückzuzahlen.

Noch etwas besser als Staatsanleihen haben sich Unternehmensanleihen entwickelt. Europäische Unternehmensanleihen mit einem Investmentgrade-Rating notieren seit Jahresbeginn mit 3,6 Prozent im Plus. Auch am Anleihemarkt ist festzustellen, dass die Segmente, die das höchste Risiko tragen, in diesem Jahr die beste Wertentwicklung aufweisen: High-Yield-Unternehmensanleihen (Anleihen, die kein Investmentgrade-Rating von mindestens BBB- aufweisen) haben in Europa seit Jahresbeginn um knapp 6 Prozent im Wert zugelegt, ihre Pendants in den USA sogar um 8 Prozent (in US-Dollar). Und auch mit US-Dollar-Anleihen aus Schwellenländern konnte in diesem Jahr schon 6 Prozent verdient werden.

In unserer ausgewogenen Vermögensverwaltungsstrategie, die zu maximal 50 Prozent in Aktien investieren kann und in der die Aktienquote derzeit bei gut 30 Prozent liegt, konnten wir dank einer guten Mischung verschiedener Anleihen in diesem Jahr bereits ein Plus von fast 7 Prozent vor Kosten erzielen.

Zumindest auf den ersten Blick scheint die gleichermaßen positive Wertentwicklung von Aktien und (Staats-) Anleihen inkonsistent zu sein. Die anhaltend hohe Nachfrage nach Sicherheit (Staatsanleihen) zeigt, dass viele Anleger angesichts der derzeitigen Konjunkturdaten weiterhin skeptisch sind, ob und mit welcher Dynamik sich der wirtschaftliche Aufschwung fortsetzt. Gleichzeitig signalisiert der Anstieg der Aktienkurse, dass es genügend Investoren gibt, die zumindest das Szenario einer Rezession ausschließen.

Der vielleicht wichtigste Faktor, der sowohl den Aktien- als auch den Anleihenkursen zugutekommt, ist das Agieren der Notenbanken. Insbesondere die US-Federal-Reserve hat mit ihrer abrupten geldpolitischen Kehrtwende zu Beginn des Jahres die Kursentwicklung an den Kapitalmärkten maßgeblich beeinflusst. Noch Mitte Dezember 2018 erhöhte die US-Notenbank den Leitzins und stellte zudem weitere Zinserhöhungen im Jahr 2019 in Aussicht. Dann folgte im Januar der überraschende Kurswechsel: aufgrund einer schwächeren Konjunkturdynamik und wegen sinkender Inflationsraten wären weitere Zinserhöhungen überflüssig.

Warum die Zinsen niedrig bleiben werden

Für die Aktien- und Rentenmärkte kommt ein derartiges Szenario einem Schlaraffenland (im angelsächsischen Sprachgebrauch sind dies die sogenannten "Goldilocks") gleich. Genügend Wachstum, um die Wirtschaft und die Unternehmensgewinne am Laufen zu halten, aber auch nicht zu viel konjunkturelle Dynamik, die zu höheren Inflationsraten und damit zu einer restriktiveren Geldpolitik führt. Solange neue Wirtschaftsdaten diese Erwartungen bestätigen, dürfte es an den Aktienmärkten zu weiteren Kursgewinnen kommen. Bei den Konjunkturdaten bleiben zwar einige Vorbehalte bestehen, ob es sich hierbei nicht mehr um Wunschdenken als um die Realität handelt. Die Inflation ist hingegen bis auf Weiteres unter Kontrolle. Sollte sich der Ölpreis in der nächsten Zeit nicht deutlich verteuern, wird die Inflationsrate in den USA im Jahresdurchschnitt bei gut 1,5 Prozent und in der Eurozone bei gut einem Prozent liegen. Mit höheren Notenbankzinsen als Spielverderber ist von daher weder dies- noch jenseits des Atlantiks zu rechnen. Die Fed könnte sogar im Jahresverlauf die Zinsen senken, wenn sich zu den niedrigeren Inflationsraten auch noch schwächere Konjunkturdaten hinzugesellen würden.

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Auch für den Rentenmarkt sind dies gute Nachrichten, da weitere Kursgewinne winken. Anleger sollten Anleihen mit längeren Laufzeiten bevorzugen, die von sinkenden Renditen überdurchschnittlich stark profitieren. Solange eine Rezession unwahrscheinlich bleibt, versprechen zudem Unternehmens- und Schwellenländeranleihen mit schwächerer Bonität eine bessere Wertentwicklung als Anleihen mit guter Bonität, zumal die Rendite dieser riskanteren Anleihen derzeit immer noch höher ist als es im Durchschnitt der vergangenen zwei Jahre der Fall war.

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