Neuer Milliardenmarkt Die Spacs kommen - was der Börsentrend für Anleger bedeutet

In den USA bereits ein Milliardenmarkt, kommt der Börsentrend namens "Spacs" auch nach Europa. Immer mehr prominente Investoren steigen ins Geschäft mit den Firmenhüllen ein. Was steckt dahinter?
Trendsetter: Der britische Milliardär Richard Branson (70) brachte seine Raumfahrtfirma Virgin Galactic bereits 2019 per Spac an die New Yorker Börse

Trendsetter: Der britische Milliardär Richard Branson (70) brachte seine Raumfahrtfirma Virgin Galactic bereits 2019 per Spac an die New Yorker Börse

Foto: BRENDAN MCDERMID/ REUTERS

Der frühere Deutsche-Bank-Vorstand Stefan Krause (58) tut es, Ex-Unicredit-Chef Jean Pierre Mustier (60) ebenfalls, dazu noch Rocket-Internet-Vormann Oliver Samwer (48), der deutsche Investor Christian Angermayer (42), Ex-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld (63) und viele prominente Wirtschaftsgrößen mehr: Sie alle mischen mit beim Spac-Boom.

Beinahe täglich laufen zurzeit Meldungen über neue Spac-Gründungen über den Ticker. Vor allem in den USA ist das Geschäft in den vergangenen Monaten geradezu explodiert, doch auch in Europa sowie in Deutschland gibt es erste Deals oder zumindest Pläne dafür. Zählte die Researchfirma Refinitiv in den ersten beiden Quartalen 2020 weltweit noch zusammen 43 Spac-Deals, so waren es allein im dritten Quartal bereits 83 . Insgesamt, so zitiert der US-Sender CNBC Zahlen von Renaissance Capital , wurden 2020 mehr als 200 Spac-Transaktionen mit einem Volumen von zusammen 64 Milliarden Dollar durchgezogen. Im vergangenen und diesem Jahr zusammen hält die US-Bank Goldman Sachs Medien zufolge  ein Marktvolumen von bis zu 300 Milliarden Dollar für möglich - der Spac-Markt befindet sich damit längst auf Augenhöhe mit dem herkömmlichen Geschäft mit Börsengängen.

Höchste Zeit also für eine unschuldige Frage: Was sind eigentlich Spacs? Was hat es mit dem plötzlichen Boom auf sich? Wie funktioniert dieses neue Geschäft, bei dem so viele auch prominente Köpfe der Wirtschaft unbedingt mitmachen wollen?

Hier das wichtigste Wissen über Spacs im Überblick:

Was sind Spacs?

Der Begriff Spac steht für "Special Purpose Acquisition Company", was zu deutsch so viel heißt wie: Ein Unternehmen, das eigens gestartet wurde, um ein anderes oder mehrere andere zu übernehmen. Das heißt: Spacs sind zunächst leere Firmenhüllen, die gegründet und an die Börse gebracht werden. Die Aktien dieser Gesellschaften werden meist zu überschaubaren Beträgen wie etwa zehn Dollar das Stück platziert. Das so eingesammelte Kapital von in der Regel 200 bis 600 oder gar 800 Millionen Dollar steht dem Spac-Management - den sogenannten Sponsoren - dann zur Verfügung, um auf die Suche nach einer Firma zu gehen, die sie erwerben und in den Spac-Mantel überführen können. So gesehen stellt der Weg über eine Spac eine Alternative zum klassischen Börsengang dar.

In der Regel wird dabei die zu suchende Firma im Vorfeld genauer charakterisiert, das Suchfeld also eingegrenzt. Der frühere Unicredit-Chef Mustier beispielsweise gab in dieser Woche bekannt, per Spac ein europäisches Finanzunternehmen an die Börse von Amsterdam bringen zu wollen. Ex-Deutsch-Banker Krause hat sich offenbar auf Elektroauto-Start-ups spezialisiert . Und Investor Angermayer will seine Spac-Suche auf den Biotechsektor fokussieren.

Dabei können sich die Spac-Manager mit ihrem Abschluss aber nicht endlos Zeit lassen. Meist beträgt die Frist, binnen derer eine Übernahme erfolgen muss, maximal zwei Jahre. Gelingt in dieser Zeit kein Firmenkauf, so erhalten die Investoren ihr Geld zurück. Auch Anleger, die mit dem ausgewählten Übernahmeobjekt nicht zufrieden sind, können vor Abschluss des Mergers ihr Geld zurückverlangen.

Welche Vorteile haben Spacs?

Spacs dienen als Kapitalbeschaffungsmaßnahme für Unternehmen, die sich dem Finanzmarkt öffnen wollen. Sie erfordern allerdings deutlich weniger Arbeits- und Zeitaufwand als herkömmliche Börsengänge: Umfangreiche Roadshows beispielsweise, auf denen Investoren überzeugt werden müssen, finden im Spac-Kosmos nicht statt. Damit sind diese Transaktionen in der Regel auch mit geringeren Kosten verbunden.

Auch für Investoren können Spacs Vorteile haben. Zum Beispiel eine breitere Kommunikation als beim herkömmlichen Börsengang, denn die Gesellschaften, die letztlich in die Firmenhüllen übernommen werden, dürfen aufgrund anderer Regularien mehr Informationen preisgeben, als sie in Prospekten zu Börsengängen zu finden sind. Jüngste Erfahrungen zeigen allerdings, dass die Angaben der Firmen, die durch Spacs übernommen werden, mitunter mit Vorsicht zu genießen sind. Insbesondere mit Nikola und Canoo sind zwei Unternehmen in die Kritik geraten, die Investoren eine große Zukunft als Hersteller von Elektroautos versprochen hatten. Bei beiden erwiesen sich Angaben zum Stand der Geschäfte und bestehenden Partnerschaften mit anderen Unternehmen im Nachhinein als nicht valide, was die Aktienkurse erheblich einbrechen ließ.

Spac-Investoren können solche Reinfälle allerdings verhindern - jedenfalls theoretisch: Wer mit einer Übernahme nach genauer Recherche nicht einverstanden ist, gibt vorher seine Spac-Aktien zurück und bekommt den Kaufpreis erstattet.

Warum boomen Spacs ausgerechnet jetzt?

Erste Spacs wurden bereits in den 1990er-Jahren lanciert. Doch erst in den vergangenen Monaten schossen die Umsätze im Geschäft mit den Börsenmänteln förmlich durch die Decke. Vieles spricht dafür, dass diese Entwicklung stark mit der Corona-Krise und den damit verbundenen Unsicherheiten zu tun hat: Wer im Pandemie-Umfeld den langwierigen Weg zu einem traditionellen Börsengang startet, der geht ein gewisses Risiko ein. Wird die (Börsen-)Welt am Ende des Weges, wenn die Platzierung ansteht, immer noch die gleiche sein?

Die Alternative, die sich beinahe aufdrängt, heißt Spac. Diese Deals lassen sich vergleichsweise schnell und unkompliziert über die Bühne bringen, zum Vorteil aller Beteiligten: Der Zielfirmen, die an der Börse debütieren wollen, der Investoren, die auf Rendite hoffen, und der Sponsoren, die ebenfalls ihren Schnitt machen wollen (in der Regel sichern sich die Sponsoren einen Anteil von 20 Prozent an der Spac vorab, und zwar kostenlos).

Wovon hängt der Erfolg der Spacs ab?

Der Erfolg einer Spac-Transaktion und damit auch die Rendite, die am Ende für die Investoren drin ist, steht und fällt mit dem Management, das an der Spitze des Spac-Teams steht, also mit den Sponsoren. Dort ist Expertise erforderlich, ebenso wie Erfahrung und eine gute Vernetzung im Zielmarkt. Die Wahl der Betätigungsfelder von Banker Mustier (Finanzunternehmen) oder Investor Angermayer (Biotech, wo er bereits viel Erfahrung hat) kommen also nicht von ungefähr.

Ähnliches gilt für verschiedene prominente Köpfe, die in den USA dabei sind: Milliardär Alec Gores (68) will über seine Spac eine 3D-Drucker-Firma an die Börse zu bringen, Ex-Citigroup-Manager Michael Klein arbeitet bereits an seiner inzwischen siebten Spac, für die er eine Milliarde Dollar einsammeln will. Berühmte Investoren wie die Hedgefonds-Chefs Bill Ackman (54) und Dan Loeb (59) oder Social-Capital-Chef Chamath Palihapitiya (44) haben ebenfalls Milliarden eingesammelt.

Diese Namen sind es, auf die Investoren ihr Hauptaugenmerk richten sollten. Denn da es über die zu erwerbende Gesellschaft zum Zeitpunkt der Spac-Emission bestenfalls eine branchenspezifische oder regionale Eingrenzung gibt, ist das Management das Einzige, worauf ein Anleger seine Entscheidung stützen kann. Nicht vergessen sollte er dabei, wie die Vergütung der Manager geregelt ist. Denn daraus geht hervor, mit welcher Motivation sie zu Werke gehen.

Welche Risiken und Nachteile gibt es?

Ein Risiko bringt der Spac-Boom wie jede überschwängliche Aufschwungphase am Kapitalanlagemarkt mit sich: die Gefahr von Übertreibungen und Rückschlägen. Investoren sollten nicht vergessen, dass für die vielen Milliarden Dollar, die in die Spacs fließen, auch ausreichend attraktive Investitionsziele vorhanden sein müssen. Das heißt: Aufstrebende, wachsende Unternehmen, die sich im Idealfall unter ihrem tatsächlichen Wert erwerben lassen. Kann das wirklich in jedem einzelnen Spac-Fall gelingen? Oder droht nicht die schiere Menge an Investitionsmitteln den Markt zu verzerren und die Preise in die Höhe zu treiben?

Negative Beispiele für rückblickend missglückte Spac-Deals gibt es bereits. Ein prominentes ist der Elektro-Lkw-Bauer Nikola. Nachdem das Unternehmen mit seinem schillernden Chef Trevor Milton (38) 2020 an der Börse debütiert hatte, schossen die Aktien zunächst in die Höhe. Doch dann gab es Betrugsvorwürfe und Shortseller-Attacken. Schließlich zog sich General Motors von einer geplanten Beteiligung zurück - und der Aktienkurs verlor den Boden.

Fragwürdig kann zudem die Gewohnheit erscheinen, dass Spac-Sponsoren in der Regel 20 Prozent der Anteile kostenlos erhalten. Aufgrund dieser Konstruktion können sich für die Manager auch Deals rechnen, die für die übrigen Investoren eher unattraktiv erscheinen, sagen Kritiker. Auch darüber sollten sich Anleger Gedanken machen, bevor sie in eine Spac-Offerte einsteigen.

cr
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