Montag, 14. Oktober 2019

Anlageprofi Robert Halver erklärt So kann Europa vom Zwist zwischen USA und China profitieren

Verschiedene Blickrichtungen: US-Präsident Trump und Chinas Präsident Xi sind in der Handelspolitik uneins.

Der alte Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion ist tot. Es lebe der neue Kalte (Handels-)Krieg zwischen Amerika und China. Während der frühere kalt blieb, wird der jetzige immer heißer. Denn US-Präsident Donald Trump hat erkannt, dass er heute China nicht einfach so "Kaputtrüsten" kann wie früher Ronald Reagan die Russen.

Robert Halver
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    Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarkt-analyse der Baader Bank AG und bekannt durch regelmäßige Medienauftritte und als Kolumnist. Mit Wertpapieranalyse beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

China hat einen langen Atem. Sein Präsident Xi Jinping ist allmächtig und wenn er will, ist er wie der Papst lebenslang im Amt. Tatsächlich hat Trump für die harte chinesische Nuss noch keinen Nussknacker gefunden. Sein Handelsprotektionismus kommt sogar als Bumerang in die USA zurück: So wissen die Farmer nicht mehr, ob sie Trump als Heiligenbild oder Wurfscheibe an die Wand hängen sollen. Ebenso macht Trumps Handelskrieg Amerikas Aktienanleger ärmer.

Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein

Im Kampf um die Weltherrschaft sucht Amerika Verbündete gegen China. So scheint Trump die transatlantische "We Are Family"-Allianz gegen alles Böse aus dem (Fernen) Osten wiederzubeleben. Großzügig wie er normalerweise nicht ist, gewährt er Europa eine weitere handelspolitische Zollpause von 180 Tagen.

Doch seine Leistung gibt es nicht ohne unsere Gegenleistung. In dieser halbjährigen Friedenszeit will er überlegen, ob und inwieweit die USA protektionistisch gegen Europa vorgehen. Entscheidend wird sein, ob wir Amerikas fester Waffenbruder im Kampf gegen China werden. Trump erwartet, dass Europa sich seinem Boykott gegen Huawei anschließt.

Ohne Zweifel, für Europa ist China ein gewaltiger Rivale. Peking betrachtet Europa als sein Revier, in dem es nach Herzenslust Industriewissen erbeutet. Umgekehrt ist China für Europas Investoren vielfach eine No-Go-Area. Überhaupt, die Volksrepublik will zu ihrem 100-jährigen Geburtstag 2049 in allen Schlüsselindustrien führend sein. Als dann geplant führender Wirtschaftsstandort wird China große Teile der weltweiten Produktion ins eigene Land holen. Das ist eine eindeutige Kampfansage vor allem an Industrie-Deutschland.

Nicht zuletzt könnte der Netzwerkausrüster Huawei China über den Aufbau des neuen Mobilfunkstandards 5G in Europa durchaus zum Beherrscher der digitalen Euro-Welt machen. Droht da etwa Spionage? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Theoretisch könnte Europa der lachende Dritte sein…

Die EU scheint sich zwischen amerikanischem Druck und dem immer bedeutenderen chinesischen Absatzmarkt entscheiden zu müssen. Nein, muss sie nicht! Die EU könnte ihren eigenen Weg gehen. Offenbar ist weder Amerika noch China so stark, dass sie sich gegenüber dem anderen durchsetzen können. Und über ihren bilateralen Handelskrieg schwächen sie sich sogar immer mehr.

Das gibt Europa gute Karte, beide Seiten zum eigenen Wohl gegeneinander auszuspielen, sich diplomatisch mal für die eine oder die andere Seite auszusprechen. Und wenn die USA ihre Liebe zu Europa aufgegeben haben, sollten auch wir uns egoistisch als vielseitig orientierter Mitgiftjäger betätigen. Und den Chinesen sollten wir (Handels-)Regeln abverlangen, solange es noch geht.

…Die Sache einen Haken

Doch dazu muss die EU erstens zusammenhalten und zweitens ihre (wirtschafts-)politischen Hausaufgaben machen.

Es ist europäische Wehrkraftzersetzung, wenn der französische Präsident vom Narrativ, Deutsche und Franzosen seien so gute Freunde, nichts mehr wissen will. Wenn sich schon die beiden nicht mehr grün sind, wie soll dann Europa mit 28 - bzw. ohne die EU-renitenten Briten mit 27 - aufblühen?

Entlang der Seidenstraße investieren die Chinesen umfangreich in Logistik, auch in EU-Ländern. Doch die Hand, die großzügig gibt, hat auch ein sehr einnehmendes Wesen. Peking wird von den Begünstigten Wohlverhalten erwarten, unabhängig von den Interessen der EU. Ländern wie Griechenland oder Italien sollte das europäische Hemd näher sein als der chinesische Mantel. Ohne ein stabiles Europa könnten sie von chinesischem Opium abhängig werden.

Genauso wichtig ist es, dass Europa auf die digitalen Herausforderungen der Industriewelt nicht weiter mit spätrömischer Dekadenz reagiert. Während Amerikaner und Chinesen den Bären jagen, verteilen wir schon sein Fell, ohne ihn erlegt zu haben. Ohne starke wirtschaftliche Grundlage lässt sich der europäische Sozialstaat zukünftig nicht mehr bezahlen.

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Europas Politiker müssen das Schicksal Europas endlich verantwortungsvoll in ihre Hände nehmen, um gegenüber Amerika und China nicht zum willfährigen Spielball zu werden.

Wann fällt hier der Groschen beziehungsweise das 10-Cent-Stück?

Überhaupt, ein bisschen mehr europäisches Gewicht auf der geostrategischen Waage täte auch dem europäischen Aktienmarkt im Vergleich zu seinen Konkurrenten aus West und Fernost gut.

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